und mindere Dunkel meines Zimmers merkbar ward. Endlich liess sich meine Wirtin nicht mehr durch meine strenge Weigerung zu sprechen, zu hören, Nahrung zu nehmen, abweisen; sie sah meinem Tod entgegen und fürchtete die Unannehmlichkeiten, die es ihr zuziehen könnte, eine Unbekannte ohne fremden Beistand gelassen zu haben, noch mehr, die Kosten ihrer Beerdigung tragen zu müssen. Wie sie wieder einmal vergeblich versucht hatte, ihrem Zureden Eingang zu verschaffen, sagte sie mir ohne Umschweife, dass mein ihr bei meiner Ankunft übergebner Geldvorrat erschöpft sei, und ich mir neue Mittel des Unterhalts verschaffen oder mich nach einer andern wohnung umsehen müsse. Vor acht Tagen noch hätte diese Behandlung meinen Stolz aufs heftigste empört, jetzt empfand ich sie bloss wie eine schnellere Beförderung zum grab und sagte gleichgültig: sobald ich ihre Mühe nicht mehr bezahlen könnte, wollte ich sie davon freisprechen. Damit war diese Frau aber nicht befriedigt; sie schlug mir, wie sie schon oft getan hatte, vor, meine Freunde von meinem Zustand zu benachrichtigen. Aber da berührte sie die eiternde Wunde meines Herzens – ich drückte mein Gesicht in das Kissen und antwortete nicht mehr. Nun fragte die witwe, ob ich denn gar keinen Gegenstand zum Verkaufen besässe, und deutete auf einen Ring, den ich nie von dem Finger gelegt. Es war das einzige Andenken von meiner Mutter, das ich erhalten. Bis jetzt war mir der Wert desselben nicht deutlich geworden, ich hatte ihn, seit ich hier schmachtete, noch niemals bemerkt, doch nun besann ich mich plötzlich, woher er mir kam, und mit Härte befahl ich der Frau, zu schweigen, mir zu sagen, wenn der letzte Schilling meines Geldes ausgegeben sei, wo ich denn lieber auf der Türschwelle sterben, als ihr einen Augenblick zur Last fallen wolle. Beleidigt verliess sie mich und unterbrach den ganzen Tag über meine Einsamkeit nicht mehr.
Erst dieser Vorgang erinnerte mich an das, was mir bisher als das geringere Uebel entgangen war, an die gänzliche Armut, die mich bedrohte. Allein, meine Lebensgeister zu einiger Tätigkeit zu spannen vermochte der Gedanke nicht, im Gegenteil diente er als neuer Beweis, dass ich dem tod verfallen sei, und davon überzeugte mich die leidenvolle Unruhe in meinem inneren, der nagende Schmerz in allen Gebeinen, der sich meiner bemächtigte, die ich beide für die sichern Vorboten der Auflösung hielt. Kaum nahm ich wahr, dass die Nacht dem qualvollen Tag gefolgt war; glühende Funken kreuzten vor meinen Augen umher, die Dumpfheit meines Jammers ging in gänzliche Vergessenheit über, und die Krisis, die ich für den Tod gehalten, löste sich auf in einen heilbringenden Schlaf. Meine ungeschwächte Jugend hatte gesiegt; die Dumpfheit selbst, welche meine Verzweiflung übertäubte, war vielleicht wohltätig für meine Nerven gewesen, die gänzliche Entäusserung von Speise hatte den gang der natur ohne Störung gelassen – genug, ich erwachte mit hellem Bewusstsein meines Unglücks, aber auch meiner Rettung vor dem sehnlich gewünschten Tod. Der Gedanke, Gott zu danken, erwachte nicht mit dem rückkehrenden Leben, bittere Angst um die Zukunft nahm von meinem Gemüte Besitz, und mein noch schwacher Kopf arbeitete angestrengt, einen Weg zu ersinnen, der mich in einer Welt, die ich so feindselig hatte kennen lernen, zu einer Freistätte führte. Bei diesem Nachsinnen hatte ich gar nicht die Augen geöffnet, um zu sehen, wer so leise in meine Tür trat und sich meinem Bett näherte, ein lauter Ausruf schmerzlichen Erstaunens schreckte mich auf. – "Miss Mortimer!" rief ich, und der Anblick dieser gütigen, verkannten Freundin weckte Erinnerungen in mir auf, die mein verstocktes Herz mit Fühllosigkeit umeisten. Sie vermochte nicht zu sprechen, schluchzend hielt sie mich in ihren Armen.
"Miss Mortimer, was wollen Sie hier?" fragte ich kalt und machte mich von ihr los. – "Was ich will, Ellen? das ist sehr ungütig, zu fragen, was ich will! Konnte ich erfahren, dass Sie litten, ohne zu Ihnen zu eilen? Kann ich Sie nicht trösten, oder doch trauern mit Ihnen?" – "Ich traure nicht und bedarf keinen Trost. Lassen Sie mich!" – "Nicht so, mein teures Kind! Es ist Ihnen nicht auferlegt, fühllos zu sein. Wir wollen weinen über die harte Schule, in die Sie Gott geführt, aber nicht an seiner Barmherzigkeit zweifeln." – "Barmherzigkeit? die zeigt er mir nicht. Er hat mich ohne Mitleid zur Erde getreten, und ich will liegen bleiben, bis diese Erde mich verschliesst." – Der Schmerz über meine trostlose Seelenstimmung benahm Miss Mortimer lange die Fähigkeit zu sprechen; dann bat sie mich liebevoll, mehr Milde zu zeigen, und bei meinem Starrsinn rief sie mit aufgehobnen Händen gegen Himmel: "O du Gott des Friedens, senke doch Sanfteit in dieses Herz, das du gewiss zu deinem Tempel geschaffen hast! Ich vermag hier nichts." – Sie hatte sich halb abgewandt, wie sie dieses Gebet sprach, aber ich sah ihre weissen, abgezehrten hände, die sie emporhielt, und hörte ihre Seufzer, ich erinnerte mich des hinfälligen Zustandes, in dem ich sie das letzte Mal getroffen, ich vermutete, dass sie ihr Krankenzimmer nur verlassen, um mich aufzusuchen, um mir hülfe zu bringen. Zu solchen Bemühungen konnte nur Wohlwollen antreiben; gänzlich verlassen, dem ganzen Menschengeschlecht unwert war ich also doch nicht, ich fing an Güte für möglich zu halten