ziemlich weit im Zimmer vortreten, stand dann auf, wodurch sie sich notwendig einen Schritt vorwärts bewegen musste, und wie sie ihre ganze Höhe erreicht hatte, hörte ich den dikken, steifen Troguet ihres dunkelbraunen Kleides etwas rascheln, woraus ich schloss, dass sie eine Art von Verbeugung gemacht haben müsste – sichtbar war sie mir nicht. "Herr Murray hat, wenn ich recht verstanden habe, die Güte gehabt, mich zu melden", sagte ich schüchtern. Die Dame blickte nach einem Stuhl, ich hielt das für eine Einladung, mich zu setzen, rückte ihn herbei und nahm Platz. "Es ist sehr unglücklich für mich, Mistriss Murray nicht zu haus zu finden", nahm ich, da keine Antwort erfolgte, von neuem das Wort. – "Hum ..." tönte es ganz dumpf, und die Stille blieb ununterbrochen. "Sie verliess Schottland sehr unerwartet." – "Sehr unerwartet." – Wieder eine Pause. "Ich hatte meine Herreise unglücklicherweise schon angetreten, ehe ich es erfuhr." – "Das war schlimm." – "Sie wird doch nicht lange abwesend bleiben?" – "Davon weiss man nichts." – "Vielleicht wünscht sie nicht, dass ich ihre Rückkehr erwarte?" – "Das weiss ich nicht." – Bis diesen Tag hatte ich kalte Abwehr jeder Teilnahme noch nicht kennen lernen. Ich hatte gewaltsame Unglücksfälle erlebt, war in höchst ängstlichen Verlegenheiten gewesen, aber die drückenden Verletzungen des Gemüts in gemein ruhigen Verhältnissen des Lebens waren mir noch unbekannt. Mein Gemüt hatte sich zu Gott gewendet, aber mein Verkehr mit ihm – dass dieser triviale Ausdruck mir vergönnt sei! – war ein Feiertagsdienst; ich hatte seine hülfe in so wichtigen Momenten erfleht, dass es mir Entweihung seiner Grösse schien, diese hülfe bei den Dingen des gewöhnlichen Verkehrs zu verlangen. Das war Folge der noch mangelhaften erkenntnis von dem wahren Wert des Lebens in mir, indem jeder Augenblick Fortschritt auf derselben Bahn zur Ewigkeit ist. Jetzt kämpfte in meiner Brust mein über so unerhörte Teilnahmelosigkeit empörtes Gefühl mit dem Urteil meines Verstandes, ihr nur Gleichgültigkeit entgegensetzen zu sollen. Der Verstand siegte, ich atmete tief und fragte Mistriss St. Claire: ob sie mich nicht, im Fall Mistriss Murray meiner Dienste nicht bedürfe, in eine andere Familie als Erzieherin empfehlen würde. – "Das wird schwer sein. Die Leute nehmen keine Fremde." – "Die Empfehlung, welche Mistriss Murray's Wahl lenkte, würde auch hier gelten." – – – Doch wozu dieses Gespräch wiederholen? Ich schied von dieser Frau ohne die mindeste Hoffnung, durch sie hülfe zu erlangen. Wie oft, indem ich meinen Weg einsam nach meiner wohnung zurück nahm, glaubte ich in den Gesichtern, die an mir vorbeigingen, bekannte Züge zu entdecken! Ein paar Mal stockte mein Herz vor Entzücken bei dem raschen Schritt, den eine bekanntere Gestalt auf mich zu zu nehmen schien. Könnte mir denn Gott nicht einen Retter senden wollen? fragte ich mich, wenn meine Vernunft meine törichte Hoffnung zurechtweisen wollte. – Aber fremd und ohne Teilnahme eilten die Menschen an mir vorüber, und ich kehrte einsam in mein einsames Zimmer zurück. O wer in dem verlassensten Winkel des Erdbodens nur ein Wesen hat, zu dem er sagen kann: die Einsamkeit ist süss! der weiss es nicht, wie freudenlos eine wohnung ist, in der wir nicht hoffen dürfen, dass auch nur eine einzige teilnehmende Seele anklopfen werde. –
Ich wusste also nun, dass die Beantwortung meines briefes an Mistriss Murray meine letzte Hoffnung entschied, aber auch dass jede Rücksicht erfordre, den Besuchen ihres Sohnes fortan zu entsagen. Man meine doch nicht, dass es bei dem rationellen Standpunct, wohin ich gelangt zu sein wähnte, unmöglich ein so grosses Opfer hätte sein können, auf die Besuche eines vergafften Studentchens Verzicht zu tun. Nicht weil er das war, aber weil er das letzte gebildete Wesen war, durch das ich mit einer Welt, für die ich gebildet und erzogen wurde, zusammenhing, kostete es mir ein ernstes Opfer, seine Besuche nicht mehr zu gestatten. Von nun an brachte ich eine lange Woche in völliger Einsamkeit zu. Der gang in die nahe Kirche war die einzige gelegenheit, bei welcher ich die Gasse betrat. Meine Hauswirtin stellte mir den Nachteil dieser Lebensweise für meine Gesundheit vor und bewog mich endlich, meiner sehnsucht nach Bewegung und Luft nachgebend, sie eines tages bei einem Ausgang zu begleiten. Es tat mir unendlich wohl, die freie Luft zu atmen, in grösserm Umfang, wie in den engen Gassen, den Himmel über mir, die erleuchteten Berge um die Stadt her zu erblicken. Wie wir nach Haus zurücklenkten, erblickte meine Hausfrau an der Tür eines Hauses ein scharlachrotes Fähnchen, auf dem mit grossen Buchstaben die Worte standen: "Hier wird ausgepfändet." Sie sagte mir, das verkündige einen Verkauf von Hausgerät, da könne man oft wunderwohlfeile Sachen bekommen, ich möchte doch ein bischen mit ihr hineintreten. Mir graute vor dem dunkeln Eingang, allein meine Lage erlaubte mir, nicht sehr schwierig zu sein, deshalb folgte ich ihr nach durch einen finstern, schmuzigen gang eine hohe, steile Treppe hinauf, auf einen langen gang, dessen kleine Fenster auf einer Seite schwarze spitze Giebel erblicken liessen, auf der andern Seite aber mehrere Türen in Zimmer führten, die in eine Menge Wohnungen sehr armer Leute eingeteilt zu sein schienen.