meine Absicht gewesen. Es gelang mir, sie zu begütigen. Nach mancher Verständigung erfuhr ich endlich, dass der wackre Mann ein Schotte sei, der in seinem vaterland ganz erträglich als Gärtner gelebt hatte; die Hoffnung, in England sein Glück zu machen, wo schottische Gärtner gesucht werden, lockte ihn an. Da es ihm nicht gleich gelang, Arbeit zu finden, geriet er in grosse Bedrängniss, bis er es wagte, einen edlen Landsmann anzusprechen, Herrn Maitland, durch dessen Vorwort Herr Percy ihn auf seinem Gute zu Richmond als Gärtner anstellte. – Bei diesem Namen fuhr ich zusammen; aber schon zur Vorsicht gewöhnt, verriet ich mich nicht, sondern fragte, ob sie Miss Percy gekannt hätten. Das nicht, sagte die Frau, denn sie wären den Tag in Dienst getreten, als die herrschaft in die Stadt zog, und wenn Miss Percy zu kurzen Besuchen hinausgekommen sei, habe sie so viele bunte und fröhliche Leute um sich gehabt, dass ihr keine Zeit geblieben sei, auf armes Gesinde zu blicken. Aber an ihrem Unglück sei sie doch schuld, denn gegen das Frühjahr habe sie darauf bestanden, einige schöne ausländische Pflanzen unerlässlich an einem gewissen Tage, zur Zierde bei einem grossen fest, zur Blüte gebracht zu sehen. Campell, der den Auftrag erhielt, besorgte sie Tag und Nacht in dem stark geheizten Wärmehaus; sie hätte mehr wie einmal gesagt, wenn er schweisstriefend von da in Hemdärmeln durch Schnee und kalten Nebel zum Essen gekommen sei: "das bringt dir den Tod, du stirbst mit den Blumen, die gegen alle natur getrieben werden." So war's gekommen. Sein Atem ward ihm schwer und schwerer, seine Kräfte nahmen ab, aber gearbeitet musste werden; in dem feuchten Frühling stand er und grub an den nassen Morgen und in den kalten Abenden, und wie mein Vater ihn nicht mehr lohnen konnte, ward er abgedankt, und nun lag er auf dem langsamen Todbette, auf dem es seiner selbstsüchtigen herrschaft jetzt an Mitteln gebrach, ihm Erleichterung zu geben.
Meine Seele litt im furchtbaren Bewusstsein veranlassten unwiederruflichen Unglücks. Ich fragte, ob Campell einen Arzt habe. – Kopflose Frage! Einen Arzt, wo es an Mitteln fehlte, sich Nahrung zu verschaffen! "Ach", rief Campell, "hätte ich nur Mittel, nach Schottland zurückzukehren! dort würde ich bald wieder gesund. Die Luft ist dort so rein, man atmet so leicht!" – Dahin sollt ihr gelangen, rief ich lebhaft und reichte ihm meinen Beutel, ohne zu bedenken, dass es nicht mein Eigentum sei, was ich gab, dass ich dieses wenige Geld, wie alles, was ich genoss, meiner Freundin verdanke, die es ihrem Bedürfnisse entzog. Meine nächste sorge war um einen Arzt. In einem nahen Kramladen bezeichnete man mir die wohnung eines Herrn Sidnei, zu der ich eilte; ich fand einen wohlgebildeten, anständigen jungen Mann, der mich höflich, aber mit sichtbarer Befremdung über meine Erscheinung anhörte. Obgleich ich durch die Erzählung von Campells Schicksal schmerzlicher, wie je, an meine vergangne Torheit erinnert war, entging mir der günstige Eindruck nicht, den meine Gestalt auf ihn machte, ich empfand eine Genugtuung, die ich mir den nächsten Augenblick als eine Sünde vorwarf und, meine Kappe tief ins Gesicht ziehend, ihn auf den Weg zu Campells wohnung begleitete. Der Arzt untersuchte den Zustand des Kranken, und mit der bittersten Seelenpein hörte ich seine mir mit wenigen leisen Worten gegebne Erklärung, dass für ihn keine Heilung mehr möglich sei. Ich musste an die offne Tür treten, um nicht niederzusinken unter der Last meines Bewusstseins. "Wer ist dieser Engel?" hörte ich Herrn Sidnei fragen. – Engel! das leichtsinnige geschöpf, das zur Mörderin ward! – Ich wollte hinzutreten und durch Nennung meines Namens allen den Abscheu auf mich ziehen, den ich verdiente, aber der Mut fehlte mir, und die Worte starben auf meinen Lippen. Der Zustand des Kindes war weniger hoffnungslos; zweckmässigere Behandlung half der natur die Heftigkeit des Uebels ertragen, seine Augen öffneten sich wieder dem Lichte, und Leben und Gesundheit wurden ihm wieder geschenkt. Die Tage seines Vaters waren aber gezählt. Wie ich nach kurzer Zeit eines Abends ihm einige Labung darreichte, sank er zurück und hauchte ohne Todeskampf seinen Geist aus. Jetzt machten mir die kleinen Kunstfertigkeiten, mit denen ich ehemals wenige müssige Augenblicke ausgefüllt hatte, wirkliche Freude. Ich verfertigte mancherlei Kleinigkeiten, deren Verkauf mir die Mittel verschafften, die Rückreise von Campells Hinterlassnen nach Schottland zu bewerkstelligen.
So schmerzvoll dieser Vorfall war, trug er doch dazu bei, mich einen trostvolleren blick in meine Zukunft werfen zu lassen. Ich hatte die Folgen meines selbstsüchtigen Lebens gesehen, hatte aber auch das Glück genossen, einen kleinen teil davon wieder gut zu machen. Der Wert meiner Zeit ward mir anschaulicher. Die Entwicklung meiner geringen Geschicklichkeiten wurden mir wichtig, jedes kleine Gelingen gab mir Momente von Freude, die – wie jede reine Freude – je mehr und mehr den Sinn des Dankes zu Gott anzunehmen begann.
Seit mir Herr Sidnei an des armen Campells Krankenbett bekannt geworden war, hatte er sich die erlaubnis verschafft, Miss Mortimer zu besuchen, und sein angenehmes Betragen machte ihn zum willkommnen gast. Bei wiederholten Gesprächen zeigte sich eine denkart bei ihm, welche mir bewies, dass seine Grundsätze bei aller ihrer Rechtlichkeit nicht aus den religiösen Begriffen entsprossten, in welchen ich meine Beruhigungen suchte,