Das erste Zimmer einer dieser Abteilung war so von Leuten angepfropft, dass sie auch den gang vor den Türen besetzt hielten und es mir unmöglich machten, meiner Hausfrau zu folgen. Indem ich wartete, um durch den Haufen dringen zu können, gewahrte ich ein kleines Kind auf den Armen einer höchst ärmlich gekleideten Frau, das mit Wangen, auf denen die schönste Gesundheitsröte prangte, aus seinen glänzenden Augen einen schüchternen blick auf mich warf, dann sein Köpfchen von der Mutter Schultern aufhebend, lächelnd auf mich hinsah. Seine Mutter aber lehnte, wie es schien, in Kummer versunken, ihren Kopf an das Fenster. Ich hätte sie gern angeredet, aber ihr Schmerz gebot mir Zurückhaltung, denn ich war ja meiner Mittel, ihr zu helfen, nicht gewiss. Indem kam ein eben so ärmlich gekleidetes Weib, wie sie selbst, schlug sie gutmütig plump auf die Schulter und sagte: "Seid doch gefasst! es ist schon manch einer ausgepfändet worden." – Meine arme Frau, die bei dem derben Gruss der Nachbarin ihre Tränen getrocknet und sich freundlich aufgerichtet hatte, verhüllte von neuem schluchzend das Gesicht in ihre Schürze. Ich wendete mich nun an die Nachbarin, um mehr von der Weinenden zu erfahren, und hörte, dass Cecile Graham, so hiess die Trauernde, die Frau eines Soldaten sei, der aus der von jeher den Bergschotten fest eingewurzelten Liebe für ihr Stammoberhaupt, sein Heimatstal verlassen hatte, um der Fahne seines Häuptlings zu folgen. Ungern blieb seine Gattin zurück und nährte sich seitdem in der Hauptstadt hinreichend mit ihrem redlichen Fleiss. Endlich den Tag vor dem Mietsziel, wo sie alle ihre ersparten Pfennige schon zusammengelegt hatte, um sie den nächsten Morgen dem Hausherrn zu bringen, brach ein Dieb ihren Kasten auf und raubte ihr die mühselig gesammelte Summe. Unfähig, sich auf eine andre Weise bezahlt zu machen, gebrauchte der Hausherr sein Recht, ihre Habseligkeiten zu seiner Abzahlung zu verkaufen. "Und will er dieses arme junge geschöpf freundlos in die Welt hinausstossen?" rief ich mit inniger Teilnahme. "Gott verzeihe ihm das!" – "Mir mangelts nicht an Freunden, Ihre Gnaden", sagte die Weinende in echt schottischer Mundart, aber viel weniger rohem Ton, wie ihre Nachbarin, "alles Gewässer des Brearde kann mein Blut nicht von des Lords Verwandtschaft waschen." – "Welches Lords?" fragte ich, über den emphatischen Ausdruck lächelnd. "Erdines selbst, Lady, sein Grossvater und meine Urgrossmutter waren Geschwisterkinder." – "Tut denn der Lord nichts für seine Verwandten?" – "Das würde er, und er ist nicht der Mann, der den Bittenden ohne hülfe lässt." – "Warum wendet Ihr euch denn nicht an ihn?" – "Wahrlich, Lady, ich will den Lord nicht belästigen; er könnte denken, ich meine, er müsse mich füttern, weil Jemmy mit Herrn Kennet fortgezogen ist – das begreifen Sie." – "Was wollt Ihr aber tun? wollt Ihr euch alles nehmen lassen?" – "Könnte ich nach den Hochlanden zurück, so würde alles andre schon gehen. Ueberfluss sind wir nicht gewohnt – ich hätte auch alles hergeben wollen, nur nicht das Stückchen Tuch, das ich, uns hinein zu wikkeln, mit eignen Händen gesponnen." – "Wie Euch hinein wickeln? was soll das bedeuten?" fragte ich, weit entfernt, den Sinn ihrer Worte zu fassen. – "Nun ja! Jemmy und mich einwickeln, mit Erlaub, wenn man uns zur Ruhe trägt. Und ein hübscher Stückchen Flächsen konnte man nicht sehen. Ihre Gnaden selbst hätten drin ruhen können, ja Miss Graham in eigner person." – Anfangs glaubte ich wirklich, die gute Frau rede irre, aber bald schämte ich mich meiner Unfähigkeit, in das Gefühl eines Armen einzugehen. Wie sich die menschlichen Wünsche auf ein gutes Bahrtuch beschränken könnten, begriff ich nicht gleich, aber das Ansehn der Frau sprach für ihren gesunden Verstand. Ihre klare breite Stirn und nahe über die Augen gezognen Braunen, von blitzend lebhaften Augen begleitet, verrieten kühle Klugheit, ihre festen scharfen Züge, ob sie gleich von der nationalen Bakkenbreite entstellt wurden, zeichneten sie unter den gemeinen Gesichtern der umstehenden Weiber aus. Ich fragte sie darauf, wie weit ihre Heimat entfernt sei. "Hörten Sie je von einem Ort, der Glen Enradine heisst? Er mag etwa hundert Meilen und ein Eckchen weiter von hier nach Norden und Westen hin liegen." – "Und so weit wolltet ihr in dieser Jahrszeit reisen?" – "Wenn es Gottes Wille wäre. Hier und da müsste ich, mit Erlaub, wohl guter Menschen Beistand erbitten. Viel mitzunehmen habe ich nicht. Da das Kind an meiner Brust und ein Päckchen Tabak, den ich für meine Mutter gesammelt; mein Knabe ist derb, Gott segne ihn! der liefe denn auch manchmal ein Stückchen neben her." – Ich ärgerte mich anfangs an dem Almosenbitten, späterhin habe ich's bei diesem Bergvolk ganz anders ansehn lernen. Unter wahrhaft einfachen Menschen ist das Hülfebitten des Reisenden ein letzter schöner Nachhall alter Väter-Sitte, der zufolge des Gastes Einkehr ein Segen des Herrn war. Cecile erkannte es nicht für das, aber sie trat unbedenklich in die einfachen Menschenrechte zurück, da wo einfache menschliche Bedürftigkeit sie überwältigte. "Warum wendet ihr euch nicht an's Kirchspiel?" fragte ich weiter. – "An