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vor mich hin, welche die Gläubiger mir einhändigten, um meine nächste Einrichtung zu bestreiten. Zugleich bat er mich, einen Freund herbeizurufen, der meine Sache verträte, der mir Rat gäbe in einer Lage, welche mich der Fassung, für mich selbst zu sorgen, offenbar beraubt hätte. "Einen Freund!" rief ich mit bitterm Hohne, "o meine Freunde habe ich geprüft und habe sie so treu befunden, dass der dürre Buchstabe des Gesetzes, der mir dieses Almosen zuteiltich nahm das Päckchen mit Banknoten in die Handmenschlicher mit mir verfährt, wie sie." – Der Schmerz erstickte meine Worte, ich warf dem Unbekannten die Banknoten hin. "Da, nehmen Sie dieses zurück, ich werde nicht diese und keine andere Unterstützung gebrauchen." – Der Mann verliess mich mit Erbarmen im blick, und so vergiftet war mein Gemüt, dass ich diesen blick aus meinem Gedächtniss verdrängteich bedurfte die ganze Tiefe des Jammers, um darin zu versinken.

Ich befahl, unverzüglich einen Mietwagen herbeizuholen, und ohne weiter ein Wort zu sprechen, ohne einen Auftrag zu hinterlassen, ohne eine andere Regung, als ein convulsivisches Schaudern, wie ich an meines Vaters offnem, verödetem Zimmer vorbeiging, verliess ich das Haus und befahl, in eine enge, schmuzige, abgelegne Strasse zu fahren, durch die mich einst mein Kutscher wegen eines aufgerissnen Steinpflasters führen musste. Die Dunkelheit, das unheimliche Ansehn der Häuser hatte ein Bild in meiner Fantasie zurückgelassen, das sich zu meinem trostlosen Vorhaben eignete. Dort angekommen, befahl ich dem Mietkutscher, an dem ersten haus, wo Zimmer zu vermieten angeboten würden, zu halten. Nach mehreren vergeblichen Nachfragen fand sich ein kleiner schmuziger Laden, aus dem mir eine anständig aussehende ältliche Frau entgegentrat, die mir auf meine Frage versicherte, das einzige Zimmer, das sie vermieten könne, stehe mir zu Dienst. Wie sie mich näher ins Auge fasste, ward sie bei meinem Anblick bestürzt. Freilich konnte sie mein Verlangen, ihr Zimmer zu bewohnen, nicht mit meinem Ansehen reimen. Meine Trauerkleidung war mir von meiner Kammerfrau angelegt worden, sie war so kostbar, wie diese Tracht es zulässt. Dieser Umstand und die Verzweiflung in meinen Zügen machte die Frau stutzen, sie bot mir einen Stuhl an und ging hinaus, mit dem Kutscher zu sprechen. Ich bemerkte das; es war mir ganz gleichgültig, eben so die Entschuldigungen der Frau, die mich bei ihrer Rückkehr versicherte, keinen nachteiligen Verdacht gehegt zu haben. Bis zum Tod ermüdet, gab ich ihr meinen Beutel in die Hand, – er entielt den letzten Rest des Ueberflusses, den ich nie zu berechnen Beruf gefunden hatte; es war eine armselige Summe für den, der im Schoose der Ueppigkeit gelebt, aber überzeugt, dass sie länger wie mein sinkendes Leben dauern würde, gab ich sie sorglos dahin und forderte nur, augenblicklich in das mir versprochne Zimmer geführt zu werden. Mühselig schleppte ich mich eine steile, finstre Treppe hinauf und trat in ein dunkles, enges, dumpfes Gemach; an einer Seite stand in einer Vertiefung hinter einem geflickten, verblichnen Vorhang ein Bett, dessen mich zu bedienen, noch vor vier Tagen der höchste Grad von Müdigkeit mich nicht vermocht hätte; jetzt sehnte ich mich, mein brennendes Haupt auf diese elenden Pfühle zu legen, und hoffte mit Zuversicht, es werde nur kurze Zeit darauf ruhen.

Endlich war ich allein. Ich empfand eine furchtbare Freude, jetzt alle Banden, die mich an die Menschen knüpften, abgelöst zu haben und sicher darauf rechnen zu können, dass dieses verlorne geschöpf, sobald es aus dem Winkel, in den es sich geflüchtet, auf den Kirchhof getragen wäre, in dem Andenken der Menschen schnell und gänzlich vergessen sein würde. Ein heftiges, mich völlig betäubendes Fieber überwältigte mich, ich rasete nicht, sondern lag in dumpfer Betäubung, welche die gutmeinende, aber rohe Sorgfalt meiner Wirtin und ihrer Tochter, eines kränklichen, missgestalteten, widrigen Geschöpfs, oft zu stören versuchte. Ich erwachte dann, wies ihren Trost, ihre dargebotnen Erquickungen und eben so die sich vor meine Erinnerung drängenden Bilder der Vergangenheit von mir und sank in neue Dumpfheit zurück. Meine körperlichen Empfindungen schmeichelten mir mit nahem tod; die Glut, die mich verzehrte, lähmte meine Kräfte bis zur äussersten Hülflosigkeit, der bewusstlose Dumpfsinn, in dem es mir gelang, mich zu erhalten, schien mir Vorbote ewigen Schlafs.

Konnte ich denn aber wirklich in dieser Verhärtung des Herzens, dieser Gedankenlosigkeit über das Diesseits und Jenseits aus der Welt gehen wollen? fiel denn kein Strahl der himmlischen Liebe in meine Seele? – Nein! Die, welche schmeckten, wie gütig der Herr ist, wenden sich im Unglück mit doppeltem Eifer zu seiner Güte; ich hatte ihn aber in meinen guten Tagen nie gesucht, darum konnte ich jetzt den Weg zu ihm nicht finden. So lange mir noch Kräfte blieben, schien mir das los, das mich getroffen, ein grausames Unrecht, denn ich hatte nie die Forderung an mich gemacht, besser zu sein, wie ich war, hatte also keinen Begriff davon, weniger Glück zu verdienen, wie bisher das Leben mir geboten. Seit aber die Krankheit meine Kräfte gebrochen hatte, war dieser Trotz dahindoch die Ruhe, die ihm folgte, glich der lebenverderbenden Erstarrung des toten Meers. Tage und Nächte gingen darüber hin, deren Wechsel mir beim unwillkürlichen Erwachen aus meiner Dumpfheit nur durch das tiefere