, und glaubte, weil ich allem Schmuck, aller Verzierung entsagt hatte, meine Bedürfnisse aufs strengste vereinfacht zu haben. War nun meine Kleidung bestritten, so blieb mir kaum eine Kleinigkeit, um sie für meine geliebte Kranke zu verwenden. Bei dem innigen Wunsche, mehr für sie tun zu können, hielt ich meine Augen mehr wie einmal auf den lieben Ring, das einzige Andenken meiner Mutter, geheftet. Wenn ich diesen verkaufte, dachte ich dabei, könnte ich lange, lange kleine Zuschüsse in Miss Mortimers Haushalt geben, denn ich glaubte ihn von ansehnlichem Wert; allein jedes Mal widersetzte sich mein Herz, ich sagte mir selbst, so ein teures Andenken müsste nur der dringendsten notwendigkeit aufgeopfert werden, und diese führte endlich ein nichtsbedeutender Umstand herbei. Eines Tages, wie meine Freundin matt am offnen Fenster sass, trat eine Frau mit einem Korb des schönsten Obstes davor, den sie von der Strasse herein darbot. Miss Mortimer, welcher der Arzt dessen Genuss vorgeschrieben hatte, schien mit einiger sehnsucht nach den einladenden Früchten zu sehen, verweigerte aber davon zu kaufen. Schnell eilte ich zu der Obständlerin, suchte die schönsten Früchte aus ihrem Korb, verwendete den ganzen Erwerb daran, der mir für einen gemalten Lichtschirm geworden, und häufte meinen Schatz mit kindischer Freude vor der teuren Freundin auf. Meine Tränen flossen vor Freude, einzeln rollten ein paar Tropfen über Miss Mortimers bleiche Wangen, mit einem unbeschreiblichen, liebevollen, wehmütigen Lächeln, das mir deutlich verkündete, sie wolle mir nicht meine Freude verderben, nahm sie einen Pfirsich, und wie ihre lieben, schwachen hände ihn hielten, sagte ihr gegen Himmel gerichteter blick, dass sie Gott danke, der seinen Menschen solche Labsale geschaffen. In diesem Vorfall schien mir die dringende notwendigkeit, welche den Verkauf meines Ringes bestimmen sollte, erschienen; ich eilte in der nächsten Stunde nach London, um mein Kleinod einem Juwelenhändler zu überlassen.
Zweiter teil
Ungewohnt, in einem öffentlichen Fuhrwerk zu reisen, war ich anfangs, wie ich mich mit ein paar fremden Menschen in dem Wagen eingeschlossen sah, über meine Keckheit erschrocken. Ich zog meinen Hut in's Gesicht, drückte mich, als würde mich das ihrem Blicke entziehen, in die Kutschenecke hinein und wagte kaum zu atmen. Bald gewahrte ich, dass sie mich gar nicht beachteten; der kleine Weg ward ohne Störung fortgesetzt, so dass ich nicht mehr die Ueberfahrt, aber die Ankunft in London fürchtete. Die erstere hatte Miss Mortimers Barbara bei meinem Einsteigen bezahlt, indess ich, gedankenlos für alles ausser dem Zweck meiner Reise, mich so wenig mit Gelde versehen hatte, dass es mir beim Aussteigen an Mitteln fehlte, einen Mietwagen zu nehmen. Die Not zwang mich, den Laden des Kaufmanns, mit dem ich meinen Handel machen wollte, zu fuss aufzusuchen; und jetzt in einer der volkreichsten Strassen von London war ich nun wirklich den neugierigen Blicken, den kecken Anreden einiger Männer ausgesetzt und geriet darüber so ausser mir, dass ich, wie ich den Laden erreichte, gar nicht wahrnahm wie ein Wagen mit der du Burgh'schen Livree vor ihm hielt. Er war voll geputzter vornehmer Leute, aber nur Eine Gestalt zog meine Augen an – meine herzlose Freundin. – Ich wollte fliehen, mir war's, als sähe ich eine Schlange, im Begriff, nach meinem Herzen zu schiessen, aber meine Kräfte versagten mir, ich ward so sichtlich ergriffen, dass ein Ladenmädchen mir schleunig einen Stuhl bot. Julie erblickte mich gleichfalls, ihr Gesicht glühte, sie wendete es ab – da erwachte mein Stolz, ich gebot meinen zitternden Knieen und trat zu dem Kaufmann, um meinen Handel zu schliessen. Zu meinem schmerzlichen Erstaunen erfuhr ich von ihm, wie kindisch ich meinen Ring nach dem Wert, den mein Herz ihm beilegte, geschätzt hatte. Er bot mir fünfundzwanzig Pfund, indess ich auf die vierfache Summe gerechnet hatte; wohl versuchte ich einige Einwendungen, aber ich wusste aus meinen ehemaligen Besuchen in solchen Läden, dass darin kein Feilschen stattfindet; kummervoll wartete ich auf meine Kaufsumme, als ich auch Lady Marie wahrnahm, die mit Miss Arnold, welche noch immer ihr Gesicht von mir abwendete, gesprochen hatte und sich jetzt, unter dem Vorwand, den Kaufmann zu sprechen, mit kalter Neugier zu mir herandrängte. Ihr Benehmen war so gefühllos, dass es ihr einen Anstrich von Gemeinheit gab, die mir meine sittliche Ueberlegenheit plötzlich fühlbar machte; ich trat zurück und sagte verächtlich zu dem Kaufmann: "Tun Sie die Geschäfte der Dame ab, wenn sie deren wirklich hat, ich will warten." Lady Maria, die meine scharfe Zunge noch von der Pension her kannte, zog sich mit einem hochmütigen Kopfaufwerfen zurück, ich erhielt nach langem Warten meine Auszahlung und wollte forteilen, als Miss Arnold die Unverschämteit hatte, zu mir zu treten. Leider war die Zornesglut, die mich, nun der Schmerz überwunden war, übermannte, nicht die Gemütsstimmung, welche mir meine letzte Vergangenheit hätte lehren sollen. In den ruhigen Tagen des Lebens gelingt es uns leicht, unser Selbstbewusstsein rein zu erhalten, aber nicht weil wir stark, sondern weil die Versuchung schwach ist. Ich erfuhr jetzt, wie viel mir noch fehlte, um das Gebot "segnet eure Feinde" erfüllen zu können. Ich beantwortete Miss Arnolds ungeschickte Entschuldigung, "dass sie mich nicht gleich erkannt habe", mit kaum erhaltner Fassung, und auf ihre Anerbietung, mich nach Haus zu begleiten