1822_Huber_043_3.txt

ausgerichtet, und das bestimmteste Verlangen ins Schauspiel zu gehen war die Folge. Meine Mutter wendete vernünftige Vorstellungen an, ich beantwortete sie mit ungestümen Bitten, sie wies sie mit entschädigenden Versprechen ab, ich setzte ihnen lautes Weinen entgegen. – sorge um meine Gesundheit gab diesesmal meiner Mutter Mut zu beharren, sie befahl meiner Wärterin, mich zu entfernen. – Nun brach meine Unbändigkeit los; ich wehrte mich und erhitzte mich bis zur convulsivischen Heftigkeit, als mein Vater, der dazu kam, die Geduld verlor und zu meiner Mutter sagte: "Das Schreien kann ihrem Hals gefährlicher werden, wie funfzig Schauspiele." – So wütend ich war, bemerkte ich doch, dass meiner Mutter diese Aeusserung missfiel. Mein Vater, der sein Unrecht fühlen mogte, half sich damit, sie anzuklagen, dass ihre Behandlung an meiner Unart schuld sei; sie erwiderte seufzend, dass ich zu meinem eignen Wohl gebändigt werden müsste, worauf er nachlässig sagte: "Pah! bei einem weib ist ein Bischen Widerspruchsgeist recht nützlich", ein Spruch, durch den mancher rohe Ehemann die milde Güte seiner Gattin belohnt. – Dieses Gespräch war für mich nicht verloren; ich schrie noch ausgelassener, wie vorher, bis mein Vater, aus aller Fassung gebracht, mir zurief: "Nun du unbändiges, ausgelassen unartiges Ding, so tu, was du willst, und hör auf zu lärmen." – Jetzt hatte ich, was ich wollte, liess mich schnell anziehen und ging ins Teater.

Doch die Folgen waren schrecklich. Kaum war ich wieder nach Haus gekommen, so verfiel ich in ein heftiges Fieber; lange bedrohte mich der Tod. Meine Mutter, meine geliebte, engelgute Mutter, die allein die Empfindung der Liebe in mir erweckte, deren Milde bei aller meiner Unbändigkeit den Begriff von Tugend in mir wach erhielt, deren unaussprechliche Güte doch eine Ahnung von Gewissen in mir begründete, wich nicht von meinem Lager. Sie opferte ihre Gesundheit auf, um mein Leben zu erhalten. Ich genass; aber nach einigen Monaten war die Abnahme ihrer Kräfte unverkennbar, nur ich allein verstand deren drohende Bedeutung nicht; und dochwenn ich sie von meinem endlosen Geschwätz, meinen lärmenden Spielen gänzlich erschöpft sah, konnte mich der Anblick so ergreifen, dass ich unbewusst meine jauchzende stimme zu sanften Tönen herabstimmte und auf den Zehen um ihren Sopha einherschlich. Auch das längste Menschenleben kann nicht das Andenken der himmlischen Freundlichkeit schwächen, mit der sie diese kleinen Beweise meiner Achtsamkeit aufnahm. Bald wurde mein beständiger Aufentalt in ihrem Zimmer täglich auf wenige Stunden eingeschränkt, dann brachte man mich nur noch früh zu ihr, wo ihre Kräfte in einiger Spannung waren, und Abends, um ihren Segen zu empfangen, und endlichverflossen drei Tage, in denen mir ihr Anblick gänzlich entzogen blieb. Ungeduldig hatte ich sie zu sehen begehrt, leichtsinnig hatte ich mich durch nichtige Kurzweil davon abwenden lassen, als mir der Befehl gemeldet ward, zu ihr zu kommen. Mit kindischer Fröhlichkeit sprang ich in ihr Zimmer. Doch wie schnell verstummte meine Freude, da mich meine Mutter mit laut ausbrechendem Weinen in ihre schwachen arme schloss, mehrmals versuchte sie zu sprechen, aber ihre Wehmut verhinderte sie. Da trat ein fremder, ernstafter Mann, der aufmerksam auf sie blickend am Bette stand, herzu und wollte mich, mit der Bemerkung: "die Kranke schade sich" von ihr wegnehmen. Die Furcht, mich fortführen zu sehen, belebte meiner Mutter schwindende Kräfte, sie sagte mit gebrochner, schwacher stimme: "Komm, meine Ellen, komm, falte deine kleinen hände und bitte Gott, dass wir uns wiedersehen mögen!" Ich verstand den Sinn ihrer Worte nicht, aber wie ich sonst, wenn sie mich beten liess, zu tun gewohnt war, kniete ich nieder, legte meine gefalteten hände auf ihre Knie und betete: Guter Gott, lass mich meine Mutter wiedersehen! Zweimal liess sie mich diese Worte wiederholen, legte dann ihre gefalteten hände auf mein Haupt und gab mir mit innigen, heissen Gebeten, in leisem Geflüster ihren letzten Segen. Nur eine der Bitten, die sie in diesem Augenblick zu Gott sprach, ist in meinem Gedächtniss geblieben; anfangs aus Verwundrung, weil ihr Sinn mir unbegreiflich war, späterhin ward sie durch die Umstände mit unwiderstehlichem Nachdruck in mir aufgefrischt: "Sei, o mein Gott! betete sie, gütiger, wie ihre irdischen Verwandten, sei ihr ein Vater, wenn du gleich durch Züchtigung dich also erweisest!" – Noch Manches sagte sie, das mein Leichtsinn bald vergass, bis ihr erneutes Schluchzen den fremden Mann wieder herbeizog, um mich zu entfernen, welches ich mir denn auch, von der Traurigkeit des Auftritts ermüdet, ziemlich gern gefallen liess. Noch einmal drückte sie mich an ihr Herz; wie die tür hinter mir sich zuschloss, hörte ich noch einmal den leisen Schrei ihres Schmerzens, und auf ewig war für mich ihre stimme verhallt.

Den folgenden Tag bat ich umsonst, meine Mutter zu sehen. Noch einen, und die Leute eilten traurig und geschäftig um mich her, die Dienstboten sahen mich verstört und mitleidig an, ein und der andre weilte mit einem Ausruf des Bedauerns bei meinen kindischen Spielen. Ein Augenblick von langer Weile brachte mich darauf, meinen Willen, zu meiner Mutter gebracht zu werden, bestimmt durchzusetzen. Meine Wärterin suchte mich abzuweisen, mit Zögern entdeckte sie mir die traurige Wahrheit; allein gewohnt, durch Täuschung jeder Art beschwichtigt zu