mehr Kräfte erübrigtest, wenn Du kleine Verwaltungszweige, wie Fürsten zu tun pflegen, deinen Ministern überliessest!" – "Dann möchte es in meinem haus aussehen wie in jener Staaten, und davor behüte mich der Himmel! Sagen Sie selbst, Miss Percy, haben Sie während Miss Mortimers langer Krankheit nicht die Folgen davon erfahren, wenn die Herrin nicht überall selbst gegenwärtig ist?" – "Verzeihen Sie", erwiderte ich, unwillig über die gleichgültige Veranlassung, durch die sie sich an meiner Freundin Tod erinnern liess, "in Miss Mortimers haus war so viel Ordnung, so wenig Ansprüche, ein so mildes Regiment, dass ich in dieser Rücksicht ihren traurigen Gesundheitszustand nie angesehn habe." – Sobald ich ausgesprochen hatte, bereute ich den versteckten Tadel, den meine Worte entielten; allein der war an meiner Wirtin verloren, sie sagte, nur zerstreut von dem Ungeschick, mit welchem das Dienstmädchen eine Schüssel aufhob: "So? also wird Miss Mortimer wohl nicht so gar genau haben haushalten müssen ..." Ich fand einen Sinn in dieser Bemerkung, der mich verletzte, hatte aber Klugheit genug, mir die Antwort zu ersparen und diesem peinlichen Abend durch die Bitte, mir mein Zimmer anzuweisen, ein Ende zu machen.
Ach es war nicht das einfache Gemach eines Familienmitglieds, wohin man mich führte, es war ein Putzzimmer, in dem nichts bequemen Gebrauch versprach, sondern alles nur sorgsames Schonen aufdrang. Doch müde von dem Kummer des tages und der Disharmonie des Abends, legte ich mich mit der Hoffnung nieder, dass nun die Anstrengung des Empfangs von Seiten meiner Wirtin überstanden sei, die folgenden Tage geräuschlos in einfacher, häuslicher Beschäftigung hingehen würden; denn so befremdlich mir die Art der Teilnahme an den Geschäften war, begriff ich wohl, dass es einer Pfarrfrau sehr zur Ehre gereichen könnte, sie selbsttätig zu besorgen. Allein meine Rechnung war falsch. So sanft mein Schlaf war, so früh und unsanft ward er unterbrochen. Fegen, Scheuern, Keifen, Befehlen, Türenschlagen, Kindergeschrei, durch hörbare Acte der vollziehenden Gewalt auf kurze Zeit beschwichtigt, bewiesen mir, dass meine arme Hausfrau, bei dem Aufwand aller ihrer Kräfte, keine Ordnung, und bei steter Autokratie, keinen Gehorsam einzuführen vermochte. Die widerstandslose Ergebung des Pfarrers wäre mir verhasst geworden, hätte ich sie der Fühllosigkeit zuschreiben müssen; allein ich sah bald, dass sie die einzige seiner Individualität mögliche Art war, Aergerniss zu vermeiden. Sein ältestes Kind war in einer Pension; in den Tagen, wo ich sein Gast war, brachte er das zweite aus dem haus und gab mir zu verstehen, dass er die armen Kleinen auf diese Art dem Einfluss einer traurigen Häuslichkeit zu entziehen gedenke. Um diese Ausgaben bestreiten zu können, arbeitete er angestrengt für Buchhändler. – Ich bedauerte und achtete den Mann, der tägliches Märtyrertum zu erleiden, die Kraft besass, die ihm wahrscheinlich im Anfang seiner Ehe gefehlt hatte, um seiner Gattin fehlerhafte Neigungen zu zügeln.
Allein der Aufentalt in diesem haus war mir so drückend, dass ich mich überzeugte, die härteste Dienstbarkeit könnte nicht quälender, als die Gastfreundschaft von Mistriss *** sein. Die Antwort auf den Brief, den der Pfarrer an seine Schwester geschrieben, ward daher mit der grössten Ungeduld von mir erwartet und war mir, wie sie eintraf, tausendfach willkommener, da sie meinem Beschützer meldete, dass sie selbst mich in ihrem haus aufzunehmen wünschte, um die Erziehung ihrer einzigen Tochter zu vollenden. Meine musikalischen Talente hatten mir bei ihr zu besonderer Empfehlung gedient. Mistriss Murray wünschte meine Bedingungen zu erfahren, von denen sie fürchtete, sie möchten ihre Mittel übersteigen, aber sehr geneigt wäre, das Aeusserste zu tun. Der Schwager des Pfarrers war Marineofficier und in diesem Augenblick zur See. Seine Gattin mit ihren Kindern, einem Sohn und einer Tochter, lebte in Edinburg, ein Umstand, der zu meiner Befriedigung beitrug, denn so sehr der wackre Herr Sidnei mir zuredete, einen sehr verteilhaften Platz, den er in London für mich gefunden hatte, anzunehmen, beharrte ich auf meinem Abscheu vor der Gefahr, dort meinen ehemaligen Bekannten zu begegnen. Herr Sidnei sowohl wie der Pfarrer redeten mir zu, meine Abreise nicht auf eine so schwankende Aussicht hin bei einer so ungünstigen Jahreszeit zu unternehmen, sie stellten mir vor, dass mein Eintritt bei Mistriss Murray nur gewinnen könnte, wenn meine Verhältnisse in ihrem haus vorher näher bestimmt würden. – über diesen Umstand war ich ganz gleichgültig. Die Ungeduld, meine jetzige Lage zu verändern, machte mich blind gegen alle Unannehmlichkeiten, die eine andre, ganz unbekannte mir aufdringen könnte, und somit ward meine Abreise beschlossen.
Der Landweg nach Edinburg war für meine Mittel zu kostbar, und wie sehr sich auch meine beiden Ratgeber widersetzten, verdingte ich mich doch auf ein Handelsschiff und ging, nach einem vierzehntägigen Aufentalte in dem Pfarrhause, zur See. Die gewaltsame Steigerung meiner Geistesstärke, mit der ich meine Abreise betrieben, war in Gefahr, gänzlich zu sinken, wie der Pfarrer und Herr Sidnei, nachdem sie mich an Bord begleitet, in ihrer Barke wieder ans Land ruderten. In einem feuchten Winternebel sah ich sie von meinem Schiff abstossen, zuerst wurden mir ihre Züge, dann ihre Gestalten unkenntlich, bald sah ich nur noch ihre weissen Tücher in grauem Nebel wehen, und endlich war der dunkle Punct, den ihr Nachen auf den Wogen bildete, vor meinen tränentrüben Augen verschwunden. – Nun fühlte ich mich