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einem andern bestellte man mich auf ein ander Mal, in einem dritten nahm man keine so jungen Lehrerinnen an, und so kam ich nach einer langen Wanderung hungrig und erfroren in mein ödes Zimmer zurück, wo ich bei der Glut meiner letzten Kohlen und einem ärmlichen Mahl Gott anflehte, mir den Dank für die Wohltat zu lehren, dass ich heute noch nicht ohne Feuerung, nicht ohne Nahrung sei. O das ist ein gewaltsamer Zustand, der von wahrer Ergebung noch fern ist! – Aber das junge Leben, das noch auf tausend Wegen zum Glück gelangen zu können sich bewusst ist, kämpft mit allen Kräften gegen den Gedanken, nur zur Entsagung bestimmt zu sein. Im Alter ist das leichter, da verlieren sich die Wege einer nach dem andern, und der einzige letzte, den wir noch wallen müssen, führt sicher zum Ziele. Schon hatte ich durch Cecilens Beihülfe in der grössten Heimlichkeit einige meiner aus London mitgebrachten Kleidungsstücke verkaufen lassen, um meiner Hausfrau ihre Miete zu bezahlen, und berechnete ängstlich die Zeit der abnehmenden Winterkälte, um dann irgendwo in einem Landstädtchen bei einer ehrbaren Familie die häuslichen Dienste zu übernehmen; eine Aufgabe, zu der ich in der rauhen Jahreszeit bei meinen bisherigen Gewohnheiten die physische Möglichkeit nicht einsah. Unter diesen Umständen kam eines Morgens meine Hausfrau zu mir herein, setzte sich ohne Rücksichten, denn zu diesen hielt sie sich gegen ihre arme Hausgenossin nicht verpflichtet, recht breit auf einen Sessel und erklärte mir, "sie habe gehört, dass ich eigentlich in der Absicht ins Land gekommen sei, in einem reichen haus Erzieherin zu werden; nun habe sie eine Schwester, die als Stubenmädchen bei Mistriss Boswell diene, einer so reichen Dame, wie nur eine; der habe sie meine artige person und sittsames Wesen gerühmt und die saubern arbeiten, die sie mich machen gesehen, und die habe mich ihrer herrschaft vorgeschlagen, um Miss Jessy, ihr elfjähriges Töchterchen, zu erziehen. Mistriss Boswell sei auch nicht ganz abgeneigt, und so sollte ich doch ja unverzüglich nach George Square gehen, mein Glück zu versuchen." Also einer solchen Empfehlung sollte ich meine Versorgung endlich zu verdanken haben? dachte ich mit schmerzlichem Lächeln. Das ist der Lohn des stolzen Sinnes, der sich lieber in die unfreundliche Fremde begab, als Gefahr laufen wollte, in seiner Heimat vor den Augen seiner Bekannten dienstbar zu werden! Doch diesen Betrachtungen nachzuhängen, hatte ich nicht Zeit; ich sah die notwendigkeit, die sich mir darbietende Aussicht zu verfolgen, und machte mich unverzüglich nach George Square auf den Weg.

Es war noch bei guter Zeit, ich hatte mein ärmliches Frühstück eben erst genossen, meine eigne Einsicht hätte mich belehren sollen, dass die reiche Frau noch im Bette sein würde. Dennoch kehrte ich bei dem Bescheid, um ein Uhr wiederzukommen, mit gesunknem Mut nach haus zurück. Um ein Uhr erhielt ich denn wirklich Zutritt. Man führte mich in ein artig aufgeputztes Zimmer, wo mich Mistriss Boswell, halb sitzend halb liegend, auf einem zierlichen Sopha empfing. Ein mageres, eckiges Gesicht, mit einer aufgestülpten Nase und schwarzen Augen, machte, dass sie auf den ersten blick gescheidt aussah, allein ihr gerade eingeschnittner Mund, ihre borstigen Augenbraunen, ihre niedrige, gedrückte Stirn zeigten beim zweiten den Irrtum. Sie vertrieb sich mit ihrer Tochter, einem schönen lockigen kind, die Zeit vor einem grossen Schmuckkästchen, aus dem sie Armbänder, Halsketten, Ringe hervornahm und sich und die Kleine so damit behing, dass sie wie Südseeinsel- Prinzessinnen aussahen. An der Wohlgefälligkeit, mit der sie sich in dem seitwärts hängenden Spiegel beschaute, war es sichtbar, dass diese Beschäftigung zu ihrer sowohl wie zu Jessy's Kurzweil gereichte. Ich stellte mich ihr bescheiden als die person vor, welche ihr als Erzieherin ihrer Tochter empfohlen sei. Sie stand nicht auf, beantwortete auch meine Rede nur mit einer Verziehung des Mundes, die sie für ein Lächeln hielt, wovon jene aber auch nicht die fernste Aehnlichkeit hatte: es war eine Verlängerung der Mundwinkel, von welcher Herz und Auge keine Notiz nahmen. Nach einer ziemlichen Pause sagte sie zu dem kind: "Jessy, meine Liebe, geh zur Campel und sage ihr, sie soll mir mein Riechfläschchen suchen, und hilf ihr dabei." – "Nein, nicht ich", rief die Kleine in heulendem Ton, "ich weiss wohl, dass Du dein Riechfläschchen nicht brauchst, Du willst mich nur fortschicken, um wegen der garstigen Hofmeisterin zu sprechen." – "Nicht doch, Herzchen! geh nur! ich nehme Dich auch mit mir in der Kutsche spazieren, und wir kaufen eine neue Puppe, eine grosse grosse mit blauen Augen." – "Du hast mir schon einmal eine versprochen, wenn ich das O schriebe und hast sie mir doch nicht gegeben. Jetzt wirst Du's eben so wenig tun." – Da ist mir gut in die hände gearbeitet, dachte ich. Mutter und Kind stritten sich fort, bis Letzteres seinen Willen behielt und die Mutter mir, nun in Jessy's Gegenwart, meine Geschicklichkeit abfragte. Das Pianoforte, Singen, alle Wissenschaften zusammen sollten gelehrt werden; mir ward aber, ehe der Katalog zu Ende war, die Antwort erspart, denn Jessy, die mich von allen Seiten betrachtet hatte, fragte: "Sie sind doch nicht selbst die Hofmeisterin? oder ja?" – "Ich hoffe es zu werden, liebes Kind.