meine Hoffnungen auf, und um den inneren Schmerz dabei zu betäuben, machte ich mir selbst weiss, und Miss Arnold bemühte sich mich darin zu bestärken, dass ein gefühlloser Mensch wie Herr Maitland meiner Bemühung nicht wert sei.
Seit ich Miss Mortimers Brief las, hatte ich oftmals den Vorsatz gefasst, sie in ihrer Einsamkeit zu besuchen. Jeden Tag wurde ich durch eine längst verabredete, oder nicht abzulehnende Einladung daran verhindert. Jetzt fühlte ich eine Leere in meinem Herzen, die mir sogar Trauer und Schmerz wünschenswert machte. Der nächste Tag nach dem, an welchem ich meines Vaters zeugnis über Herrn Maitlands scharfen blick in mein Herz erhalten hatte, war ein Sonntag, und ich beschloss ihn, dem strengsten gesetz gemäss, zu einem guten Werke – einem Besuch bei Miss Mortimer zu verwenden.
Es war ein schöner sonnenheller Morgen, an dem ich mich auf den Weg machte. Die natur hatte den ganzen Reichtum des Sommers entüllt und besass nur noch die Frische des Frühlings. Der Schatten der Bäume malte sich dunkel auf dem üppigen Rasen, die Fluten der Temse trugen zahllose Fahrzeuge, die zum teil vor Anker liegend, sich in ihrem elastischen Elemente wiegten, zum teil vom sanften Luftauch getrieben, ihre schneeweissen Segel, von dem blendenden Licht bestrahlt, majestätisch dahinglitten. Miss Mortimers wohnung lag nur eine kleine Stunde von der Stadt entfernt; in meiner Kindheit hatte ich sie oft mit meiner Mutter besucht, und noch bestand der Eindruck, der durch die pünctliche Ordnung in ihrem Garten, den Ueberfluss der schönsten Blumen, die sorgfältig gepflegten Geländer an ihren Fenstern sich mir damals einprägte. Die Veränderung in den Umgebungen ihres kleinen Häuschens fiel mir jetzt auf. Die Blumenbeete waren verwildert, der ehedem so sorgfältig gereinigte Weg von dem Hag zur Haustür, bis auf einen schmalen Pfad mit Gras überwachsen, und die Rankengewächse, welche sich ehedem wohlgeordnet über der Pforte und den Fenstern gewölbt, hingen verworren herab, wie Tränenweiden von einem Grabmal. Eine ehrbare person in reinlicher ländlicher Kleidung öffnete mir die Tür, geleitete mich die Treppe hinauf und trat, mich anzumelden, vor mir in das Zimmer.
O willkommen, tausendmal willkommen! hörte ich Miss Mortimer rufen, und ich eilte dem Dienstmädchen nach. – Ach, ich rechnete wohl, sie verändert zu sehen, aber so, wie ich sie fand, hatte ich mir sie nicht gedacht. – Eine schwache Röte flog über ihr Gesicht, um dem Ansehen einer verklärten Unkörperlichkeit Platz zu machen. – Ihr Auge, das sonst so mild schimmerte, strahlte in krankem Feuer, ihre Hand, die sie nach der meinigen ausstreckte, glühte und war so weiss und so abgezehrt, dass das Licht wie durch Alabaster sie zu durchströmen schien, indess jede kleine Ader sich in mattem Blau auf ihr hinschlängelte. Und dennoch drückten diese verstörten Züge nur Heiterkeit und Güte aus, dennoch tönte in dieser matten stimme der Wohlklang der Liebe. Auf meine Frage nach ihrer Gesundheit sagte sie mit wehmütigem Lächeln: "Ich glaube, ich werde noch eine Weile der Erde zur Last sein müssen. Die ärzte sagen, die augenblickliche Gefahr sei vorüber", und wie ich dafür innig Gott dankte, setzte sie hinzu: "Gottes Wille geschehe! Ich hoffte eine Zeitlang dem Himmel so nahe zu sein, vermeinte nicht auf das stürmische Meer zurück geworfen zu werden. Doch wie es Gott gefällt." – Die Rinde der Eitelkeit und Selbstsucht meines Herzens war durch ihren Anblick, durch ihre Worte gesprengt, ich sprach von meiner Hoffnung, sie bald in meines Vaters Landgut zu Richmont ihre gänzliche Wiederherstellung abwarten zu sehen. Sie wies diese Aussicht nicht ab, sprach aber mit Entzücken von einer andern, einer überirdischen Genesung. Es ist gut, dachte ich, dass die, so keine Freude mehr in diesem Leben haben, sich an der Aussicht auf ein andres erfreuen. Damals dachte ich nicht, wie bald ich selbst erfahren sollte, dass sich uns diese Aussicht beim Verlust aller irdischen Freuden nicht so unfehlbar darbietet, dass unser blick im Genuss dieser Freuden schon auf sie gerichtet gewesen sein muss, um nach ihrer Flucht in ihr Ersatz zu finden. Ich hatte zwei Stunden mit meiner würdigen Freundin zugebracht, in denen sie sich zu zeiten einer liebenswürdigen Munterkeit überliess. In so einem Moment wagte ich es Herrn Maitland zu nennen; ich äusserte meine Verwunderung, dass er nach ihrem Austritt aus unserm haus dennoch fortführe, es fleissig zu besuchen. So wie mein durch Miss Mortimers Anblick aufgeregtes Gefühl sich beruhigte, nahm meine gewöhnliche Gedankenreihe ihren gang, und ich hoffte durch Miss Mortimer einige Aufklärung über Herrn Maitlands Gesinnungen zu erhalten. Ihr Lächeln bei meiner Frage schien von Bedeutung, aber Barbara verhinderte sie zu sprechen, indem sie sehr schöne Früchte und feinen Wein auftrug, mit dem, wie meine Freundin mir sagte, sie reichlich versehen würde von einer Hand, die sie wohl erraten könnte, die den Dank aber ablehne. Ein sanftes klopfen an der Haustür lenkte Miss Mortimer zu meinem grossen Verdruss abermals von der Beantwortung meiner Frage ab. Barbara kam ehrerbietig herein, Herrn Maitland zu melden, der schon zum dritten Mal eingesprochen hatte, ohne Zutritt zu erhalten. Ihre Gnaden sollten ihn doch nicht wieder abweisen, sagte die treue Dienerin, sich tief verneigend, der ehrenwerte Herr hat sein Pferd schon an den Zaun gebunden und hofft sicher, vorgelassen zu werden. "Gut, weil Sie bei mir sind, meinen guten Ruf zu verbürgen, mag es drum sein"