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in denen sie aber noch nicht fest genug begründet waren, um sie ohne Bekehrungseifer behaupten zu können. Ich liess mich in Streitigkeiten mit ihm ein, bei denen ich nicht immer der siegende, aber nie der nachgebende teil war; Sidnei blieb immer Herr seines Gleichmuts und brachte mich am meisten um den meinen durch die Herzlichkeit, mit der er mich versicherte, es sei ihm an der Form des Denkens wenig gelegen, und er würde immer ruhiger über die Möglichkeit, die seine einst für meine hinzugeben, wenn er Menschen, wie Miss Mortimer und mich von ihr ihre Tugenden ableiten sähe. Ich hielt dieses für sträfliche Gleichgültigkeit gegen religiöse Ansichten und machte Miss Mortimer Vorwürfe, dass sie, welche doch gewiss die gute Sache viel besser zu verteidigen vermöchte, an unserm Wortwechsel niemals teil nahm. "Ich fürchte, mein kaltes Blut zu verlieren und ihr dadurch zu schaden", antwortete sie lächelnd. – "So wünschten Sie, dass ich Ansichten, von deren Falschheit ich überzeugt bin, scheinbar gut heissen soll?" – "Gar nicht, liebe Ellen, aber sie nicht bestreiten. Uns Weibern steht es überhaupt besser an, das Christentum durch Beispiel, als durch Wortstreit zu lehren, und einem Mann, der wie Herr Sidnei als ein Christ lebt, wird Gott gewiss auch die Gnade geben, wie ein Christ zu denkendas Wie und Wenn müssen wir nicht vorwitzig erzwingen wollen." – Wie ich etwas kühler geworden war, sah ich wohl ein, dass Miss Mortimer recht hatte, und legte mir das Gesetz auf, die Wortkriege mit Herrn Sidnei zu vermeidenund diese Nachgiebigkeit bestimmte vielleicht den wackern Mann, mir ernstafte Anträge zu machen. Eine kurze Zeit lang liessen sie mich unentschlossen. Es war ein Ausdruck einfacher Wahrheit in ihnen, die sie mir, welche den Unwert feuriger Versicherung vor kurzem auf eine so traurige Weise erfahren hatte, empfehlen musste. Seine Persönlichkeit, seine Sitten, sein Ruf litten keine Einwendung; ich konnte mir nicht verhehlen, dass Miss Mortimers hinfällige Gesundheit mich mit dem Verlust meiner einzigen irdischen Stütze bedrohe, und Herrn Sidneis Hand mich dann allen den Leiden entziehen würde, die ich auf mich eindringen sah; aber ich liebte nicht, und wenn diese Heirat mich vor grossen Uebeln schützte, so legte sie mir auch Pflichten auf, die es mir, ohne Liebe, sehr schwer schien zu erfüllen. Meine Vernunft schalt mich, eine als flüchtig geschilderte Empfindung zur Bedingung des dauerndsten Lebensverhältnisses zu machen; allein sie trat auf die Seite meines Gefühls, wie sie sich überzeugte, dass dieses nicht eitle Vorzüge, sondern eine Ueberlegenheit des Geistes und des Charakters von einem Gatten fordere, um ihm, ohne Demütigung meiner eignen Vernunft, gehorchen zu können. So lautete wirklich das Resultat meiner ernstlichen Erwägung von Herrn Sidneis Antrag; allein ich war mir damals bewusst und sage es jetzt ohne Hehl, dass ein Brief Herrn Maitlands, den ich gerade während meiner überlegung empfing, mir das eigentliche Bedürfniss meines Herzens klar machte, zugleich aber auch meine überzeugung, Herrn Maitlands Herz verloren zu haben, aufs neue bestätigte. Sein Brief entielt kein Wort, welches sein ehemaliges geständnis berührt hätte, aber wohl männlich herzliche Teilnahme an meinem Unglück, zärtliche sorge für meine Wohlfahrt. Er suchte mir, mit einem Vertrauen in meine Kraft, das diese Kraft hob, die Pflichten und den Gewinn meiner neuen Lage darzulegen, und erinnerte mich, dass Unabhängigkeit des Einzelnen nur durch den Gebrauch eigner Kräfte auf einem sichern Grund gewonnen werden könnte.

Ich machte Miss Mortimer mit meinem Entschluss, Herrn Sidneis Hand auszuschlagen, bekannt und erhielt erst nach manchem Einwurf ihren Beifall, mit dem Zusatz, dass sie zuversichtlich hoffe, Gott werde mir einen andern Beschützer für die Zeit der Gefahr senden. – "Der muss ich selbst sein, meine verehrte Freundin", sagte ich, mich mutiger zeigend, wie ich war. "Herr Maitland deutet mir in seinem Brief an, was die Basis meiner Unabhängigkeit sein soll." – "O meine gute Ellen", rief Miss Mortimer, indem sie mich sorgenvoll anblickte, "die Sicherheit des Lebens-Unterhalts ist es ja nicht allein, die ein weibliches Wesen bedarf! Rat und Zuspruch" ... "Verzeihen Sie mir, teure Freundin", unterbrach ich sie, "diese kann mir Herr Maitland so gut geben, wie ein Gatte, er bleibt ja nicht ewig jenseit des Meers." – Miss Mortimer seufzte. "Ja wenn die Frau, die er wählt, Ihre Beschützerin würde!" – "Eine Frau? Liebste Miss Mortimer, warum soll er denn eine Frau wählen? Sie haben einen sonderbaren Geschmack, Heiraten zu stiften!" – "Das ist eine Mühe, die ich mir seit einigen zwanzig Jahren, freilich nur für andre, gegeben habe", erwiderte sie mit einem gutmütig spottenden Lächeln und veranlasste mich dadurch zum ersten Mal, um die Erzählung ihrer frühern Lebensverhältnisse zu bitten. Meiner geliebten Freundin Andenken ist mit dem Gebet derer, denen sie wohl tat, von der Erde verschwunden, es lebt nur noch in meinem Herzen, aber ihr anspruchloses Leben ist mit Herrn Maitlands Jugendgeschichte verbunden, und um dieser willen weihe ich ihr dieses Blatt.

Miss Mortimer und meine Mutter hatten die Freundschaft, die sie verband, von ihren Eltern ererbt. Ihre Väter fochten einer an des andern Seite und fanden auf demselben Schlachtfelde ihren Tod. Beide Wittwen zogen sich in die Einsamkeit zurück