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" – "Ich dachte, Sie wären ein hässliches, grämliches, altes Ding. Sind Sie grämlich? Sie?" – "Nein, ich hoffe nicht." – "Ei, ich glaube, Sie sind lustig und freundlich." – Mistriss Boswell warf mir einen listigen blick zu, der ihre Zufriedenheit ausdrücken sollte. "Nun, Liebchen, von der hübschen Lady möchtest Du doch Musik und allerhand Dinge lernen?" sagte sie zur Tochter. – "Ich will nichts lernen, gar nichts; aber spielen soll sie mit mir und mich mit dem garstigen Buchstabirbuch nicht quälen." – "Nun, sie soll Dich nicht quälen. Miss Percy, wie viel Jahrgeld erwarten Sie?" – "Das bleibe Ihnen und Herrn Boswell überlassen! Achtungswürdiger Schutz ist für mich die erste Rücksicht." – "Gewiss, Schutz ist eine wichtige Sache", bemerkte die Dame und schien sich dann lange von dieser Verstandesanstrengung erholen zu müssen. – Ich hatte während dem das Glück, Jessy's Gunst durch meine Unterhaltung so sehr zu gewinnen, dass sie bei ihrer Mutter nächster Frage: wenn ich meinen neuen Beruf antreten würde, durchaus von keinem Aufschub hören wollte, sondern so lange weinte und trotzte, bis ich denselben Abend noch wiederzukommen versprach.

Durch ein unglückliches Schicksal nehmen meistens gerade diejenigen Ehemänner die Zügel des Hausregiments, welche am wenigsten sie zu führen geschickt sind. Eine Frau von grundsätzen weist dieses Vorrecht von sich, eine vernünftige Frau sucht sich die notwendigkeit, das Regiment zu führen, selbst zu verhehlen. Die innige Liebe des Weibes ist viel beglückter durch Unterwürfigkeit, als durch herrschaft; und gegen den überlegnen Geist der Frauen ist die männliche Eifersucht schon hinlänglich bewaffnet. Mistriss Boswell ward durch keine dieser Ursachen verhindert, ihren Mann am Leitseil zu halten. Das wunderte mich nicht weiter, aber ich konnte lange nicht begreifen, warum sich's der Gatte gefallen liess, denn er war kein einfältiger Mann. Ich erklärte mir's endlich als die Folge seines langen Aufentalts in den Kolonien, wo er, von aller gebildeten Gesellschaft entfernt, bei wenigen Geschäften, gar keinen literarischen Hülfsquellen, einzig auf den Umgang seiner Frau beschränkt gewesen war. Sie hatte dagegen ein Herrschermittel, das im häuslichen Leben, obgleich ganz negativ, so mächtig ist, dass ihm, meines Bedünkens, noch kein Ehemann widerstanden hat. Er flieht, oder unterwirft sich. – Sie schmollte mit einer von mir bis dahin nicht für möglich gehaltnen Hartnäckigkeit, die allen Bitten, allem Nachgeben widerstand. Ausserdem war sie in ihrer ersten Jugend wahrscheinlich hübsch gewesendas ist freilich ein vorübergehendes Mittel der Gewalt, allein ein sehr wenig rühriger Mann macht sich aus der einmal gefassten Bewunderung seiner Frau eine Gewohnheit, die es ihm bequem ist nicht zu ändern. Wo aber die herrschaft fehlschlagen konnte, bediente sich Mistriss Boswell der List: ihr war jedes Mittel willkommen, Kind, Gesinde, ein Jeder, der sich wollte brauchen lassen, ward gebraucht. Dagegen wendete Kind, Gesinde und wer sich diese Mühe geben wollte, gegen sie die einzigen Waffen, an denen sie zugänglich war: Verleumdung und Schmeichelei, und hatte sie nicht eben die Laune, Festigkeit zeigen zu wollen, so widerstand sie diesen selten. Schon am ersten Abend, den ich in ihrem haus verlebte, lernte ich ihre Eigenheiten kennen. "Wollen Sie morgen Jessy ihre erste französische Stunde geben?" fragte sie mich mit dem verbindlichsten Lächeln, das sie aufbringen konnte. "Ich sollte denken, meine Teure", sagte Herr Boswell, nicht im Ton eines Oberherrn, "wenn es Dir gefällig wäre, möchte es vielleicht besser sein, das Kind lernte erst seine Muttersprache." – "Die kann sie immer noch lernen" antwortete die Dame, indem ihr Lächeln verschwand. – "Meinst Du aber nicht, sie sollte lieber mit dem beginnen, was am notwendigsten ist?" – "Wir können Miss Percy ihre Zeit nicht mit Englisch lehren verlieren lassen", sagte sie, ohne den Gatten eines Blickes zu würdigen. Dieser bedurfte einige Secunden, seinen Mut zu sammeln, dann fing er mit sanftem Ton an: "Ich glaube, Miss Percy wird nie ihre Zeit für verloren halten, wenn sie unserm kind irgend etwas, das Du ihm nützlich glaubst, lehrt." Mistriss Boswell drehte alle Ringe an ihren Fingern herum und sagte nach einer langen Pause, ohne eine Muskel ihres Gesichts zu bewegen: "Man braucht das Kind nur lesen zu hören." – "Doch Miss Percy's Sprache und Ausdrücke sind so unvergleichlich gebildet ..." Hier unterbrach er sich, von Anzeichen, die mir noch unbekannt waren, in Zaum gehalten, und die Dame sprach kein Wort mehr, hob ihre Augen nicht mehr auf. Endlich, wie ich mich zur Schlafenszeit hinwegbegeben wollte, sagte ich, im inneren Gefühl, dass es dem Vater zustehe, über den Unterricht seines Kindes zu entscheiden, zu Herrn Boswell: "Soll ich morgen mit Miss Jessy die englische Sprachlehre anfangen?" – "Wie Sie's für's Beste halten ... wie es Ihnen gefällt", antwortete er zögernd und warf seiner Frau einen schüchternen, fragenden blick zu, auf den sie aber keineswegs zu achten würdigte. Nun begleitete ich sie bis an ihr Schlafzimmer, wo sie mich zu meiner Befremdung hineinzog und schnell hinter sich zuschloss, so dass Herr Boswell auf dem Vorplatz zurückblieb