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, klopfte ich an die nächste, auf demselben Gange gelegne Tür. Man antwortete mir nicht; ich öffnete sie, ward aber von einem so furchtbaren Qualm unreiner Dünste angefallen, dass ich Jessy befahl, auf dem Gange zu warten, bis ich meine Nachfrage gemacht. Ich trat darauf ins Zimmer; das wenige Licht, welches das mit Lumpen verhangne Fenster gewährte, liess mich erst spät ein Bett in einem Winkel erblicken, an dessen Inhaber, ein junges Weib, ich meine Frage um die Zeit von ihrer Nachbarin Abreise richtete. Da ich nur ein undeutliches Stöhnen zur Antwort erhielt, bewog mich ein unbedachtes Mitleid näher zu treten, und mit Schrecken bemerkte ich in der Kranken die irren Blicke, die ängstliche Gesichtsröte des heftigsten Fiebers. Ich erinnerte mich, Herrn Boswells Hausarzt von ansteckenden Nervenfiebern, die unter der ärmern klasse häufig wären, sprechen gehört zu haben, wendete mich also schnell abdoch jetzt erblickte ich Jessy, die, meinem Gebot ungehorsam, mir ins Zimmer nachgefolgt war und mit kindischer Neugier sich neben mich hindrängte, um die Kranke recht genau ins Auge zu fassen. Ich zog sie schnell hinweg und rief eine jetzt eintretende Verwandte oder Wärterin auf den gang hinaus, um mir über Cecile Grahams Abreise einige Nachweisung zu geben. Eigne Not, wenn sie recht dringend ist, stumpft ungebildete Menschen für fremdes Interesse ab. Die Frau wusste mir gar nichts von ihrer Nachbarin zu sagen, als dass sie, kurz ehe ihre Base das Fieber bekommen, abgereist sei. Mit inniger Wehmut über Cecilens leichtsinnige Trennung von mir und bange Sorgen über die Folgen, welche dieser unvorsichtige Krankenbesuch auf meinen Zögling haben könnte, eilte ich nach haus und eröffnete sogleich Mistriss Boswell den Vorfall mit der dringenden Bitte, ihren Hausarzt um Vorkehrungsmittel für die Kleine zu ersuchen. Ich dachte so wenig an meine eigne Gefahr, dass ich bereit war, den Unwillen der Mutter über die Gefahr ihres Kindes unbedingt über mich ergehen zu lassen; allein zu meinem erstaunen beschäftigte diese sie gar nicht, sondern, nur für ihre persönliche Sicherheit sorgend, sprang sie, sobald sie meine Erzählung vernommen hatte, mich abwehrend zurück, rief ihrer Kammerfrau, um ihr Essig zum Waschen und Räuchern zu bringen und bat mich um Gotteswillen, nebst Jessy ihr doch ja nicht zu nahe zu kommen. Eine so heidnische Aengstlichkeit empörte mein Gefühl; ich verhiess ihr, den Rest des tages mit ihrer Tochter nicht mehr von meinem Zimmer zu kommen und eilte dahin. Vor meiner Tühr lag Fidele lang ausgestreckt, in sonderbar starrer Stellung. Verwundert, ihn nicht bei meiner Ankunft frohlocken zu sehen, rief ich seinen Namen. Er suchte den Kopf aufzuheben, öffnete noch einmal seine geschwollnen Augen, wedelte mit dem Schwanz und verschied. Seine Stellung, seine vor dem Tod erstarrten Glieder, die Umstände, unter denen dieser Vorfall statt fand verrieten mir dessen ursache und Urheber. Dennoch suchte ich meine Fassung zu behalten; ich rief den Kutscher herbei, der beim ersten Anblick des Leichnams ihm das Vergiftetsein ansah; ich befragte ihn und die übrigen Dienstleute auf ihr Gewissen, ob ihnen etwas von Fideles Schicksal bekannt sei? Sie versicherten alle missbilligend, dass der Hund Keinem im Wege gewesen und sein Tod wohl mehr gemeint sei, mich zu kränken, als das arme Tier bei Seite zu schaffen. Diese allgemeine Meinung vermehrte meine überzeugung von Mistriss Boswells rachsüchtiger Tat. Mit der moralischen überzeugung, dass es ein Verrat am Guten sei, eine solche feige Grausamkeit stillschweigend zu dulden, und dass die Abhängigkeit von einer Frau, die verächtlich genug dächte, ihrer Rache ein unschuldiges Tier zu opfern, schwerer sei wie jedes los, das mich treffen könnte, begab ich mich in Mistriss Boswells Zimmer, um ihr meine Denkart über diese Handelsweise zu erklären. Es ist eine peinliche Aufgabe, den Seelenzustand eines schlechten Menschen zu beobachten. – Mich dauerte diese Frau wegen des Schreckens, der sie bei meiner unbestimmten Anklage über die Todesart meines Hundes ergriff. Die Furcht vor der Rüge des Unrechts, selbst wenn sie mit gar keiner Strafe verbunden werden kann, ist wohl die letzte stimme des Rechts in des Schuldigen Busen. Ihr Erbleichen, ihre Versicherung, dass es niemanden einfallen könnte, ein unschädliches Tier, das eines Andern Eigentum sei, zu tödten, hätte mich fast in die notwendigkeit gesetzt, meine Sache unausgemacht zu lassen, als ich beobachtete, dass Mistriss Boswell mit einer gewissen Vorsätzlichkeit ihr Taschentuch auf ein vor ihr am Boden liegendes Papier fallen liess und dann es aufzuheben bemüht war. Ich kam ihr zuvor, griff aber zugleich nach dem Papier und las auf den ersten blick die nach Apotekerart geschriebne Ueberschrift, "Arsenik." – Dieser Beweis einer Tat, für die mir es bisher ganz an materiellen Beweisen gefehlt hatte, benahm mir alle Klugheit, ich warf ihr mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung den elenden Tod meines Hundes vor und setzte hinzu, dass ich, überzeugt durch mein angestrengtestes Bemühen, ihrem schlechten Beispiel bei ihrer Tochter nicht entgegen wirken zu können, sie bäte, dieselbe wieder aus meinen Händen zu nehmen und mich zu entlassen. Mit diesen Worten eilte ich von ihr hinweg.

Es bedurfte nur weniger Minuten, um mir den Umfang des Opfers, das ich meinem Gefühl für Recht gebracht hatte, zu ermessen. Ich besass weder Geld, noch Freunde, noch die Tüchtigkeit harte Dienstarbeit zu verrichten, und das schwere los, was mich erwartete, war nicht Gottes heilige Führung, es war die Folge meines leidenschaftlichen Willens