blutig rissen." – "Gott im Himmel"! rief ich, "hätte ihn keiner retten können?" – "Keiner hatte Macht, etwas zu tun, ausser Herr Heinrich, der stets bereit ist, das Gute zu tun. Der rief mit einer stimme, vor der die Felsen erzitterten, und die ihn ansahen, bemerkten, wie aus seinen Augen, mit denen er nach Robert aufblickte, das wirkliche Feuer strahlte und er Robert zurückwinkte. – Und der arme Bursche war nicht so fühllos, dass er seinen Befehl misskannt hätte, denn der ist noch nicht geboren, der ihm widersteht. Und da flog Herr Heinrich um den Berg hinum und kletterte den Fels hinauf wie ein Reh und beredete Robert, mit ihm in das Schloss zu kommen, und da behielt er ihn, weil er zur Arbeit nicht mehr zu brauchen war. Nicht dass er widerspänstig wäre, ausser wenn es ihn gerade befällt. – Da ist ein Tälchen, wo wir als Kinder Blumenkränze zu binden pflegten; in dem darf kein Kind keine Blumen mehr brechen, und seit der Wetterstrahl dort die grosse Eiche zersplitterte, sitzt er manchmal an Sommertagen darunter und nennt sie den armen Robert."
Cecilens Erzählung hatte mich so lange aufgehalten, dass ich von meiner Wanderung etwas später, wie Mistriss Boswell von ihrer Ausfahrt zurückkam, weshalb diese mich mit einer Menge verfänglicher fragen wegen meines langen Aussenbleibens heimsuchte. Ich machte sie sehr unbefangen damit bekannt, fand aber bei ihr keinen rechten Glauben, wie denn Personen, die selbst immer mit kleinen Mitteln zu ihren kleinen Zwecken umgehen, nicht begreifen können, dass Andre weder Vertraute noch geheimnis bedürfen. Wie ich an ihrem bedeutenden Lächeln wahrnahm, dass sie meinen einfachen Worten nicht traute, brach ich mit Unmut ab und erregte schon damit einigermassen ihre üble Laune – doch hätten sich diese Wolken vielleicht noch verzogen, aber eine ernstere Veranlassung zum Unwillen führte Jessy durch eine kindische Spielerei herbei. Indem sie in Gegenwart ihrer beiden Eltern mich liebkoste und mit mir spielte, fiel es ihr ein, meinen breiten Haarkamm herauszuziehen, wodurch mein damals recht schönes Haar in reichen Locken und Flechten herabrollte. Vielleicht nur, um die Unart des kleinen Mädchens zu entschuldigen, drückte Herr Boswell durch einen lauten Ausruf seine Bewunderung über diese Lockenfülle aus und beging damit wirklich eine Unfeinheit, da seine Frau gerade in diesem Stück von der natur besonders vernachlässigt war. Mistriss Boswell erbleichte vor Zorn und rächte sich durch die Bemerkung, dass es mir auch Mühe genug kosten möchte, sie so schön zu erhalten. Leider gelang es ihr einigermassen; denn dieser Vorwurf, an meinem Haar zu künsteln, brachte mich so weit auf, dass ich lachend versicherte: das sei etwa das einzig Hübsche an meinem Haar, dass es mir gar keine Arbeit koste. Wie ich das Wort ausgesprochen, fiel mir erst ein, dass sie jeden Abend ihrer armen Kammerfrau über das Haarwickeln eine böse Stunde machte, und ich wunderte mich nicht, wie sie, in drohendem Stillschweigen eine ganze Stunde vor sich hinblickend, ihr Taschentuch zusammendrehte. Zu meiner Befremdung ging aber dieser Anfall vorüber, und sie war den Abend über gesprächig und freundlich. Am folgenden Morgen, wie ich nach den Lectionen Jessy um mich her spielen liess, bemächtigte sich die Kleine einer Scheere und fuhr damit, indem sie meine in's Gesicht hängenden Locken abschneiden zu wollen schien, so nahe an meinen Augen hin, dass ich sie in meinem gewöhnlichen herzlichen Ton bat, dieses gefährliche Spiel zu unterlassen. Sie sah mich eine Weile mit sonderbarem Ausdruck an, legte dann ihre arme um meinen Nacken und fragte leise: "würde es Ihnen denn wirklich leid tun, wenn ich Ihnen die niedlichen Löckchen abschnitte?" – "Das denke ich!" sagte ich lächelnd und setzte in halber Selbstbetrachtung hinzu, "vielleicht mehr, wie die Sache verdient." – "Nun so will ich's auch nicht tun, und würde mir's zehnmal geheissen." – "Jessy, um Gottes willen, wer könnte Ihnen das heissen?" rief ich, überrascht von der Möglichkeit, die ich im Hintergrunde erblickte. – "Das sage ich nicht, wenn Sie mir nicht versprechen ..." "Nein, liebe Jessy", unterbrach ich sie, "sagen Sie's mir nicht, wenn Sie Ihr Wort gaben, zu schweigen, allein versprechen Sie mir, nie wieder so hinterlistig Schaden zu tun." Ich war von der Gottlosigkeit dieser Behandlung von einer Mutter gegen ihr eigenes Kind so erschüttert, dass ich mit Tränen und inniger Herzlichkeit, ohne mich bei diesem Anlass aufzuhalten, die Kleine über die Strafbarkeit der Schadenfreude unterrichtete. Da mein Zögling mich noch niemals in diesem Grade bewegt gesehen hatte, wirkte Mistriss Boswells Anschlag ihrer Absicht ganz entgegen. Statt das Kind von mir abzuwenden, fasste ein lebhaftes Gefühl von Reue in ihr Platz, und es liebte mich von der Stunde an mit doppelter Herzlichkeit. Ohne den moralischen Abscheu, der mich antrieb, zuerst die Gefahr des Unrechts von meinem Zögling zu entfernen, hätte mich vielleicht meine Heftigkeit hingerissen, so dass ich unverzüglich zu Mistriss Boswell geeilt wäre, ihr das gefährliche Beispiel, das sie ihrem kind gäbe, vorzuwerfen und meinen Abschied zu fordern; allein die guten Lehren, die ich Jessy gab, verhalfen mir zu der gehörigen Ruhe, um meinen nächsten Schritt zu bedenken. Ich sah wohl ein, dass mich nicht die Hoffnung, diese Frau