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Ursache meines Zufalls. Ich flüchtete in den einzigen sich in der Nähe befindlichen Laden und eilte, sobald sich die Menge verlaufen hatte, nach haus. Es bedurfte nur des gleichern Schlags meines geängsteten Herzens, um mir die Unziemlichkeit, ja das Unrecht meines Betragens einsehen zu lassen. Ich behandelte mich selbst wie ein krankes Kind, dem man die Veranlassung, sich zu schaden, ganz aus dem Weg räumt; ich drängte alle meine persönlichen Empfindungen jetzt zurück und fragte mich ganz einfach, ob, die Widrigkeit ihrer äussern Erscheinung abgerechnet, Mistriss St. Claire meine Vorwürfe denn wirklich verdiene. Sie, die ich für eine fühllose Frau hielt, hatte die gemeine Pflicht der Menschlichkeit gegen mich erfüllt, ich aber, die nach einer höhern Bildung strebte, hatte das Beispiel unsers erhabensten Lehrers sehr schlecht gegen sie beobachtet. Gedemütigt in meinen Augen durch meine Schuld, nicht durch Mistriss St. Clairens Misshandlung, eilte ich den Schritt zu tun, den Menschenliebe und Klugheit gebot; ich entschuldigte in einigen Zeilen an Mistriss Murray's Schwester mein störrisches Betragen, begründete aber die verweigerte Annahme ihres Geschenks auf eine Art, die nicht ganz von dem Gefühl frei war, das meinen Busen in ihrer Gegenwart geschwellt hattedoch das rachsüchtig bittre Gefühl, das mich in jenem Augenblick empörte, war aus meiner Seele gewichen. Ist nun einer und der andre unter meinen Lesern, der in diesem Wechsel der Empfindung noch keine Selbsterrschaft in meinem Urteil über Mistriss St. Claire, keine evangelische Milde erkennen will, den warne ich, dass er durch überlegnere Siege über sein individuelles Gefühl nicht in geistigen Hochmut, durch vorgebliche Feindesliebe nicht zu heuchlerischer Bemäntelung seiner inneren Gehässigkeit hingerissen werde.

Da es nun durchaus notwendig geworden war, Mittel zu meinem Lebensunterhalt zu suchen, so beschäftigte ich mich mit der Verfertigung einiger artigen Kleinigkeiten, wie ich sie während meines Aufentalts bei Miss Mortimer, zwar mit wenig Vorteil, aber doch mit einigem Erwerb verkauft hatte; allein leider war damals in Edinburg noch keine Verkaufsanstalt für weibliche Betriebsamkeit eröffnet. Jetzt verliess mich mein froher Mut. Ich zweifelte keinen Augenblick an Gottes Fürsorge, ich rief mir die Gelegenheiten zurück, wo sie mich aus drohenden Uebeln errettet hatte, aber mein Kopf schmerzte mir von vergeblichem Sinnen, auf welchem Wege Auskunft aus meinem Elend zu finden sei, bis Tränenströme seine Spannung erleichterten. In einem solchen Augenblick hörte ich eines Morgens Herrn Murray bei meinen Hausleuten nach mir fragen. Es waren nun Wochen vergangen, ohne dass der Anblick eines teilnehmenden Wesens mich erinnert hatte, mein Wohl oder Wehe könne noch irgend Jemandes Aufmerksamkeit erregen; eben so lange hatte ich den Austausch vernünftiger Gedanken, ja den laut gebildeter Stimmen entbehrt. Mit klopfendem Herzen zwang ich mich demnach, das meiner Hausfrau gegebne Gebot, diesen jungen Mann abzuweisen, erfüllen zu lassen; aber freilich empfand ich dabei einen Kummer, den der Gegenstand an und für sich selbst nicht hervorrief und nicht verdiente. Indem ich, meine Gedanken zu zerstreuen, trostlos in meinem kleinen Zimmer umherschaute, erblickte ich mein eigenes Bild in dem kleinen Glase, das über meiner einzigen Wäschcommode hing: es zeigte mir eine so zerschlagne Geistergestalt, dass ich froh war, nicht so vor meines Bewunderers Augen erschienen zu sein. Jedes junge geschöpf, das, einst blühend und bewundert, durch frühes Unglück sich vor der Zeit verblühen sah, kann wohl nicht dem bittersten Schmerz entgehen; aber mir, die ehemals in dieser Bewundrung ihr ganzes Glück gefunden, mir, deren Gefühle, so lange in eiteln Bestrebungen unangeregt geblieben, jetzt erst sich zur edlern Tätigkeit entwickelten, mir war's vielleicht zu verzeihen, wenn ich meine erloschnen Augen, meine erblassten Wangen für einen grausamen Raub ansah, den das Schicksal an mir beging.

Das einzige menschliche Wesen, das ich jetzt zuweilen aufsuchte, war Cecile Graham mit ihren blühenden Kindern. Wie ich den Ekel vor der Unordnung und dem Schmuz ihrer wohnung überwunden hatte, fand ich bei ihr so viel Zeitvertreib, wie in den meisten zierlichen Gesellschaften. Ich studirte den Menschen in ihr. Sie war ein Gemisch von gesunder Vernunft und Aberglauben, augenblicklichem Geize und herzlicher Freigebigkeit, scharfsinnigem Beobachtungsgeist und romantischer Fantasie. Alles, was sie sah und hörte, erinnerte sie an eine alte Begebenheit irgend eines tapfern Grahams, oder an die Einwirkung eines Gespenstes oder einer Elfe. Das Andenken an Maitland, dem mancher meiner Augenblicke geweiht war, brachte mich auf den Gedanken, von Cecile die Gaelische Mundart zu erlernen. Mich selbst verspottend, dachte ich mir seine Ueberraschung, wenn ich ihn einst wiedersähe und ihn in seiner Landessprachevon der ich freilich nicht wusste, ob er sie noch verstehebegrüssen könnte. Indess Cecile an ihrem Spinnrade sass, liess ich mir alle möglichen Gegenstände von ihr benennen und schrieb mit einem ungeheuern Aufwand von Selbstlautern die Aussprache auf. Cecile, welche keinen Begriff hatte, dass eine Arbeit ihren Lohn in sich selbst haben könnte, war sehr neugierig, meine Absicht bei dieser Anstrengung zu erfahren; doch fragte sie mich nicht unmittelbar darum, sondern suchte mich durch Umschweife auszufragen. "Sie wollen wohl selbst in's Hochland gehen?" fragte sie mich einst mit ihrem hellen durchdringenden blick. Ich versicherte sie, das falle mir nicht ein. "Sie könnten einen braven Mann nehmen, der Sie dahin brächte", sagte Cecile weiter und setzte mit einer Andacht, als habe sie mir die höchste irdische Glückseligkeit gewünscht, hinzu: "und das gebe Gott!"