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zu bessern, ihr Vorwürfe zu machen, antreiben könnte; einzig das Gefühl von Rechtlichkeit in meinen Obliegenheiten gegen ihr Kind verband mich, ihr zu sagen: "Euer Tun führt euer Kind zum Bösen." Andrerseits war ich mir mit Betrübniss bewusst, dass ich nicht in der Lage sei, ohne die äusserste notwendigkeit meine Verhältnisse aufzugeben. Ich hatte keine andre Zuflucht, als dieses unfreundliche Haus. Mistriss Boswell sah keine Gesellschaft, ich hatte keine Bekanntschaft gemacht, jenseits ihrer Haustür war ich heute so verlassen, wie am Tage meiner Ankunft im land. Diese Betrachtungen gaben mir die Fassung, meine Vorstellungen an Mistriss Boswell sehr höflich, wenn gleich sehr ernst einzukleiden. Ihre wirkung war, wie ich sie vermutet hatte. Die moralische Seite der Sache entging ihr ganz, und wie ich ihr bemerklich machte, dass Jessy die Hinterlisten, die sie ihr lehrte, einst gegen sie selbst gebrauchen könnte, sagte sie sorglos: "An meinen Haaren wäre mir wenig gelegen; sind ja ohnehin jetzt Perücken in der Mode." Sobald sich Eigensinn mit Dummheit paart, muss Bosheit daraus hervorgehen, und, diese ursache und wirkung übersehend, suchte ich das Gespräch zu beenden, entschlossen, Jessy, so viel es mein vereinzelter Einfluss erlaubte, sorgfältig zu bilden und ihre Mutter ihrer eignen Verkehrteit zu überlassen.

Vielleicht wäre es mir nicht gelungen, diese unangenehme Unterredung so bald zu beendigen, hätte nicht Herrn Boswells Eintritt der Leidenschaftlichkeit der Dame eine andre Wendung gegeben. Er schien von einem ungewöhnlich lebhaften Interesse bewegt, setzte sich neben seine Gattin auf den Sopha, überhäufte sie mit Schmeicheleien und, wie er glaubte einen günstigen Eingang gefunden zu haben, erzählte er, dass er heute einen alten Schulkameraden, den er seit zwanzig Jahren nicht gesehen, wiedergefunden und rechte Lust hätte, mit ihm zu Mittag zu essen. Mistriss Boswell sagte nichts, sah aber verneinend aus; ihr Mann schwieg eine Weile, dann fing er seine Kriegslisten wieder an, und dieses Mal glückte es ihm besser, denn er fiel darauf, ihr Morgenhäubchen, in dem sie sehr hübsch zu sein glaubte, zu bewundern. Sie beglückte ihn mit einem beifälligen Lächeln. Nun hielt er den Zeitpunct für günstig und sagte: "Ich möchte recht gern mit dem armen Tom Hamilton zu Mittag essen!" – "Lirum, larum. Das stünde mir an!" antwortete sie im Ton einer schnippischen Magd. "Wozu braucht es doch wohl das?" – "Nun, Liebe! Wir haben uns ja in zwanzig Jahren nicht gesehen und möchten gern von vergangnen zeiten sprechen – – ich hab's ihm halb und halb schon zugesagt." – "Torheit!" rief die Lady mit gebietendem Ton. Der arme Eheherr rückte seufzend seinen Stuhl an's Camin und zeichnete nachdenkend Figuren in die Asche. Ob diese Beschäftigung seinen Mut stärkte, weiss ich nicht, genug, er sagte nach einer Weile halb leise zu mir: "Wenn Sie meiner Frau Gesellschaft leisten wollen, habe ich rechte Lust mit meinem Freund zu speisen." – "Das tun Sie doch ja! der Herr führt ja den Hausschlüssel, wie das alte Sprichwort sagt" – und dabei verfuhr ich freilich nicht mit der Vorsicht, die ich dem Hausfrieden und meinen Verhältnissen schuldig war; der Unwille über die unwürdige Unterwürfigkeit des Eheherrn riss mich hin. Herr Boswell schien den Mut des Augenblicks benutzen zu wollen, er eilte zum Zimmer hinaus, doch schon draussen steckte. er den Kopf noch einmal in die Tür und rief mit erkünstelter Heiterkeit: "Auf Wiedersehen, Liebste! ich speise mit Hamilton." – "Herr Boswell!" rief die Dame mit erblassenden Lippen; aber er war fort, und sie verfiel in ihr Schmollen, das einige Stunden lang und während des Mittagsessens durch nichts unterbrochen werden konnte. Anfangs hatte ich mich mehrmals bemüht, sie durch Gespräch zu zerstreuen, da ich aber weder Antwort noch Gegenrede von ihr erhielt, fand ich es bald für angemessner, sie sich selbst zu überlassen und setzte meine Beschäftigungen allein und mit dem kind, gerade als sei sie nicht gegenwärtig, fort. Sie glaubte mich durch allerlei Störung ärgern zu können, stiess mir das Tintefass um, trat dem armen Fidel auf die Pfote, klapperte, während ich den Flügel spielte, mit Schubladen und Schlüsseln. – Statt mich empfindlich zu zeigen, bewies ich ihr, mit aufbringend guter Laune, dass mir dieses Alles keinen Abbruch tue, und brachte es vielleicht durch diesen Mutwillen dahin, dass sie ihren Racheplan änderte, oder für's erste ihren Gatten allein zu dessen Gegenstand ersah. Der arme Mann kam ziemlich spät, und offenbar, durch andre Mittel noch, als des Schulkameraden Gesellschaft, aufgeregten Lebensgeistern, nach haus. Er sagte seiner Frau einen treuherzigen guten Abend; wie sie ihn aber mit einer sehr unanständigen, auf sein Aussehen gegründeten Bemerkung zurück wies, setzte er sich neben mich, meine Freundlichkeit auf eine Weise preisend, die Mistriss Boswell notwendig erbittern musste. Ich sah das voraus und eilte aus dem Zimmer. Aus der wütenden Heftigkeit, mit welcher ich sie aber beim Herausgehen ihre Schelle anziehen und gleich darauf Herrn Boswell fluchend von seinem Bedienten in sein Zimmer führen hörte, musste ich vermuten, dass der Auftritt zwischen den beiden Eheleuten ein sehr unangenehmens Ende genommen hatte.

Mehrere Tage setzte Mistriss Boswell ihr Schmollen nun ganz systematisch fort. Sie blickte nicht auf, nahm an keinem Gespräch Anteil und fügte noch ein