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Raum in meinen Betrachtungen, ja ich musste das Andenken an alle meine Bemühungen, diesen Sieg zu erreichen, zurückrufen, um den Entschluss, mich nie vor einem stolzen Liebhaber zu demütigen, zu erneuern. "Mag er seine Fesseln brechen, wenn er kann", rief ich endlich mit neu erwachtem Uebermutdenn noch war mein Leichtsinn nicht fähig, den Verlust Herrn Maitlands als Freund zu ermessen, er hatte ihn nur als Sklav zu sehen gestrebt.

Herr Maitland liess sich am folgenden Morgen nicht erwarten, aber seine Fassung war von der des vorigen Abends gänzlich verschieden. Sie drückte Ruhe, Selbsterrschaft, Würde aus. Er begann ohne Verlegenheit, sich für schuldig zu erkennen, indem er sich ein paar Mal von seinem Gefühl hätte hinreissen lassen, und glaubte mir Erklärung darüber geben zu müssen. Gekränkt durch seine Selbstbeherrschung, gab ich ihm einige leichtsinnige Antworten und nahm dann, wie er auf seinem Ernst beharrte, mit nachlässigem Wesen meine Näharbeit in die Hand, als suche ich durch sie das mangelnde Interesse seiner Unterhaltung zu ersetzen. "Flösst es Ihnen gar keine Neugier ein, Ellen", nahm Herr Maitland das Wort, "zu erfahren, wie Sie ein Herz, das Sie mit treuer Neigung zu umfassen wohl geschickt gewesen wäre, gewonnen, und wie Sie es verloren haben? Ist es auch nicht um meinetwillen, so könnte es Ihnen doch vielleicht einst nützen, wenn von einem Mann, für den auch Sie empfinden, die Rede ist." – "Ich hoffe, so schlimm wird mir es ja nicht gehen, die Liebeslaune irgend eines Mannes je zu beklagen." – "Hier war von keiner Liebeslaune die Rede", nahm Herr Maitland von neuem mit Ernst das Wort. "Sie waren meine erste Liebe, und Ihre Wohlfahrt wird mir zärtlichen, innigen Anteil einflössen, noch lange nachdem meine gegenwärtigen schmerzlichen Empfindungen erloschen sind. Allein ich muss fliehen, ehe ich die Kraft verliere, dem zu entsagen, dessen Besitz mich unendlich elend gemacht hätte." – "Sicher, mein Herr, dieses Elend würde ich Ihnen ersparen", sagte ich mit schwellendem Stolz, denn auf diese Sprache hatte ich von Seiten eines Liebhabers nicht gerechnet. – "Ellen, das ist kindisch. Zürnen Sie, weil ich Ihnen die Langeweile vergeblicher Bewerbung erspare? Wenn ich Sie mit Schmerz verlassen sollte, müssten Sie die Vorzüge wieder besitzen, die mich zuerst an Ihnen bezauberten; denn nicht Ihre Schönheit gewann Ihnen mein Herz. Ich hatte Sie oft gesehen und war kalt geblieben. Es war Ihre kindliche Einfalt, Ihre gänzliche Absichtslosigkeit, Ihr völlig durchsichtiges Gemüt, wie ich es nennen muss, um die Leichtigkeit auszudrücken, mit der ich Ihre Empfindungen erriet, die mich gewannen. Wenn ich ermattet von Arbeit war, krank von der Herzlosigkeit der Menschen, so kam ich zu Ihnen und dachte ... Nun ist es ja Eins, was." – Herr Maitland hielt inne; mein bessres Gefühl siegte, ich begriff, dass ich seine achtung verloren hatte, und Tränen füllten mein Auge. Allein die Furcht, er möchte meinen, dass ich den Verlust seiner stoischen Liebe bedaure, zwangen sie in mein stolzes Herz zurück. Er fuhr fort: "Ich nahm aber bald wahr, dass unsre Wünsche, unsre Bestrebungen nicht übereinstimmten, dass sie das häusliche Glück stören müssten. Nach dem dreissigsten Jahr sieht ein Mann wohl ein, dass nach dem Entzücken des Liebhabers der Gatte eine lange Reihe von Jahren vor sich hat, wo er entweder seine Sorgen und Freuden mit seinem weib teilen, oder die Unterwerfung der Abhängigkeit von ihr fordern muss. Das Letztere könnte ich nie. – Ihre Wünsche hätten mich jeden Augenblick verletzt, undseine Stimmung ward immer feierlicherwie könnte der, welcher einen Freund sucht, den erwählen, der seine Beschäftigung für lästig hält, seine Freuden für Hirngespinnste, seine Hoffnungen für einen Traum? – Nein, Ellen, die Gattin eines Christen muss mehr sein, als das Spielwerk seiner müssigen Stunden, sie muss sein Mitgenoss sein bei der Arbeit, beim Gebet." – Mein Stolz empörte sich immer mehr. "Genug, mein Herr", sagte ich, "ich bin hinlänglich von meiner Unfähigkeit, eine Würde, nach der ich nie Verlangen trug, zu bekleiden, überzeugt." – "Das glaube ich Ihnen, Miss Percy, und das söhnt mich mit meinem Opfer aus. Vermindern Sie es also nicht durch diese Verachtung! Es bedarf ihrer nicht, um mich zu überzeugen, dass Sie nicht ohne eifrige Bewerbung gewonnen werden könnenich versuchte diese, versuchte sie, bis mich meine Schwäche überraschteund nun ist es gerade noch Zeit, zu entfliehen; deshalb reise ich in vierzehn Tagen nach Westindien ab." –

Mir war es, als versänke die Erde unter meinen Füssen. – Dass Herr Maitland unsern Familienkreis meiden würde, darauf war ich gefasst; aber Westindien! – "Nach Westindien?" wiederholte ich kaum hörbar. – "Ja. Ich habe dort Geschäfte. Doch schon zu lange sprach ich von mir selbst. Da der Fall eintritt, wo es recht ist, dass die rechte Hand die linke abhaue, so ist es besser, der Streich sei geschehen. Nur, noch eine Bitte liegt mir am Herzen ..." Er zögerte; ich hatte nicht die Kraft, zu fragen, was ich zu vernehmen so begierig war. Maitland fasste meine Hand