Gespräch und Harfenspiel zu zerstreuen. Mein Spiel entzückte den jungen Mann, er äusserte die bitterste Klage über seiner Mutter Vergesslichkeit, für den möglichen Fall meiner Ankunft keine Befehle gegeben zu haben. "Dann dürften Sie unser Haus nicht verlassen, Miss Percy, dieselben grausamen Ursachen, die Sie jetzt von mir treiben, gäben dem Bruder Ihres Zöglings dann ein Recht, Sie zu schützen." – Ich wusste nun aus Erfahrung, wie nachteilig es für unser Geschlecht werden könnte, Dinge als Scherz aufzunehmen, die einer ernstaften Deutung fähig sind: ohne auf diese durch die Art des Vortrags noch bedeutenderen Worte zu antworten, begab ich mich, um das Gespräch abzubrechen, in mein Zimmer. Wie ich nach einer Weile wieder in den Saal gehen wollte, hörte ich eine fremde stimme, die nach Herrn Henry fragte; dieser trat aber sogleich aus dem Sprechzimmer heraus und rief lebhaft dem Eintretenden zu: "So eben wollte ich zu Dir schicken. Du musst mit mir zu Mittag essen, ich will Dir die Bekanntschaft eines Engels verschaffen." – "Ein Engel? hier im haus?" – "Hier im haus, meiner Schwester Erzieherin." – "Mit der hältst Du indess Haus? Das wird Deine Mutter ungemein erbaulich finden. Hat die's so bestellt?" – "Gott, nein! sie weiss nichts von ihr ..." Darauf sprach er leise, ihn von der Treppe hinwegführend. Ich wusste nun genug, um meine Unentschlossenheit zu beenden. Gedemütigt, der Gegenstand der Bewunderung von ein paar Collegienschülern zu sein, beschloss ich sogleich, ihre Aussicht auf das Mittagsmahl zu hintergehen. Auf meine Bitte und durch das Geschenk einer halben Guinee in mein Interesse gezogen, ging die Hausmagd sogleich, mir bei rechtlichen Leuten eine kleinen wohnung zu suchen und einen Mietkutscher zu holen, der mich und mein Gepäck augenblicklich dahin abführe. Sobald beides erlangt war, begab ich mich in das Besuchzimmer von Herrn Henry, um Abschied zu nehmen. Er war äusserst bestürzt, aber sein junges Gemüt hatte noch die schätzbare Zarteit, die dem Betragen bei halb bewusster Schuld die Sicherheit raubt. Der Besuch seines Freundes, die Einladung an ihn hatte ihm die Zuversicht, mit der er noch heute früh mich in seiner Mutter haus zurückhalten wollte, vermindert, er bat mich niedergeschlagen, nur so lange zu verziehen, bis er noch einmal Mistriss St. Claire aufgesucht habe. Ich versicherte ihm meine Absicht, ihr selbst meinen Besuch machen zu wollen, liess mir ihre Adresse geben und fuhr nach meiner neuen wohnung ab.
Mir war wohl, wie ich von meinem kleinen Zimmer, das Wohn- und Schlafstätte zugleich war, Besitz genommen hatte. Ich fühlte neuen Mut gegen die Aussenwelt, nun ich mir in meinem inneren das zeugnis, recht getan zu haben, ablegen konnte. Der einsame Abend ward angewendet, um beim Schein meiner einzigen dünnen Kerze an Mistriss Murray zu schreiben. Lange stritt ich mit mir selbst, was die Redlichkeit mir geböte, ihr zu sagen. Die Verlegenheit, in die mich ihre Abwesenheit gesetzt hatte, war meine Schuld, denn sie hatte mich nicht abzureisen eingeladen, ich hatte also gar keine Ansprüche an sie, musste mich ihr gleichsam von neuem nur anbieten. Dieser Schritt war aber wegen ihres Sohnes schnell gefassten Wohlgefallens an mir reiflich zu überlegen. Herrn Henry's Vergaffung war unzweifelhaft, dass aber diese bei einem zwanzigjährigen Rechtscandidaten nicht als eine dauernde leidenschaft zu behandeln sei, sagte mir meine Vernunft, dass aber Vorsicht und Anstand verböten, durch meinen Eintritt in seiner Mutter Haus diese Vergaffung zu unterhalten, ihn von seinen Studien zu zerstreuen, seinen Eltern Unruhe zu bereiten, sagte mir mein Gewissen und mein Zartgefühl. – Was war da zu tun? – Der Mutter selbst zu melden, dass ihr Sohn meine Schönheit bewundre, wäre eine Albernheit; die Aussicht, in ihre Familie aufgenommen zu werden – die einzige, die mir in meiner verlassenen Lage vergönnt war – von mir zu weisen, wäre ein Verrat an mir selbst gewesen und hätte Herrn Henry's Gefühlen zu viel Wichtigkeit beigelegt. Ich half mir mit einem Mittel, das mir jetzt ein bischen jesuitisch scheint, damals aber Entschluss eines reinen Willens war und mir deshalb auch keine Reue gekostet hat. Ich beschloss, mich zu Mistriss St. Claire zu begeben und ihren Rat zu erbitten; gewiss würde sie ihrer Schwester ein Wort über meine Gestalt schreiben, wenn ihr dieses keine Unruhe über die Sicherheit von ihres Sohnes Herzen einflösste. So glaubte ich bei der redlichen Absicht, jedes nähere verhältnis mit ihm zu meiden, die Freistätte, welche mir Miss Murray's Haus versprechen könnte, annehmen zu dürfen. In diesen Gesinnungen verfasste ich meinen Brief; ich meldete auch meinem gütigen Pfarrer meine Ankunft in Edinburg und die Unannehmlichkeit, die mich daselbst betroffen; und so war die Stunde herbeigekommen, die mich jetzt ein Bedürfniss trieb im Gebet zu Gott und mit Prüfung meines eignen Herzens zuzubringen. Sie gab mir den Seelenfrieden, in dem man vertrauensvoll sich der Erquickung des Schlafes überlässt.
Früh am folgenden Morgen kam Herr Murray, und drei Stunden verflogen in lebhaftem Gespräch, wodurch mir aber das Unziemliche meiner Verhältnisse gegen diesen Jüngling nur auffallender wurde. Sobald er mich verlassen hatte, suchte ich Mistriss St. Claire auf. Ich fand eine hagere, lange, ältliche Dame in einem ziemlich engen, hochlehnigen Armstuhl mit dem Ausnähen eines grossblumigten Musters in Linon beschäftigt. Sie liess mich