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. Sie setzte sich bequem nieder und erzählte mir von Negersclaven, Goldstaub und Elephantenzähnen. Nach einer Weile bat der Gemahl sehr freundlich um Einlass; sie tat gar nicht, als wenn sie ihn hörte. Bei einem zweiten Gesuch von seiner Seite sagte ich, ihr gute Nacht wünschend: "Ich fürchte, Herrn Boswell im Wege zu sein." – "O sein Sie ruhig!" rief sie, den Kopf schüttelnd mit einem listig sein sollenden blick. Da sie den Türschlüssel in ihre tasche gesteckt hatte, hing ich von ihrer Willkür ab, und sie schwatzte unbefangen fort, bis der arme Herr Boswell, seiner vergeblichen Bitten müde, von seinem eignen Schlafzimmer fortging, um in irgend einem andern Gemach eine Schlafstätte zu suchen. Sobald sie seines endlichen Rückzuges gewiss war, schloss sie mir die Tür auf und wünschte mir eine gute Nacht. Während vier Tagen gelang es Herrn Boswell auf keine Weise, weder blick noch Wort von ihr zu erlangen. Er willigte in ihren Unterrichtsplan für das Kindihr Sinn war nicht zu wenden. Endlich am fünften Morgen gab sie ihm die erste noch sehr mürrische Antwort auf eine seiner fragen, und ehe ich mich's versah, war die Versöhnung vollendet, deren Beweggrund von ihrer Seite, wie ich später erfuhr, Geldbedürfniss war. – Sie machte mich sehr bald bekannt mit vielen ihrer kleinen Künste, den Fehlern ihres Gatten, den Familienzwistigkeiten, den Mitteln, Miss Jessy zu gängeln, ihren Mann zu hintergehen, das Gesinde zu belauschen. Ich konnte die notwendigkeit dieser elenden Listen nie begreifen; allein es liegt in jeder Verstandesübung eine Art von Genuss, diese Kniffe aber waren die einzige Art, wie Mistriss Boswell den ihrigen zu üben vermochte. Dieser Charakter flösste mir peinlichen Ekel ein, in einem Grade, den ich kaum zu unterdrücken im stand war. Ich glaube, es ist leichter, Beleidigungen zu vergeben, als fortwährend Milde gegen einen Menschen zu üben, der unsern Verstand so wie unser moralisches Gefühl verletzt, und diese Milde ist dennoch nicht weniger eine heilige Pflicht der besonnenen Menschlichkeit, wie jene. Am wehesten tat mir Mistriss Boswells Bösartigkeit dann, wenn sie auf meinen Zögling Einfluss üben musste. Aus Eifersucht über des Kindes Neigung zu mir, oder vielleicht aus bloser Gewohnheit, krumme Wege zu gehen, führte sie die Kleine zu Heimlichkeiten an, die der Mutter Torheit oder des Kindes Einfalt mir immer verrieten. Bald waren es Vergünstigungen irgend einer Art, die ihr streng verboten wurden, der Hofmeisterin wissen zu lassen, oder sie liess eine vernachlässigte Aufgabe heimlich von Jemand anders an des Kindesstelle verrichten; war die Kleine über einen von mir erhaltnen Verweis betrübt, so gab sie ihr Zuckerbrod und befahl, ehe sie mir nahe käme, den Mund wohl auszuspülen, damit ich es nicht wahrnähme. Nur die harte notwendigkeit, unter der ich seufzte, konnte mich vermögen, in diesem haus zu bleiben. Mein Gefühl empörte sich um so heftiger gegen diese elenden Kunstgriffe, weil mir mein Zögling sehr lieb ward. Die Tochter so einer Mutter musste müssig, verschlagen, selbstwillig sein, allein dabei war Jessy anmutig, gescheidt und von einer kindlichen Innigkeit, die allen Verkehrteiten ihrer Erziehung widerstanden hatte. Dieser letzten Eigenschaft ist nie zu widerstehen, am wenigsten konnte ich's, die ausser diesem kind keinen Menschen hatte, der mir Liebe erwies. Ohne Jessy wäre dieses Haus eine Einöde für mich gewesen. Mit Mistriss Boswell war kein Gespräch zu führen, sie las nicht, sie beschäftigte sich nicht, also fand keine gemeinschaftliche Zeitanwendung zwischen uns statt; sie dachte nicht, also konnten wir keine Ideen auswechseln; sie war einzig mit sich beschäftigt, es fand also keine Sympatie zwischen uns statt. Ihre Unart und Laune hatte Freunde und Bekannte von ihrem Tische gescheucht, nur ein paar arme alte Verwandtinnen, die für ihre Untertänigkeit zum Essen bleiben durften, kamen in's Haus. Herrn Boswells Aufmerksamkeit auch nur im geringsten Maasse auf sich zu ziehen, war, wie ich bald erfuhr, eine unverzeihliche Untatauf diese Weise blieb ich in diesem haus so fremd, wie ich den Tag meines Eintritts gewesen war. Welche strenge Schule musste ich durchwandern! Das einzige geschöpf, an das ich ein vernünftiges Wort richten konnte, das einzige, für das ich Liebe empfinden konnte, war ein Kind, das man nicht meiner Einwirkung überliess; mein Unterhalt hing von einem völlig verächtlichen Wesen ababer ich war jetzt so weit zur Selbsterkenntniss gekommen, dass ich fühlte, wie ich gerade durch diese schweren Obliegenheiten am besten zur Beherrschung meines noch immer aufstrebenden Stolzes gelangen könnte, und ich wiederholte mir täglich das Versprechen, geduldig abzuwarten, bis die Vorsehung mir eine tröstlichere Aussicht eröffnete.

Der einzige Genuss, den ich in meiner ärmlichen Einsamkeit gehabt hatte, meine Besuche bei Cecile Graham, waren mir in meiner neuen Lage unmöglich. Jessy konnte ich nicht mit dahin nehmen, und so lange allein auszugehen, war mir nicht vergönnt; so ward denn auch mein Erlernen der Gaelischen Sprache aufgegeben, und ich musste, mit niedergeschlagenem Herzen, dennoch lächeln, dass mir darum die Möglichkeit, Herrn Maitland wiederzusehen, entfernter schien, weil ich dieses Band zwischen ihm und mir zerreissen musste. Endlich einmal an einem Tag, wo Mistriss Boswell Jessy mit sich genommen hatte, um ihr Spielzeug zu kaufen, nahm ich die Zeit wahr, zu Cecilen zu gehen. Ich fand sie beschäftigt, auf dem einzigen hölzernen Stuhl, den sie