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allein! nun wäre ich gern zurückgekehrt in das Haus, das bei aller seiner unheimlichen Sitte mir jetzt eine Freistätte schien. Regen und Wind trieben mich vom Verdeck in ein dumpfes Behältniss, wo vierzig Mitreisende, von der ungestümen Bewegung des segelnden Schiffes mehr oder weniger angegriffen, umher lagen. Auch mich trieb diese unleidliche Beschwerde, mein Lager zu suchen. – Ich hatte kein zierlicheres erwartet, gab also meinem Ekel vor dem, was ich fand, nicht nach, sondern strengte alle meine Kräfte an, die auf mich eindringenden unangenehmen Empfindungen zu ertragen. Die Gesellschaft meiner gefährten in ihren bedrängten Umständen, das Schwanken des schiffes, das Geschrei der Seeleute, das Klappern des Tauwerks, das donnernde Anprallen der Wellen an die Schiffswändeund endlich, wie der Wind wirklich zum Sturm anwuchs, das Geschrei und arbeiten an der Pumpe, die ein entstandenes Loch unaufhörlich in Bewegung zu halten erfordertedas alles waren Umstände, deren Zusammentreffen eine geübtere Reisende wie mich hätte angreifen können. Die Reisenden, mit der Seefahrt unbekannt, hielten das mässige Unwetter für einen weltzertrümmernden Orkan und drückten ihre Todesfurcht mit mehr oder weniger Heftigkeit aus; ich konnte unsere Gefahr nicht beurteilen, empfand aber mein körperliches Leiden so schwer, hatte im Leben so wenig Vorteil zu hoffen, dass mir der Tod wahrscheinlich und willkommen schien. Ich suchte nur meinen Geist zu bekräftigen, damit der entscheidende Moment mich gerüstet finden möchte. Doch der Sturm legte sich, an Schiffsuntergang war nicht zu denken, aber unser Fahrzeug war so stark beschädigt, dass wir die holländische Küste, wohin uns der widrige Wind getrieben hatte, willkommen heissen mussten und, des Hafens froh, in Rotterdam ans Land gingen.

Gänzlich unbekannt mit den Mitteln wie mit der notwendigkeit hauszuhalten, nahm ich ein Zimmer in einem anständigen Wirtshaus, wo ich sehr eingezogen und mit sehr ernsten Betrachtungen beschäftigt die acht Tage zubrachte, welche unser Fahrzeug zu seiner Ausbesserung bedurfte. Wie es zur Abreise kam, war ich höchlich betroffen, durch die Bezahlung meiner Rechnung die ganze mir übrige Baarschaft bis auf zehn Guineen vermindert zu sehen. Dennoch fasste ich Mut. Meine Reise bis Edinburg forderte wenig Kosten mehr, und dort konnte ich mich in Mistriss Murray's Haus bis zum Ablauf des ersten Quartals aller Ausgaben entalten. Der erste teil dieser Aussicht ging in Erfüllung. Unsre Ueberfahrt von der holländischen Küste nach Edinburg war angenehm und so schnell, dass ich schon nach vierzehn Tagen in dem Hafen einen Mietwagen bestieg, der mich nach Edinburg führte.

Ich war über den nun zunächst mir bevorstehenden Augenblick in einer solchen Spannung, dass ich die romantische Lage der Stadt, die Schönheit ihrer Strassen gar nicht bemerkte, sondern zwischen dem innigsten Gebet zu Gott, den Antritt meines neuen Berufs zu segnen, und den Bildern, welche sich meine Einbildungskraft von meiner bevorstehenden Lage machte, geteilt war. Ich malte mir Mistriss Murray's Bild bis auf ihre Kleidung, ihre erste Verbeugung aus. O möchte sie nur in ferner Aehnlichkeit, nur im letzten Nachklang Miss Mortimer gleichen! seufzte ich aus beklommner Brust. Aber Herr Maitland hatte mir oft seine Landsmänninnen als gross, kräftig, rasch gemaltdas Bild glich Miss Mortimer nicht, und mir schien es recht fürchterlich, eine solche hohe, strenge, knochenstarke Frau zu erblicken. Indess rollte mein Wagen durch die bei später Tageszeit stillen, menschenleeren Strassen, mir ward immer bänger, bis er endlich an einem schönen, aber ganz unerleuchteten haus stille hielt. Ich schellte, und atemlos wartete ich, bis die tür sich öffnete, so dass ich den Diener kaum verständlich fragte: ob Miss Murray zu haus sei. – Nein, Ihre Gnaden, sie ist seit vierzehn Tagen verreist. – grosser Gott! verreist? wohin? – Nach Portsmout. Sobald die Nachricht kam, dass der kapitän verwundet dort ans Land gestiegen sei, reiste Mistriss Murray mit ihrer Tochter dahin ab. – Und liess sie keine Briefe für mich zurück? – Des Bedienten Antwort überzeugte mich, dass kein Mensch meine Ankunft erwartet hatte, ich übersah nun die Folgen meiner übereilten Abreise und sank halb ohnmächtig vor Schrecken in den Wagen zurück. – Steigen Sie hier aus, Ihre Gnaden? fragte jetzt der Kutscher. Nein, rief ich, ohne zu wissen, was nun weiter zu tun möglich sei. – Wohin soll ich Sie denn führen? fragte Jener wieder. – Ich antwortete mit einem Tränenstrom, denn ich wusste keine Tür, die sich mir öffnen, wo Jugend und Armut Schutz finden könnte. Der Bediente schien von meiner Betrübniss gerührt; vielleicht, sagte er, hat Mistriss Murray meinem jungen Herrn Aufträge an Sie zurückgelassen. – Ist der Sohn des Capitains zurückgeblieben? – Ja, Ihre Gnaden, er blieb, um seine Collegien auszuhören. Er ist jetzt nicht zu haus, muss aber sogleich heimkommen. Belieben Sie einzutreten und sich auszuruhen! –

Mir schien es am besten, diese Einladung anzunehmen, ich zahlte den Kutscher aus und folgte dem Diener ins Haus. Er führte mich in einen artigen Salon, wo ein erfreuliches Steinkohlenfeuer Helle genug gab, um den Aufputz des Zimmers zu erkennen. Zierliches Gerät, Bücher auf allen Tischen, eine schöne Harfe, Mappen mit Zeichnungen bewiesen mir das Streben nach Bildung in dessen Bewohnern. Mein zerschlagner Mut hob sich von neuem, ich untersuchte die Bücheres waren meistens juristische Werke, daneben ein sehr zerlesenes Exemplar der neuen Heloise, ein Tibulljetzt fiel mir ein grosser