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, nie zu irgend einem Umgang, auch nicht dem mit ihres Bruders Familie, gezwungen zu sein. Kaum hatte ich das Billet abgeschickt, so sehnte ich mich ängstlich nach einer Antwort. Der Bediente kam mit dem. Bescheide zurück: Miss Arnold sei nicht zu haus. Bisher das verzogne Schooskind des Glücks, war Warten, Aufopfern, Entsagen mir fremd, und diese erste kleine Fehlschlagung fühlte ich als ein Unrecht, einen Mangel an Wärme der Freundin, von der ich nicht vermutet hatte, dass sie in diesem Augenblick nicht zu haus sei. Wohin mochte sie gehen, indess ich dem Elend, der Verzweiflung zum Raube ward? Was konnte sie anziehen, wenn ich sie bedurfte? Würde ich je sie verlassen haben, wenn ungleich geringere Uebel ihr meine Gegenwart wünschenswert gemacht hätten? –

Mit solchen und viel traurigern Betrachtungen brachte ich die Zeit hin; bei jedem Geräusch hoffte ich eine Botschaft von ihr, nach jeder Viertelstunde hielt ich es für unmöglicher, dass sie die nächste noch ausbleiben könnte. – Aber die nächste ging hin und wieder die nächste und der ganze Abend, ohne dass eine Botschaft kam, und die tiefe Nacht, welche meine Hoffnung abschnitt, vermehrte nur meinen Gram und ward nur durch kurzen ängstlichen Schlummer verkürzt. Der Tag brach an, ich stand früh auf, um bei Juliens Ankunft gleich bereit zu sein, ihr zu folgen. Aber sie kam noch immer nicht; einsam genoss ich mein Frühstück, ich horchte mit verhülltem Gesicht auf die Ankunft ihres Wagens. – Wohin sollte ich blicken, wo nicht Geister verlornen Glücks mir begegneten? Dort der Platz, wo Maitland zum letzten Male stand, hier das Fenster, aus dem ich, um Miss Mortimers Abschiedsgruss zu entgehen, halsstarrig blickte, und neben mir der Platz, wo stets mein Vater gesessen! – Jetzt hörte ich einen Wagen vor das Haus fahren, ich eilte ihm entgegen, zu sehen. – Es war der Leichenwagen, der meines Vaters Sarg zu grab fahren sollte. –

Nachdem der Anfall wilden Schmerzes, den dieser Anblick in mir erregt hatte, vorüber war, kehrte die Erwartung von Miss Arnolds Antwort mit peinigender Ungeduld zurück. Endlich blieb mir nur die Vermutung, dass der Zettel ihr nicht übergeben worden sei, und ich bereitete mich, einen zweiten zu schreiben, als anstatt ihrer selbst eine schriftliche Antwort anlangte. Betroffen über die notwendigkeit, ohne ihren freundlichen Beistand das Haus zu verlassen, gebot ich mir, auch dazu Mut zu behalten, und eilte die Gründe ihres Verfahrens zu lesen. – Sie schrieb sehr wortreich und nicht ohne einigen Ausdruck von Liebe: "wie es ihr sehr weh täte, mir sagen zu müssen, dass ihr Bruder sich einem nahen verhältnis zwischen ihr und mir widersetze. Freilich müsse sie ihm recht geben, dass ein Mädchen, dessen einziges Gut, so wie bei ihr der Fall sei, in einem unbescholtnen Ruf bestehe, ihre Freundinnen behutsam wählen solle; leider sei aber meine Entführung bekannt wordenund so müsse sie um ihres Bruders willen meiner Gesellschaft entsagen. Wenn sie nun gleich für die Zukunft alle äussere Beweise von anhänglichkeit sich verbitten müsste, würde sie nicht weniger meine dankbar ergebne Dienerin bleiben."

Starr, wie ein Todter, blieb ich, nachdem ich diesen Zettel gelesen, bewegungslos sitzen. – Der Schlag hatte meine Seele gelähmt, er hatte mein Bewusstsein vertilgt. Ich weiss nicht, was den allmäligen Uebergang dieses Zustandes in grenzenlose Verzweiflung in mir bewirktevielleicht nur die Rückkehr physischen Lebensund Leben musste bei solchen Umständen Verzweiflung sein. Ich warf mich an den Boden, forderte mit wildem Geschrei den Tod heraus, mich vor einer Welt zu retten, wo Verrat, fühllose Härte und Eigennutz mich jeder Möglichkeit zu leben beraubt hatte. Wohl erinnerte ich mich, wie ich dies allgemeine Verdammungsurteil über die Menschen aussprach, dass noch ein geschöpf in meiner Nähe lebe, welches mir einst sagte: "Wenn ich je Freundestrost brauche ..." – Aber meine Seele war erbittert, ich hasste die Menschheit und die Tugendhaften mit ihr und warf der von aller Welt abgeschiednen, durch Krankheit an ihre wohnung gefesselten Miss Mortimer vor, mich noch nicht in den Tagen des Jammers aufgesucht zu haben, da ich sie doch in den Tagen des Glanzes harterzig zurückstiess.

Noch lag ich also in tiefem Schmerz auf den Boden hingestreckt, als derselbe Mann, der gestern meine Schränke versiegelte, abermals eintrat. Ich raffte mich auf; die Stellung, in der er mich fand, der blick, mit dem ich ihn empfing, mussten ihm Mitleid einflössen, denn er brachte sein Gesuch mit dem Ton schonender Teilnahme, achtungsvoller Behutsamkeit vor. Die Gläubiger meines Vaters wollten zur Aufzeichnung seiner Verlassenschaft schreiten, das Haus sammt allem Gerät und aller Habseligkeit sollte verkauft werden, und man liess mich bitten, einen andern Aufentalt zu wählen. – Also ausgetrieben aus dem haus, wo meine Mutter gelebt, wo meine Kindheit gepflegt, wo ich meinen Vater als Herrn herrschen gesehen, wo er mir der beste, gütigste Vater gewesen warausgetrieben, ohne eine Zuflucht auf Erden! und um die Zuflucht jenseits zu suchen, hatte ich ein verhärtetes Herz. Ich stiess einige bittere Worte gegen die Menschen aus, die meinen Vater ins Unglück gerissen, die nun wie Räuber in sein Eigentum zu teilen sich beeilten. Der Fremde wies mich sanft zurecht, er bat mich, nicht der Feindseligkeit zuzuschreiben, was einfacher Gesetzesgang sei, und legte einige Banknoten