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Ruh zu begeben; wie er vor der Tür des Zimmers, bis wohin ich unter der Versicherung, ihm am Morgen sogleich Nachricht von der Kranken zu geben, ihn begleitet hatte, Abschied nahm, ergriff den sonst schwerfälligen Mann das Gefühl der Verpflichtung, die er mir zu haben glaubte, er fasste meine beiden hände und, sie festaltend, drückte er mit dem Ausruf: "Gott lohne Dir frommen Mädchen deine Liebe!" seine Lippen auf meine Stirn. In demselben Augenblick gewahrte ich Mistriss Boswell, die ihres Gatten nächtliche Abwesenheit aus seinem Schlafzimmer musste wahrgenommen haben und jetzt im nachlässigsten Nachtkleide an der Tür des Vorzimmers uns belauschte. Erstarrt von Schrecken und Erwartung der kommenden Dinge, blieb ich stehen; sie aber fuhr wie eine Furie auf uns zu und rief mit bebenden Lippen: "Schön! o schön! nun habe ich genug gesehen! aber ich werde nicht so törig sein dergleichen zu leiden. Nein, das werde ich nicht." – Bei diesen schimpflichen Worten sah ich mich um Schutz nach Herrn Boswell um, allein sein unmännlich furchtsamer Ausdruck ergrimmte mich so, dass meine Fassung zurückkehrte. Mit Stolz und Verachtung rief ich ihr zu: "Was wollen Sie nicht dulden, gnädige Frau? Ihre eignen törigen Träume? Das würde ich Ihnen raten." – Feig und ungeschickt wie sie war, erlosch ihre Heftigkeit vor meiner festen Rede, allein ihr Gift strömte fort, mit wankender stimme sagte sie: "Ich gedenke mit Ihnen keine Worte zu wechseln, allein ich bitte Sie, Miss Percy, mein Haus friedlich zu verlassen und nicht durch Ihr Bleiben andrer Leute Ehemänner ..." Hier verliess mich selbst der Wunsch, gefasst zu erscheinen, ich rief mit erstickter stimme: "Wenn ich nicht fürchtete mehr zu sagen, wie einer Christin geziemt, so würde ich Ihnen antworten" – und mit diesen Worten eilte ich in das Krankenzimmer zurück, wohin sie, wie ich wusste, mir nicht folgen würde.

Hier blieb ich in das schmerzlichste Nachdenken vertieft. Mein Gefühl weigerte sich, eine Stunde länger in diesem haus zu bleiben, alles was mich jenseits desselben erwarten konnte, war mir in Vergleich des Unrechts, was mich hier getroffen hatte, erträglich; ich trotzte jedem fernern Geschick, Gott vertrauend, aber nicht als meinem leitenden Vater, sondern als Bundsgenossen meines Zorns. Die Gegenwart der Krankenwärterin, die mit höhnischem Spott die Wut der leidenschaftlichen Frau belachte, traf wie Pfeile mein Herz, denn ich begriff, dass eine Andre ihres Gleichen eben so über meine Rolle bei diesem Vorfall zu lachen sich erfrechen könnte. Die Stelle brannte unter meinen Füssenaber sollte ich die bleiche Kranke, die vor mir da lag, ein Bild des nahen Todes, verlassen? Ihr erloschnes Auge fesselte mich, ihr kurzes Atmen hielt mich zurück. – Ich drängte alle meine persönlichen Empfindungen in mein schwellendes Herz zurück und beschloss, bis zur Entscheidung von Jessys Schicksal meinen Platz in ihrem Krankenzimmer nicht zu verlassen. – War es denn reine Liebe zu Jessy, die mich bewog? – Nein! – diese Liebe war da, und rein, und mehr wie sie: Liebe für meine bei ihr übernommene Pflicht. Allein der Trieb, durch meine heldenmütige Aufopferung Mistriss Boswell noch mehr ins Unrecht zu setzen, wirkte auch, und so hat das Evangelium recht, wenn es zu beten lehrt: Ich bin ein unnützer Knecht und mangle des Ruhms, den ich haben sollte.

Der Arzt verkündigte mir noch denselben Tag, dass mein Beruf an dem Krankenbett bald entschieden werden würde. Er verhiess nach den vorhandnen Anzeichen eine sicher eintretende Krisis, die über Tod und Leben entscheidend sein musste. Ich bat ihn, den Eltern der Kranken diese ängstliche Erwartung zu ersparen, und versprach ihm, bis diese wichtige Stunde vorüber sei, mich keinen Augenblick von dem Bette des Kindes zu entfernen. Der Tag verging in banger Stille. Mistriss Boswell liess nichts von sich hören, sie musste Mittel gefunden haben ihren Gatten zu entfernen, denn auch er liess sich nicht im Krankenzimmer sehen. Ich war froh, auf diese Weise alles Widerspruchs und aller Heftigkeit überhoben zu sein; die verdorbne Luft, welche ich nun so lange Zeit atmete, hatte mein Blut entzündet, meine Glieder waren matt und schwer, meine Augen wurden vom Licht schmerzlich angegriffen, ich war unruhig und hatte doch mich zu bewegen keine Kraft. Stündlich nahm mein Uebelbefinden zu. Der Arzt, wie er seinen Abendbesuch machte, erschrak über meine wilden Blicke und riet mir augenblicklich zur Ruhe zu gehen, allein ich hatte beschlossen erst Jessy's Schicksal entschieden zu sehen, was dann geschehen würde, schwebte vor meiner glühenden Stirn wie ein Bild des ruhigen Grabes.

Endlich stellte sich die schicksalsvolle Stunde ein. Ein tiefer Schlaf sank auf die Kranke herab, allmählich erschlafften die gespannten Züge in zwanglose Schlaffheit, die Haut, welche die Hitze gedörrt hatte, schien sich auszufüllen, ihre Schmutzfarbe wandelte sich in krankes Weiss das aber wieder Leben verriet, denn grosse Schweisstropfen sammelten sich auf dem Antlitz, das keiner Todtenlarve mehr glich. Kaum atmend, sass ich neben dem Bett und starrte betend dieses Wunder an. – Betend ohne Sinn, denn mein Kopf, schon von der Krankheit eingenommen, hatte nur für die eine Vorstellung: Jessy's Genesung, noch Raum. Jetzt schlug sie die Augen auf. Matt aber mit liebevollem Ausdruck richtete sich ihr blick auf mich, und mein Name, leise gelispelt, war das