sie noch einmal an, ihr Auge glänzte wie eines Ueberwinders blick, meine stimme brach, und wie eine Trostlose schluchzte ich: O Tod, wo ist dein Sieg! und verhüllte mein Gesicht auf ihrem Deckbett. Sie legte ihre Hand auf mein Haupt, die Hand ward schwerer und schwerer, sie sank herab auf meine Schulter, ich blickte auf, und sie lag wie eine Schlafende – denn des Gerechten Tod gleicht dem Schlafe.
Kein Mann, auch der zartfühlendste nicht, kann den Schmerz ermessen, der mich niederdrückte, wie ich meiner einzigen Freundin, meiner einzigen irdischen Stütze den letzten Dienst erwiesen, und ich nun den geliebten Leichnam von Mietlingshänden in den Sarg einsperren sah, wie ich endlich von der Grabstätte zurückkehrte und gezwungen war, die Leute aus dem Zimmer, wo sie lebte, die letzten Spuren ihres Daseins forträumen, fortputzen, vertilgen zu sehen. Männer mögen unendlich tief den Schmerz fühlen, aber sie verlieren in ihrem Liebsten nie ihre Sicherheit, ihre Stütze – ja sich selbst – sie können hinausstürzen in die öde Welt und im Gedränge des Lebens, der Gefahr ihrem Dasein einen Wert beilegen – das Weib muss hülflos an dem Platz stehen bleiben, wo ihr Lebensglück von ihr schied, muss in dem Moment, wo sie die natur den Schrei des Schmerzens auszustossen treibt, durch die Formen des Anstands sich von einer kalten Aussenwelt die Vergünstigung, leise weinen zu dürfen, gewinnen.
Wenige Tage nach Miss Mortimers Hinscheiden langte ihr natürlicher Erbe an und eilte durch Eröffnung ihres letzten Willens den Bestand ihrer Hinterlassenschaft zu erfahren. Sie befriedigte ihn sehr wenig, und diese Fehlschlagung erbitterte ihn vielleicht dergestalt, dass er der Verewigten später eigenhändig hinzugefügtem, aber nicht gerichtlich besiegeltem Befehl: der alten Barbara und mir den Genuss ihrer wohnung, so lange es uns gut dünkte, zu gewähren, keine Folge leistete. Er erklärte mir ohne Rückhalt, dass er keine Verbindlichkeit hätte, diese Clausel zu achten, weshalb ich ihm einen Mietzins zu entrichten oder mir eine andre wohnung zu suchen habe. Nach dieser Erklärung brannte mir der Boden unter den Füssen – allein wohin sollte ich gehen? Die Verwandten meines Vaters waren mir stets fremd geblieben, die meiner Mutter waren mir während meines Pensionsaufentalts fremd geworden, und späterhin hatte ich sie mit leichtsinnigem Hochmut von mir entfernt; in dem glänzenden Zirkel, in welchem ich mich im Taumel der Eitelkeit bewegt hatte, war Keiner, nicht Einer, der, wie des Unglücks Wogen mich verschlangen, nach mir gefragt hätte, und Keiner, dem ich jetzt zutraute, dass er mir Rat und Beistand schenken würde. Wie ärmlich der Ertrag weiblicher arbeiten sei, hatte ich schon erfahren; der einzige Weg, mir ein Unterkommen zu schaffen, schien mir eine Stelle als Erzieherin zu sein. An den Kenntnissen, die ein reiches Mädchen braucht, fehlte es mir nicht: einige Sprachfertigkeit, zierliche arbeiten des Luxus und der Fantasie, Musik, gründlicher und ausgebildeter, als man sie gewöhnlich antrifft, das waren meine Mittel des Unterrichts; aber welches waren die der Erziehung? – Ich wollte erziehen, die kaum den natürlichen Jahren der Kindheit entwachsen, nur eben Zeit gehabt hatte, zu erfahren, dass es mir selbst an Erziehung gefehlt habe? – Allein diese Erfahrung war ja vielleicht ein Mittel, Andre erziehen zu können, und Gebet und fester Wille sollten das Uebrige ersetzen. Nur nicht in London, nicht auf dem Schauplatz meines schnell verschwundnen Glanzes wollte ich in so verschiedner Gestalt auftreten; mir diese Prüfung ohne die dringendste Not aufzulegen, schien sogar einer geziemenden Würde im Unglück nicht angemessen, und mein inneres Gefühl hiess diesen Widerwillen gut. Sobald mein Entschluss gefasst war, eröffnete ich dem Geistlichen, welcher mit meiner sterbenden Freundin gebetet hatte, die Bedrängniss meiner Lage und meinen Wunsch, sie auf dem erwähnten Weg zu verbessern. Er ging mit warmer Teilnahme in meine Verhältnisse ein, erbot sich sogleich, an eine seiner verheirateten Schwestern im fernen Norden des Reichs zu schreiben, und lud mich ein, bis ich ein anständiges Unterkommen gefunden, in dem Schoos seiner Familie zu verweilen.
Ein sehr unerwarteter Vorfall sicherte mich, bei meiner gänzlichen Verarmung, in diesem Zeitpunct vor völliger Entblösung von Geld. Unter den Papieren meiner verewigten Freundin fand sich ein an mich überschriebner versiegelter Brief, er entielt eine Banknote von dreihundert Pfund und im Umschlag folgende Worte:
"Meine teure Ellen, brauchen Sie die beiliegende Summe ohne Bedenken und ohne Nachfrage! Sie gehört Ihnen, ich hatte nie Ansprüche darauf, sie kam in einer sehr traurigen Stunde in meine Hand, aber aus Furcht, Sie möchten an die Sterbende nutzlos verschwenden, was der Ueberlebenden einst Not tun könnte, richtete ich es so ein, dass sie Ihnen erst, wenn alles vorüber ist, übergeben werden kann. Elisabet Mortimer."
Ich mutmasste sogleich, dass diese Summe von Herrn Maitland herkommen müsste, und fast überzeugt, dass er jetzt gar keinen andern Anteil mehr an mir nehme, als den Mitleid mit einer Unglücklichen einflösst, konnte mir diese Gabe nur als eine Wohltat erscheinen. Es war mir zu schwer, so unweigerlich Almosen zu empfangen, wenn gleich mein bessrer Sinn meinem Stolze sagen wollte, dass solche aus der geehrtesten Hand am wenigsten verwunden sollten. In der Hoffnung, dass sich unter Miss Mortimers Papieren eins finden möchte, das mir über Herrn Maitlands Denkart in Absicht auf mich irgend eine Spur geben könnte, bat ich den Erben der Verewigten, mir diese durchsehen zu lassen. – Er