einige Erfrischungen und befahl, ihre Pferde zum Einspannen zu bereiten. über diesen Anstalten ging abermals gegen eine Stunde dahin; ich erklärte nun, wenn Mylady nicht sogleich abführe, so würde ich Post nehmen und unverzüglich allein zurückkehren. Dieses bewog sie, anspannen zu lassen, aber ehe es geschehen war, sprengte ein Reiter vor das Haus, ich hörte ihn nach Lady St. Edmond fragen, und bevor diese die Tür des Zimmers erreicht hatte, trat ein Reitknecht Lord Friedrichs herein, gab ihr einen Brief und begab sich schweigend hinweg. "Endlich werden wir erfahren!" rief Mylady, indem sie den Brief erbrach. – Doch bei den ersten Worten fuhr sie betroffen zusammen, und wie ich mit erzwungner Gleichgültigkeit und kalter Verachtung fragte, was die Ursache von meines Liebhabers Abtrünnigkeit sei, stammelte sie unzusammenhängende Entschuldigungen über das unangenehme Geschäft, ein Unglücksbote sein zu müssen. – Dieses auf Lord Friedrichs Untreue deutend, bat ich sie mit bitterm Gelächter, sich darüber zu trösten, indem diese wohl das geringste Unglück meines Lebens sein würde ... Nein, Miss Percy, nicht diese, nahm sie etwas beleidigt das Wort, aber Ihr Vater hat ... fassen Sie sich! es ist Ihrem Vater ... Mehr erlaubte ihr meine Bestürzung und Ungeduld nicht zu sagen. Mit dem Ausruf: "was hat mein Vater?" zog ich ihr hastig den Brief aus der Hand und las Folgendes von seinem Inhalt – denn diesen Brief hat der Zufall, gleichsam wie ein Denkmal vom Wendepunct meines Schicksals, mich aufbewahren lassen:
"Teure St. Edmond! Mit dem Percy hat der Teufel sein Spiel gehabt. Er speculirte wie ein Narr und verlor nah an eine Million. Durch den glücklichsten Zufall von der Welt erfuhr ich es in dem Augenblick, wo ich nach Barnet abfahren wollte; ich musste der Sache erst gewiss sein, ehe ich Sie benachrichtigte, und so wurde der Bote verspätet. Ich gehe nun unverzüglich darauf aus, die Darnel zu beschwatzen. Das ist ein verdammter Tausch, denn die Percy ist das hübscheste Mädchen in London; aber wie's nun steht, hätte ich mir das Gehirn eingeschossen, wäre ich mit ihr bis Schottland gelangt. Suchen Sie das Mädchen zu beruhigen, wie es gehen will! Gut ist sie mir doch, und wenn ich das hässliche Shäpchen heirate, habe ich auf Trost zu denken. Ich muss eilen mir die Darnel zu sichern, und sobald das in Richtigkeit ist, soll es Ihnen an den fünftausend Pfunden nicht fehlen."
Das Erstaunen, mit dem ich diesen Brief las, ward von der Furcht über meines Vaters Unfall zurückgedrängt. Ich hatte nie einen Gedanken an die Möglichkeit des Verlustes unsers Wohlstandes gehegt; bei der Sicherheit, mit der ich meinen Vater seine Geschäfte behandeln sah, schien mir eine unglückliche Speculation ganz unmöglich; seine erst vorgestern geäusserte Zuversicht, sein Vermögen in kurzem verdoppelt zu sehen, galt mir für eine untrügliche Zusage – ich hoffte, dass irgend ein falsches Gerücht Lord Friedrichs Habsucht irre geführt habe. Doch der weitere Inhalt dieses Schreibens empörte mein Innerstes; wohl war das ein glücklicher Zufall, der mich vor dem Elende, einem solchen Verworfnen zu gehören, befreit hat! rief ich laut und verweigerte Lady St. Edmond das Blatt, nach welchem sie ihre Hand ausstreckte. "Nein, dieses Blatt bewahre ich auf als zeugnis der niedrigsten Verführung, deren sich je ein Mann zum Verderben eines törichten Mädchens bediente. Jetzt, Mylady, werden Sie doch durch nichts mehr zur Stadt zurückzukehren verhindert?" – Lady St. Edmond schien sehr herabgestimmt, ohne Einwurf folgte sie mir an den Wagen, und stumm traten wir unsern Rückweg an. Der Inhalt des briefes ward mir immer klarer, ich verstand nun, welchen schändlichen Anteil meine Begleiterin an dem ganzen Vorgang genommen, ich überhäufte sie mit Vorwürfen, ich fühlte tief den Schmerz verratner Freundschaft, missbrauchten Vertrauens. Nach und nach wendete sich aber meine Aufmerksamkeit auf meines Vaters Lage; ich erinnerte mich jetzt des briefes, welchen er, wie ich ihn das letzte Mal sah, mit so offenbarer Bestürzung gelesen, andre Umstände stellten sich mir gleichfalls in einem bedeutenden Lichte dar und vermehrten meine Angst. Sie nahm mit jedem Augenblick zu, der Anblick der Strasse, wo sein Haus lag, benahm mir den Atem, und wie der Wagen hielt, vernahm ich kaum Lady St. Edmonds Entschuldigung, mich nicht hinein zu begleiten. Kaum vermochte ich aus dem Wagen zu steigen, und mit zitternden Knieen trat ich in die langsam auf mein klopfen sich öffnende Tür. "Hat mein Vater nach mir gefragt?" rief ich dem Diener entgegen. – "Nein, Ihre Gnaden." – "Ist er zu haus?" – "Er ist – er ist zu haus, aber ..." Der Mensch schwieg, furchtbares Entsetzen in seinem Gesicht. – Eine ungeheure, gestaltlose Furcht ergriff mich, meine Seele erstarrte vor ihr, mein Verstand vermochte nicht ihr eine Form zu geben, einen Gedanken mit ihr zu verbinden – ich sank besinnungslos zu Boden.
O soll ich denn diese Bilder des Schreckens vor meinem Gedächtniss wieder aufrufen? soll ich die Wunden wieder öffnen, die keine Zeit je geheilt? Muss ich den furchtbaren Weg Schritt vor Schritt verfolgen, der mich endlich bis zur Grenze des Wahnsinns geführt?. – Ich muss; denn mein Schicksal soll Andere vor dergleichen Schicksal behüten. – Zwar wird Wenigen ein so