ob ich die Unbändigkeit meines Charakters von frühster Kindheit an einer natürlichen Anlage, oder früh begangnen Fehlern in der Behandlung meiner Wärterin zuschreiben soll? Genug, dass Heftigkeit, Eigenwille, Stolz meine Erziehung vom ersten Augenblick an erschwerten. Die milde Stimmung meiner Mutter verleitete sie zu dem irrigen Schluss, dass Vermeidung jedes Widerspruchs mich der Widersetzlichkeit enteben würde, bis die reifende Vernunft, meinen Willen regelnd, ihm herrschaft über meine Leidenschaften verliehe. Ohne einen Verstandesschluss lehrte mich nun die Erfahrung das Mittel, jeden meiner fantastischen Einfälle durchzusetzen. Ich weinte bei dem ersten Hinderniss und weinte fort, bis ich das Gewünschte erhielt. Nach meiner Mutter verderblichem Grundsatz, konnte nur die Unmöglichkeit sich mir in den Weg stellen, und wo diese eintrat, kaufte sie durch überwiegenden Ersatz meine Verzeihung für ihr Gesetz; glücklich, wenn mein Eigensinn meiner Fantasie nur erlaubte, in einen solchen Handel zu willigen. Eine Tugend entwickelte diese völlige Abwesenheit des Widerspruchs: eine unverbrüchliche Wahrhaftigkeit meiner Gesinnungen und Gefühle; sie ward mir Bedürfniss gegen mich selbst und gedieh bei reifendem verstand zu dem Grundsatz, dem ich zuerst die entwicklung alles Guten zu verdanken hatte.
Ungezügelt in meinen kindischen Wünschen, stets angehört bei meinen kindischen Reden, konnte es nicht fehlen, dass mir hier und da Worte entschlüpften, welche die Vorliebe meiner Mutter und die Schmeichelei meiner Wärterin zu witzigen Einfällen stempelten. Sie wurden den Gästen meiner Mutter wiedererzählt, ihre unbedachtsame Bewunderung steigerte den Begriff, den ich von meiner eignen Wichtigkeit hatte, und reizte mich ganz unvermeidlich, das Talent schneller und witziger Antworten, welches in unserm Geschlecht sich so leicht der Bewunderung zu erfreuen hat, zu entwickeln. Meine Mutter konnte sich nicht entalten, auch meinen Vater mit meinen Witzfunken bekannt zu machen. Sein ernstes Gesicht erheiterte sich bei solchen Erzählungen, und, abgespannt von seinen Rechnungsübersichten, konnte er wohl bei seiner Rückkehr am Abend sagen: "Fanny, lass mir einen recht guten Bissen zum Abendessen reichen und erhalte Ellen guter Laune, so will ich heute nicht in Club gehen." – Seine Absicht wurde aber nicht immer erreicht. Meine Mutter tat zwar ihr Bestes; mir ging es aber wie vielen ausgebildeten Leuten, denen sich ihr Witz versagt, wenn sie zur Unterhaltung aufgefordert werden: ich machte ihm Langeweile und ward weinend zu Bett geschickt. Gefiel ihm aber mein Geschwätz, so sagte er etwa: Was hilft ihr das? Ja, wäre sie ein Knabe, so sollte sie mir Parlamentsglied werden; aber was hilft ihr als Mädchen der Verstand? – Ich hoffe, sagte meine Mutter schüchtern, er soll sie glücklicher machen. – Pah, rief mein Vater, mit zweimalhunderttausend Pfund braucht sie kein anderes Glück, als sich von früh bis Abend die Zeit zu vertreiben. – Ich hörte diese und manche ähnliche Rede mit an, und es bildete sich in meinem kopf eine feste Verbindung zwischen den Begriffen von Zeitvertreib und Glück, zwischen Beschäftigung und Elend, die den Grund zu tausend Irrtümern legte.
Also der Mittelpunct der Bemühung und sorge eines ganzen Hauses, war meine Zufriedenheit je länger je mehr getrübt. In dem Maasse, wie die Zahl meiner Begriffe zunahm, stieg die Zahl meiner Wünsche, die Beharrlichkeit meines Willens und die Unmöglichkeit der Gewährung. Die Mannichfaltigkeit meiner Genüsse gebar schon in Kinderjahren hie und da die Empfindung der Leere, welche den Satten verfolgt; die Untrüglichkeit, welche ich meinen Aussprüchen beimass, die Herrschsucht, die ich übte, vereinzelte mich unter meinen Gespielinnen. Von meinem überlegnen Wert überzeugt, schien mir ihre Abneigung eine Rebellion gegen das Recht und die Gerechtigkeit, die ich ihren guten Eigenschaften, meiner Wahrheitsliebe gemäss, widerfahren liess, und indem ich mir diese auch zur Tugend anrechnete, vermehrte sie meinen Stolz. Nach und nach empfand mein Vater das Nachteilige in meiner Entwicklung, und er widersetzte sich irgend einem meiner Einfälle mit einer Entschiedenheit als gälte es einen Krieg auf Tod und Leben. Allein nach einer Stunde, einem Tag, ja einer Woche, durch die ich Bitten, Weinen, Schmollen fortgesetzt hatte, gewährte er in einem Anfall von Zorn, was er bis dahin standhaft verweigert hatte; der Sieg war mein, und sein Schwäche versprach mir, dass ein jeder anderer auf eben dem Wege zu erkämpfen sei. Meine gute Mutter, der jeder Misston in der Aussenwelt die Seele zerriss, suchte jeder solchen Widersetzlichkeit von Seiten meines Vaters zuvorzukommen; hatte sie einmal begonnen, so trieb ihre Schüchternheit sie an, durch verdoppelte Milde gegen mich meinen Eigensinn zu entwaffnen, und war die Krisis herbeigekommen, so befriedigte sie schnell meine Wünsche, um deren Gegenstand nicht eine neue Wichtigkeit zu verleihen. Sie mogte oft die endlichen Folgen meiner Verkehrteiten ahnen; sie bemühte sich oft mein junges Herz zu Gott zu erheben, allein auch bei diesem heiligsten Mittel der Bildung verfehlte sie den Weg. Sie lehrte mich nur immer Gott danken für die Vorzüge, die er mir verliehen, aber machte mich nicht aufmerksam auf die, welche so viele meiner ärmern Mitgeschöpfe vor mir voraushatten, und durch deren Erwerbung ich allein zu Gotteskinde werden konnte.
Endlich war der Augenblick gekommen, wo mein Eigensinn mir eine herbe Strafe bereiten sollte. Ich hatte eben mein neuntes Jahr vollendet, als eine Bekannte meiner Mutter mir eine Einladung sandte, das Schauspiel in ihrer Loge zu besuchen. Eine Erkältung mit Halsweh verbunden hatte mich seit einigen Tagen ins Zimmer gebannt, und dieser Umstand bewog meine Mutter, mich zu haus zu behalten; unglücklicherweise war die Botschaft in meiner Gegenwart