werden, wollte ich ihr gar nicht glauben, bis ihr betrübtes Gesicht mich aufmerksam machte, worauf ich ihrer Obhut entsprang und ungestüm zu dem Zimmer meiner Mutter entfloh.
Ihre Tür, die sonst bei meinem ersten Zuruf aufsprang, blieb verschlossen, allein der Schlüssel stack im Schloss, und auf meinen Versuch liess sie sich öffnen. Alles hatte sich hier seit meiner letzten Anwesenheit sonderbar verändert: still, leer, aufgeräumt, unheimlich kam es mir vor. Ihre Bettvorhänge waren zurückgebunden, ihr Lager sorgfältig geordnet, und doch schien sie unter dem leichten Tuche zu ruhen. Ich zog es hastig hinweg, ihr blasses Antlitz bot sich mir dar. – Mutter, Mutter, wach auf! rief ich, erschrocken, dass ihr Lächeln mich nicht empfing; ich legte meine Hand an das liebe Gesicht, das ihrem Schmeicheln noch nie widerstanden, – es war kalt, wie Marmor; aber noch immer den Tod nicht erkennend stieg ich auf das Bett und schloss das fühllose Todtenbild in meine arme. – Da scheuchte ein Schreckensgeschrei mich empor – es war meine Wärterin, die mir nachgefolgt war, und der Abscheu, mit dem sie mich am starren Busen der Mutter erblickte, belehrte mich endlich von meinem Unglück. Mein Schmerz kannte keine Grenzen; der Eigensinn, der mich auf jedem meiner Einfälle beharren machte, wies auch jetzt jeden Versuch ab, mich von der toten zu entfernen. Mein Geschrei versammelte die ganze Familie, es zog zuletzt auch meinen Vater herbei, der mich mit Gewalt in mein Zimmer zu tragen gebot.
Die natur forderte endlich Erholung von einem so ausgelassenen Schmerz, und ein tiefer Schlaf gewährte sie ihr bald. Am nächsten Morgen erregte zwar die erwachende Erinnerung aufs neue mein Klaggeschrei, allein es ward schwächer und schwächer. Der Anblick der Trauerkleidung zerstreute mich auch, und bald kehrte meine Traurigkeit nur anfallsweise zurück. Die Stellen, wo ich sonst meine gute Mutter zu sehen gewohnt war, konnten wohl noch oft schmerzvoll ihr Andenken erneuern; nur mit Widerwillen liess ich mich in das Gesellschaftszimmer führen, wo nun Niemand mehr für meinen Zeitvertreib sorgte; und zog meine ungefällige Laune mir Vorwürfe zu, so lehnte ich mein Gesicht mit lauten Klagen auf das Polster, wo sie ehemals ihren Sitz hatte. Mein Vater fand diese Schmerzausbrüche bei der Erholungszeit, die er sich der tiefen Trauer wegen Anstands halber im Ostindischen haus auf vierzehn Tage verschafft hatte, sehr störend. Da mit meiner guten Mutter Tod der einzige Einfluss, der meine Halsstarrigkeit zu beugen vermogte, dahin war, ward er täglich mit Klagen über meinen Uebermut belästigt. Anfangs versuchte er sein Ansehn bei mir geltend zu machen, allein da ihm dieses gänzlich misslang, beschloss er mich in eine der vornehmsten Erziehungsanstalten zu tun. Da er gar nicht darauf Anspruch machte, in das geheimnis der feinsten Erziehung eingeweiht zu sein, überliess er diesen Gegenstand unumschränkt dem Walten der Madame Dupré, der Directorin des Instituts; seine einzige Erinnerung war nur die, keine Kosten dabei zu sparen. – Und diese hat man redlich beobachtet. Ich verliess das jetzt mir so traurige Vaterhaus ohne grosse Betrübniss; die Aussicht, fortan mit Gespielinnen meines Alters zu leben, überwog die ängstliche Erwartung, in Zukunft unter fremder Aufsicht zu stehen.
Mein Empfang in dem Institute war schmeichelhaft; kaum den Aufseherinnen vorgestellt, hörte ich die eine derselben zu der andern sagen: welche reizende Gespielin sie für Lady Marie du Bourgh sein wird! – Gewiss! antwortete die andre, ein paar liebenswürdige Kinder! – Die erste sah mich prüfend an und erwiderte Etwas, wovon ich nur die Worte: "nicht zu vergleichen" verstand. Das Gespräch ward fortgesetzt, ich hörte aber nur die, welche ich schon für meine Widersacherin hielt, emphatisch die Ausdrücke sagen: "ein vornehmes Ansehen – Zarteit – adeliches Wesen"; und das währte so fort, bis nach kurzer Zeit Lady Marie ins Zimmer trat. Ich konnte über die Zusammenstellung, die man von uns beiden gemacht hatte, nur geschmeichelt sein, denn sie war das liebreizendste Kind, das ich jemals gesehen. Die Damen riefen sie herbei, uns mit einander bekannt zu machen – sie verweigerte anfangs, unter dem Vorwand, sich von dem Schneider einen Ueberrock anpassen zu lassen, zu gehorchen, nur nach einem strengen Befehl von meiner Verteidigerin trat sie mit schmollendem mund herzu. Die Aufseherin schien absichtlich ihre Ungeduld auf's äusserste zu steigern, indem sie es ihr lange unmöglich machte, das Zimmer zu verlassen. Wir mussten gegenseitig unser Alter aufsagen. – Lady Marie war zwei Jahre älter, wie ich; wir mussten uns gegeneinander messen – ich war etwas grösser, wie sie. – Mit Groll verliess sie endlich das Zimmer. Ich sah sie erst in der Schule wieder, wo wir in derselben klasse dieselben Aufgaben hatten. – Mein Bestreben über sie zu siegen war aufgeregt, die üble Laune zerstreute sie, so ward am Ende der Lehrstunden meine Arbeit gelobt, die ihre getadelt; und was als edler Wettstreit zu unsrer Bildung hätte benutzt werden sollen, streute in unsere Herzen den Samen unwürdiger Empfindungen aus.
Nachdem die Lehrstunden geschlossen waren, überliess man uns einiger Erholung, wo ich dann aus Stolz und Schüchternheit ganz vereinzelt von meinem Sitz aus die sich willkürlich bildenden fröhlichen Haufen meiner Gespielinnen betrachtete. Lady Marie flüsterte eine Zeit lang mit ein paar ihrer Vertrautern, dann ging sie, wie von ungefähr, nahe an mir vorbei und fragte hochmütig: Ich bitte, Miss Percy, gehören Sie