1822_Huber_043_74.txt

. Meine Ungeduld, Andrer Unart zu tragen, schloss mich jetzt aus dem letzten Verkehr, das mir noch mit Menschen übrig geblieben war, aus; und indem ich selbst so wenig Duldsamkeit erwiesen hatte, konnte mein Vertrauen in die meiner Brüder nicht gross sein. So demütigend meine Selbsterkenntniss und so trostlos meine Aussicht war, hielt mich mein stolzer Sinn dennoch aufrecht. Meine einzige Unterstützung war das erste Quartal meines Jahrgehalts von Seiten Mistriss Boswell; es war jetzt völlig verflossen und ich konnte an dessen Auszahlung, so gering die Summe auch sein mochte, nicht zweifeln. Seit ich es bei meinem ersten Besuch in diesem haus Mistriss Boswell überlassen hatte, den Lohn meiner Bemühungen zu bestimmen, war dieser Punct nie mehr erwähnt worden; Schüchternheit, Stolz, Nachlässigkeit und Ekel, durch einen Handlohn meine Knechtschaft zu beurkunden, hatten mich eines um das andre einen Schritt zu tun verhindert. Jetzt drang die Not, und ich bat Mistriss Boswell noch an demselben Tag, mit mir zu rechnen. Sie antwortete mit anscheinendem Befremden: dass sie dieses nie für nötig gehalten, dass sie bei meinem Eintritt in ihr Haus verstanden habe, es sei mir nur um einen anständigen Schutz zu tun, und keineswegs gesonnen sei von dieser Ansicht zu weichen. Meine Fehlschlagung bei dieser Aeusserung war so schmerzlich, mein Unwille so bitter, dass ich das Gespräch fallen liess und den Entschluss fasste, Herrn Boswell als Vater und Hausherr mit meinen Ansprüchen bekannt zu machen. Sobald ich ihn zu haus wusste, begab ich mich in sein Zimmer. Sein Schrecken bei meiner Eröffnung war unbeschreiblich; er sprach von meiner Absicht, seiner Tochter Erziehung aufzugeben, wie von dem bittersten Unglück, das ihn treffen könnte, und wendete die dringendsten Bitten an, meinen Entschluss zu ändern. Mit einer Schonung, die aus seiner angewohnten Furcht vor seiner Gattin entstand, gestand er die notwendigkeit für Jessy's künftiges Wohl ein, ihr andre Lehren, ein andres Beispiel, wie das seiner Mutter, vor Augen zu stellen, und, sagte er, nachdem mich neben meinem übrigen harten los die sorge um das Wohl meines Kindes nicht mehr drückte, atmete ich seit ihrer Geburt zum erstenmal leichter auf, weil ich sie in Händen sah, die alle meine Wünsche übertrafen. Ich kann daher um keinen Preis in Ihr Begehren willigen; ich kann es für Sie selbst nicht recht heissen, darauf zu bestehen." Ich bestand aber doch darauf. Die zahme Anerkennung seiner elenden Schwäche gegen ein böses Weib empörte mich und bewies mir, wie ich, auf väterliches Ansehen mich berufen könnend, in keinem Falle hoffen dürfte, durch meine Sorgfalt allein Jessy gegen ihrer Mutter Einfluss zu bewahren. Mit grosser Betrübniss stand er endlich von seinen Bitten um mein Bleiben ab und versprach meiner anerkannt gerechten Geldforderung, sobald es ihm möglich sei, über eine solche Summe, ohne Zwiespalt mit seiner Frau, zu verfügen, aufs vollständigste zu genügen. Doch zu diesem Zweck beschwor er mich, noch einige Tage in seinem haus zu verweilen, wobei ich zugleich Mittel finden würde, selbst mit mehr Besonnenheit über meine Zukunft zu verfügen.

Ach zu diesem so dringenden Geschäft blieb mir keine Zeit! nachdem ich die ersten vier und zwanzig Stunden nach jenem unglücklichen Besuch in Cecilens verlassner wohnung in erfolglosem Nachsinnen über meine Lage zugebracht hatte, klagte Jessy über Kopfweh und Schmerz in allen Gliedern; gegen den Abend brannte ihr Köpfchen in trockner Glut, und noch einmal vier und zwanzig Stunden, so hatte sich das gefährlichste Nervenfieber, als Folge der Anstekkung an dem Bette des armen Weibes erklärt. Mistriss Boswell geriet in eine Angst, die an Verrückteit grenzte. Sie berief alles, was sie von Aerzten erfragen konnte, liess Wahrsagerinnen kommen, um den Ausgang der Krankheit zu erspähen, Segensprecherinnen, um ihr Zimmer, die Treppe, die Wege im Haus, welche sie täglich gehen musste, zu besprechen, allein ihr Kind sah sie nicht wieder; dieses wurde mit mir und seiner Wärterin in das entlegenste Zimmer gebannt, niemand, der mit uns verkehrte, durfte ihr nahen, und ihr Gatte erhielt das strengste Verbot unser Zimmer je zu betreten. Doch das Vatergefühl war in ihm zu mächtig, um sich solcher herzlosen Vorsicht zu fügen; da es ihm tages über nicht vergönnt war, sich unbemerkt fortzustehlen, brachte er die Hälfte der Nacht an dem Krankenbett seines Kindes zu und teilte meine Sorgfalt für sie mit einer Beharrlichkeit, der ich diesen charakterlosen Mann nicht fähig gehalten hätte. Doch meine kleine Kranke war gleich fühllos gegen seine Zärtlichkeit, wie gegen seine sorge; ihre Liebe für mich schien ihr einzig noch übriges Gefühl; auch für sie war ihr kein willkürlicher Ausdruck geblieben, doch meine Nähe war es, die sie ruhig erhielt, meine stimme, die den dichten Nebel, der ihr Bewusstsein umfangen hielt, hinlänglich zerstreute, um dann und wann auf ihren Ruf ihr trübes Auge zu öffnen und ausdruckslos auf mich hinzustarren. Unter diesen Umständen war es nicht mehr möglich dieses Haus zu verlassen. Ich kam nicht mehr von ihrer Seite, und wenn ich, vom Wachen erschöpft, einen Augenblick der Ermattung erlag, ruhte mein Haupt auf demselben Kissen, wie das der halb entseelten Kranken. Meine Sorgfalt gewann Herrn Boswells Dankbarkeit in einem Grade, den der traurige Vergleich zwischen der Hingabe einer Fremden und der selbstsüchtigen Vorsicht einer Mutter wohl erhöhen musste. In einer der Nächte, wo das Uebel auf dem höchsten Punct schwebte, bewog ich ihn, sich gegen den Morgen zur