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überwältigten mich, von meinem bösen Gewissen überrascht rief ich: Sie mir ähnlich! O ein Engel des Lichts könnte eben so gut einem schwarzen, brütenden ... hier fühlte ich, dass ich mich verriet, und hielt inne. Miss Mortimer blickte mich mit einem so sanften, zutrauenvollen Lächeln an, bei dessen Erinnerung ich jedesmal mich selbst verabscheue; "liebe Ellen, sagte sie dabei, wenn ich Ihr Beichtiger sein soll, so müssen Sie mir Ihre Sünden auch hübsch vertrauen, sonst besitze ich ja, wie Herr Maitland es nennt, eine Sinecure." – Ja wahrlich, das sollte ich! erwiderte ich ruhiger, sollte nie wieder etwas Unrechtes tun, ohne es Jemand anzuvertrauen. Aber die Leute haben keine gute Art, mir meine Fehler vorzuhalten, sie machen mich zornig. Miss Julie hält mir oft meine Fehler vor, aber sie macht mich nie bös. – "Nun, liebe Ellen, versuchen Sie es einmal mit mir, ich will Ihnen absichtlich gewiss nichts Verletzendes sagen. An Geschicklichkeit will ich mich zwar nicht rühmen mit Miss Arnold zu wetteifern, aber an herzlicher Zuneigung gewiss. Sie haben ein Recht zu meiner Nachsicht, das kein Irrtum von Ihrer Seite Ihnen raubt, um so mehr, da ich überzeugt bin, dass Sie sich nie zu Hinterlist und Schlechtigkeit herablassen werden." – Ein Herz, das sich von den Worten gemissbrauchten Vertrauens nicht getroffen fühlte, müsste gänzlich verhärtet sein. Ich flog zu Miss Arnold, um ihr meinen festen Entschluss anzukündigen, Miss Mortimer sogleich unser Maskeradengeheimniss mitzuteilen; allein der Schneider mit einer Menge Schachteln, Paketen und meinem Maskenanzug erwartete mich in meinem Zimmer, eine Stunde, die über dem Anpassen desselben hinging, kühlte meinen reuigen Eifer dergestalt ab, dass es Miss Julie leicht gelang, mir zu beweisen, wie es in jeder Rücksicht besser sei, bei unsrer ersten Abrede zu bleiben.

Wie oft, ja wie fast immerdar, sind meine schönsten Gefühle, ehe sie noch zu Handlungen wurden, dahin geschwunden! Gefühle müssen ja ihrer natur nach vergänglich sein! Nur lange Uebung gibt unsrer Vernunft die herrschaft, sie nicht als den Beweggrund unsrer Handlungen zuzulassen, sondern nur als den milden Vermittler zwischen der Strenge des allgemeinen Gesetzes und seiner Anwendung auf Andre.

Endlich kam der lang ersehnte fünfte Mai. Die Putzmacherin hatte mir mein Maskenkleid schon am frühen Morgen versprochen, doch sie hielt nicht Wort; meine Ungeduld ward den ganzen Vormittag auf die probe gestellt, und erst um zwei Uhr erhielt ich diesen Schatz. Voll Begierde, die wirkung meines Putzes auf meine Gestalt zu beobachten, eilte ich in mein Cabinet; vor Miss Mortimers Ueberfall war ich sicher, sie hatte sich zu einer Beratung mit ihrem Arzt eingeschlossen; aber auch Miss Juliens Gegenwart war mir bei dem Probespiel meiner Eitelkeit zur Last, ich verriegelte meine Tür, und meine glänzende Verwandlung ward ohne alle Zeugen begonnen. Schon stand ich eine lange Weile vor dem Spiegel und versuchte jede Stellung, welche meine Gestalt oder meinen Putz am vorteilhaftesten herausheben konnte, als ich eine Unruhe auf der Treppe vernahm, ein ängstliches Geflüster, dessen ursache zu erfahren, ich unbesonnen meine Tür öffnete. Mein erster blick fiel auf Miss Mortimer, die dem Anschein nach leblos von einigen Bedienten die Treppe herauf in ihr Zimmer getragen ward. Ich eilte ihr nach. Meine unzusammenhängenden fragen belehrten mich, dass meine ehrwürdige Freundin sich nach dem Abschied ihres Arztes plötzlich nicht wohl befunden und in dem Moment, wo sein Wagen fortrollte, leblos zu Boden gesunken war. Ich hatte mich des Gedankens an Andrer Weh, des Anblicks fremder Leiden so entwöhnt, dass ich, von Schrecken erstarrt, gar keines klaren Gedankens, noch weniger der geringsten Hülfleistung fähig war. Eine Dienstbotin, ein Mietling, brachte durch ihre Sorgfalt die Freundin meiner Mutter, meine einzige wahre Freundin, zum Leben zurück. So wie sie ihre Augen öffnete, erinnerte ich mich meiner törichten, von allem um die Ohnmächtige versammelten Hausgesinde schon lange angestaunten Kleidung. Ich zog mich schnell hinter die breite Gestalt der Haushälterin zurück, und sobald ich der Kranken liebe stimme gehört hatte, die herzlich dankend für die geleistete hülfe nun allein zu sein wünschte, eilte ich in mein Cabinet, mich meines Flitterstaates zu entkleiden. Nachdem ich mich in meinen gewöhnlichen Anzug geworfen hatte, schlich ich leise an Miss Mortimers Tür; ich horchte; alles war still; ein wilder Schrecken ergriff mich, ich fürchtete das Entsetzlichste; aber das menschliche Gefühl obsiegte, ich trat einund erblickte die Leidende auf ihren Knien, ihr Antlitz von Tränen benetzt, ihre hände betend zum Himmel erhoben. Diese Stellung war mir nicht fremdmeine Mutter hatte mich vor Gott die Knie zu beugen gelehrt, ja ich hatte die Gewohnheit, am Abend und Morgen gedankenlos eine Gebetformel zu plappern, beibehalten; allein der Aufflug der Seele zum Tron der Gnade, der aus Miss Mortimers Antlitz sprach, die Erhebung zum Ueberirdischen in der hinfälligen, dem Tod geweihten Erdenform ergriff mich mit unnennbarem Entsetzen, ich zog die Betende in meinen Armen empor und beschwor sie, mir zu sagen, welches Unglück ihr widerfahren sei. – "Kein Unglück, meine Ellen, sprach sie, sanft meine Liebkosung erwiedernd. Ich bin ein armes schwaches geschöpf, dem es noch nicht gelungen ist, sich Gottes Willen mit Aufopferung seines irdischen Seins zu unterwerfen. Ich habe mich seiner Vaterhand in mancher grossen Angelegenheit gebeugt, und nun empört sich mein schwacher Geist bei der Furcht vor