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das Kirchspiel? an die Armenbüchse? Gott wird mich ja davor behüten! Kirchspiel! Nein, nein! wie gross unsre Not ist, dahin wird sie uns nicht treiben." – Tränen drangen aus ihren Augen, sie herzte ihr Kind und rief: "Du gutes liebes Tierchen2! eher soll es dir und deiner Mutter an Dach und Fach fehlen, ehe sie dir diese Schmach bereite, indess dein Vater so weit weg ist." – Es kostete mir Mühe, die gute Frau zu überzeugen, dass ich sie nicht beleidigen gewollt, da nach den englischen Sitten die Unterstützung des Kirchspiels gar nichts Entehrendes hat. Jetzt kam aber eine Nachbarin und meldete ihr, dass so eben ihr Stückchen Tuch in Aufstrich gebracht werden sollte. – "Nun in Gottes Namen!" rief sie und brach auf's neue in Tränen aus, "so mögen sie mich denn in die blose Erde legen! – Die Pfund-Note will ich nicht anbrechen." – "Ihr habt also noch Geld?" fragte die Nachbarin. – "Ein Pfund, das Jemmy seiner Mutter bestimmte, und das ich ihr noch nicht habe schicken können." – Ich war zu lang an Reichtum gewöhnt gewesen, um Almosen weise zu verwenden, allein die heldenmütige Entsagung, mit der diese Frau fremdes Eigentum ehrte, riss mich hin, ich drängte mich in die Versteigerungsstube, kaufte das Stückchen Leinwand, brachte es Cecilen zurück und erinnerte mich erst jetzt, dass ich, ohne ihr einen wesentlichen Dienst geleistet zu haben, ein für mich höchst empfindliches Opfer gebracht hatte. Die Zeit, wo ich Beifall gab, wenn eine schöne Empfindung meine Seele erhoben hatte, war vorüber, daher legte ich meinem Eifer, Cecilens Wunsch zu befriedigen, keinen Wert bei; ich hätte mit eben dem Gelde ihre Lage wirklich erleichtern können; – und sollte ich das nun versäumen? Diese Mutter mit ihrem Säugling auf den Armen, so fern von ihrer Heimat, schien mir so viel ärmer, als ich, dass es mir grausam bedünkt hätte, ihr nicht zu helfen. – Ich kaufte ihr notwendigstes Hausgerät für sie zurück, verschaffte ihr ein Unterkommen, in dem sie eine mildere Jahreszeit abwarten konnte, und kam nun so arm nach haus, dass mir nur kärglich noch für eine Woche Lebensunterhalt übrig blieb.

Ich habe bemerkt, dass es nicht die Erinnerung an gute Handlungen ist, die uns in trüben Tagen Mut gibt. Denn wenn wir in ruhigen Stunden unsre besten Handlungen genau überlegen, so bleibt wohl keine übrig, die aus völlig reinen Beweggründen geschehen wäre, wenn auch im Augenblick selbst ein schöner Entusiasmus uns erhoben hätte. Wenn unsre Weisheit, oder was einerlei ist, unsre Kraft wankt, so ist ein bedingungsloses Vertrauen in das höchste Wesen, mit dem Bewusstsein, das Gute gewollt, wenn auch nicht erreicht zu haben, unsre sicherste Stütze. Das erfuhr ich jetzt in den Tagen, die noch bis zur Ankunft von Mistriss Murray's Antwort auf meinen Brief vergingen, und noch mehr, wie diese mir sagte, dass sie, durch des Capitains wankende Gesundheit gezwungen, ihm mit ihrer Tochter in ein wärmeres Klima zu folgen, meiner Dienste gar nicht mehr bedürfe. Sie beklagte meine vergebliche Reise und verwies mich zu weiterer Beförderung an ihre Schwester, Mistriss St. Claire. Anfangs verwarf ich diese Schutzempfehlung auf das unwilligste; das Andenken des herzlosen Empfangs dieser Frau war mir noch zu neu; aber was sollte ich tun? Freund- und geldlos, wie ich war, musste ich meinen Widerwillen bekämpfen und sie nochmals aufsuchen. Wahrlich, sie hatte sich nicht geändert, und der äusserste Grad der Hülflosigkeit hatte mich wohl zu grösserer Nachgiebigkeit entschlossen, aber nicht fühllos gemacht. Mit eben der unerschütterlichen Teilnahmlosigkeit, wie das vorige Mal, erklärte sie mir ihre Abneigung, sich meiner anzunehmen, eben so die Unwahrscheinlichkeit, dass es mir gelingen könnte, ein Unterkommen zu finden, und schloss damit, dass, zu meinen Freunden zurückzukehren, für mich wohl das Beste sein würde. – "Wenn das möglich wäre", sagte ich, indem mir die Tränen in die Augen stiegen, "so würde ich Sie wohl nie mit meinem Besuche beschwert haben." – "Hm! so fehlt es Ihnen wohl an Reisegeld?" – Gern hätte ich diese übermütige Frage mit aufwallendem Stolze beantwortet, aber ich war von der Heftigkeit meiner Empfindungen der stimme beraubt. – "Ich mag fremden Leuten zwar nichts vorschiessen, da aber meine Schwester in die Sache verwickelt ist, so gebe ich Ihnen hier fünf Pfund, mit denen Sie Ihre Reise bis London bestreiten können."

So lange über ein Jahr hatte ich nun gearbeitet, meinen Stolz zu beherrschen, und jedes Mal, dass er angegriffen ward, hatte er noch meiner Vernunft die herrschaft erschwert. So wie sonst die Zuversicht auf meine eingebildeten Vorzüge mich in meinem törichten Wahn auf eine höhere Wesenstufe gestellt hatte, so fühlte ich jetzt dieser fühllosen Frau gegenüber mich in der Würde meines Unglücks gekränkt; der Sturm meiner Empfindung brachte mein Blut in so eine heftige Wallung, dass ein heftiges Nasebluten mir vielleicht ein gefährlicheres Uebel ersparte. Unfähig zu jeder überlegung, eilte ich aus Mistriss St. Clairens Zimmer und kam erst in der freien Luft wieder zur Besinnung zurück. Die gutmütige Neugier des Edinburger volkes setzte mich in eine neue Verwirrung: Männer und Weiber versammelten sich zahlreich um mich, boten mir hülfe an und taten fragen über die vermutliche