; aber ich behielt es gefaltet in der Hand und ging in mein Schlafzimmer.
Das war also das fest, von dem ich mir das höchste Vergnügen versprochen, dem ich einige der besten Gefühle meines Busens geopfert, für das ich Pflichten verletzt, und das mir, ohne die Dazwischenkunft meines Unbekannten vielleicht die Ruhe meines Lebens gekostet hätte! Tief betrübt hielt ich jenes Blatt in meiner Hand. Dass mich das Verlangen spornte, zu entdecken, wer sich meiner angenommen, war verzeihlich, aber dass dieses nach und nach in eine so leichtsinnige Neugier überging, die mich fähig machte, endlich dieses offenbar nicht mir bestimmte Billet zu lesen, bedeckt noch heute meine Wange mit Scham. – Es war mit Herrn Maitlands Namen unterschrieben und entielt in sehr einfachen Ausdrücken die Bitte an einen Freund, dem Maskenball der Lady St. Edmond beizuwohnen, und mich auf ihm nicht aus den Augen zu lassen, weil er Verdacht habe, dass meine Unerfahrenheit mich schlechten Menschen in die hände geben möchte. "Die wichtige Angelegenheit, schrieb er, die am morgenden Tage mich unter die Vertreter unsers Volkes ruft, erfordert diese Nacht mein Nachdenken und meinen Fleiss. Ich zeigte Ihnen Miss Percy in einer Gesellschaft; sollte die Larve sie Ihnen unkenntlich machen, so merken Sie nur auf Stellung und gang. Niemand hat sie so edel wie sie; oder geben Sie auf ihren Arm achtung, der mir noch vor wenigen Tagen, da sie ihn um ihres Vaters Schultern legte, von unvergleicher Schönheit schien. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass mich dieses junge Frauenzimmer um Miss Mortimers willen Teilnahme einflösst, doch in wie hohem Grade dieses der Fall ist, beweist der Freundschaftsdienst, den ich von Ihnen fordere."
Verschwunden war meine Demütigung, meine Zerknirschung; ich jauchzte innerlich für Freude, diesem kalten, stolzen, überweisen Mann Unruhe gemacht zu haben, ich glaubte mich für alle meine Fehlschlagungen entschädigt, da ich erfuhr, dass er meine Reize anzuerkennen gezwungen sei. Einen Gecken zu unterjochen, welch ein geringer Sieg! – Allein, den Mann, der bisher allein mir Scheu eingeflösst, in meinen Ketten zu sehen, erschien mir als ein unendlicher Triumph! – Ich wollte ihn verfolgen, ich wollte ihn mir sichern und mein töriges Herz schlug bei dem Gedanken, Herrn Maitland elend in seiner Knechtschaft zu erblicken.
Doch so widersprechende Empfindungen hatten meine Kräfte erschöpft. Die peinliche Mattigkeit, die mich befiel, führte weniger angenehme Bilder vor meine Fantasie zurück, und ich sehnte mich, diesen unwürdigen Tag mit dem gedankenlosen Zustand des Schlafes zu vertauschen.
Wie ich am folgenden Morgen in das Frühstückszimmer trat, war Miss Mortimer, in Reisekleidern, der erste Gegenstand, dem meine Blicke begegneten. Unerachtet unsers letzten so herzlichen Gesprächs, schien mir ihre Abreise in diesem Augenblick doch ein Vorwurf meines Betragens, der meine Eigenliebe beleidigte. Ich tat, als wenn ich diesen Umstand gar nicht bemerkte, und setzte mich in mürrischem Stillschweigen an den Teetisch. Keins sprach ein Wort, das Frühstück ward in der widrigsten Stimmung genossen. Ich suchte mich zu überreden, dass Miss Mortimers Empfindlichkeit sehr ungereimt sei; mein Vater zog seine Stirn in immer furchtbarere Falten, Miss Arnold rückte unruhig auf ihrem Sessel und Miss Mortimer beugte sich über ihre unberührte Chocolatentasse, verstohlen die Tränen abtrocknend, die ihren Augen entrollten. – "Es bleibt doch Unrecht, dass Sie darauf bestehen fortzugehen, ehe ich jemand anders für Ellen gefunden habe", sagte endlich mein Vater mit ausbrechendem Verdruss. Diese Worte, wohl noch mehr die Art, wie er sie vorbrachte, reizten Miss Mortimer zu einer ungewöhnlichen Bestimmteit in dem Ton ihrer Antwort: "So lange ich Miss Percy nützlich sein zu können hoffen durfte, zweifelte ich gern an der notwendigkeit sie zu verlassen, seit man aber Verheimlichung gegen mich braucht, ist diese Hoffnung dahin. Auch kenne ich nun den Zustand meiner Gesundheit. Ausserdem erklärt der Arzt, dass jeder Aufschub die Hoffnung der Heilung vermindert." – "Nun! ein jeder weiss am besten, was er tut! erwiderte mein Vater; allein um ihrer Gesundheit willen sollten Sie nicht nötig finden mein Haus zu verlassen. Mein Hauswundarzt würde Sie behandelt, die Cur Ihnen nichts gekostet haben, und Sie hätten doch bei mir mehr Bequemlichkeit als in Ihrer engen wohnung gefunden." – "Ich zweifle nicht an Ihrer Grossmut, sagte Miss Mortimer kopfschüttelnd, allein schon der Name: Heimat, wiegt manchen Mangel auf, besonders für den Kranken und Sterbenden." – Diese Worte und die Ankunft ihres Reisewagens trieb mich an ein Fenster, aus dem ich eifrig hinausschaute, als sei ich mir der Gegenstände vor meinen Augen bewusst. Nachdem Miss Mortimer von meinem Vater Abschied genommen, trat sie zu mir, ergriff meine Hand und sagte mit milder, herzlicher stimme: "Ellen, sollen wir nicht als Freunde scheiden?" – Ich hätte die Welt hingegeben, wäre es mir in diesem Augenblick möglich gewesen einen gleichgültigen Ton aus meiner Kehle zu bringen! es wollte nicht gelingen, Tränen erstickten mich, aber mein gottloser Stolz trieb mich an sie zu verbergen; ich lehnte mich, ohne zu antworten, aus dem Fenster. – "Vielleicht sehen wir uns noch wieder, Ellen, nahm Miss Mortimer nach einer Pause, noch immer meine Hand haltend, mit gebrochner stimme von neuem das Wort, jetzt, ich weiss es, nutzt es nichts, wenn ich Ihnen sage, dass Sie sich 'auf ein gebrochnes Rohr