heftiges Zahnweh erregen sollten, dass es sie am Mitgehen verhindern müsste – sie versagte sich dieselben. Wir erzählten eine grässliche Räubergeschichte, die auf dem vorhabenden Wege gestern geschehen sein sollte; sie meinte: um so weniger würden die Räuber sich heute auf demselben Wege betreten lassen. Nun ergriff ich ein andres Mittel – ich beredete den Kutscher, vorzugeben, dass die Berline einer Ausbesserung bedürfe, allein mein Vater entschied kurz und gut, dass wir mit Miss Mortimer oder gar nicht gehen sollten. – Es ward also beschlossen, ich müsste sie im Curricle fahren, und Miss Arnold nebst einem jungen Herrn von denen, die sich schon um die reiche Miss Percy zu versammeln anfingen, sollten uns zu Pferde begleiten. Jetzt glaubte ich die schönste gelegenheit zu haben, meinen Mutwillen zu üben. Ich kannte die Furchtsamkeit der wackern Miss Mortimer; sobald wir daher meinem Vater, der uns vom Fenster nachsah, aus den Augen waren, gab ich unsern Begleitern zu Pferd ein Zeichen, und hin ging es in fliegendem Galopp. Schadenfroh sah ich Miss Mortimer erbleichen und ängstlich auf den Weg sehen; wie sie aber mit der sanftesten Anmut sagte: "Liebe Miss Ellen, wär's nicht besser, etwas vorsichtiger zu sein?" konnte ich ihr nicht widerstehen, ich wollte die Pferde anhalten; in diesem Augenblick ritt uns aber unser junger Begleiter vor und gab meinen Pferden im Vorbeisprengen einen Peitschenhieb. – Nun trotzten die aufgereizten Tiere meiner Anstrengung sie zu halten, sie sprengten davon, und nach wenigen Secunden rannten sie eine anständig gekleidete Frau, die nicht schnell genug über den Weg eilen konnte, zu Boden. Von der Schuld des Mordes rettete mich ein Fremder, der aus der Nähe herbeieilte und mit starkem arme die Zügel ergriff. Die Pferde rückten das leichte Fuhrwerk widerstrebend zurück und warfen es um. Erschrocken eilte uns der Fremde zu hülfe, indess unsre Begleiter, in tollem Mute voransprengend, gar nichts von dieser Begebenheit bemerkten. Wir waren beide nicht verletzt, und Miss Mortimer, sobald sie wieder aufrecht stand, eilte mit dem Fremden zu der ohne Besinnung im Wege liegenden Frau. Ich stand bewegungslos, meinen blick auf ihre Bemühungen, sie zum Leben zu bringen, geheftet – endlich schlug sie die Augen auf – eine Zentnerlast fiel mir vom Herzen. Ich brach in Tränen aus, allein mein Stolz bewog mich, sie zu verbergen und mit dem Schein stolzer Fassung meine Befehle bei dem Aufrichten unsers verunglückten Fahrzeugs zu geben. Nach wenigen Minuten war die misshandelte Frau im stand, sich, von Miss Mortimer und dem Fremden unterstützt, in ihre nur funfzig Schritt entfernte Hütte zu begeben. Sie war nicht wesentlich verwundet; die Pferde waren, ohne sie zu berühren, über sie hinweggesetzt; nur der Schrecken und der Fall hatte die arme des Bewusstseins beraubt. Wie Miss Mortimer nach einer sehr kleinen Weile zurückkam, schlug sie mir vor, unsre Lustpartie auf zugeben und zurückzukehren. Die Furcht, den Tag mit ihr allein zubringen zu müssen, bewog mich, auf die Fortsetzung unsers Weges zu dringen; indem sie dem Fremden uns zu begleiten erlaubte, willigte sie ein zu fuss weiter zu gehen. Schmollend ging ich neben ihnen her und hatte alle Musse, unsern Begleiter, den mir Miss Mortimer als ihren alten Bekannten, Herrn Maitland, vorstellte, zu beobachten. Er besass eine atletisch grosse Gestalt, wenig Anmut, ziemlich regelmässige Züge und das glanzvollste Auge, das ich je sah. Hübsch zu sein, verhinderte ihn eine gewisse gutgebildete Breitschultrigkeit, die wir Engländer unsern schottischen Nachbarn gern Schuld geben. Sein Lächeln war höchst anmutig und zeigte die schönsten Zähne, allein der Ernst schien ihm gewöhnlicher; seine stimme war voll, männlich und sanft; an seiner Sprache – doch er sprach nicht viel – würde ich, wenn sie gleich etwas Fremdes hatte, nicht den Schottländer erkannt haben, und diese Sprache war edel, kräftig, zuweilen zierlich, sie borgte aber von seinen Bewegungen keinen Beistand, denn diese blieben ruhig und kalt. Vielleicht war es aus gewohnter Abneigung, mit Fremden zu sprechen, vielleicht entfernte ihn auch das nachteilige Licht von mir, in dem ich mich gezeigt hatte; genug, dass er, einzig Miss Mortimer unterhaltend, sich mit mir nicht mehr beschäftigte, als die strengste Höflichkeit ihm gebot, und dadurch mir, die ich darauf rechnete, die Huldigung jedes Mannes zu gewinnen, auf's höchste missfiel.
Bei unserm Eintritt in Herrn Vancouvers haus umringten uns die jungen Leute mit lautem Jauchzen, vor allen Miss Julie, die mich triumphirend um den Preis der mit ihr eingegangenen Wette, wer zuerst ankommen würde, erinnerte. Ich warf ihr verdriesslich und mit einem harten Vorwurf über unsern Unfall, den ich ihrem Voraneilen zuschrieb, meinen Geldbeutel hin, sie beschuldigte ihren Begleiter, Beide stritten zusammen über ihren Anteil an dem Vorfall, und der Tag ging in solcher Verstimmung hin, dass ich froh war, die Stunde der Abreise eintreten zu sehen. Mein Herz war viel zu ungebildet, um Unrecht einzugestehen, und die Langmut, mit der Miss Mortimer mir jeden Vorwurf ersparte, erwärmte es nicht. Doch am Abend, wie ich dem ehrwürdigen Mädchen gute Nacht wünschte, entwischten mir die Worte: "Gott sei Dank, dass der Tag vorüber ist!" – Sie ergriff mit einer Wärme, die sie mir noch nie gezeigt hatte, meine Hand und sagte: "Schenken Sie mir morgen eine Stunde, liebe Ellen, ich will sorgen,