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übersehen, wo sie uns so sichern Rat gewähren könnte. Wird man es glauben können, dass ich von derselben Unterredung weg, in welcher Miss Mortimer jene ernsten Worte zu mir sprach, in einer Versteigerung, wo die ganze Londner Welt sich einfand, an der Seite Lady St. Edmond erschien? – Man verkaufte den Nachlass einer höchst modigen Frau, unter dem sich alles kleine Gerät, Zimmer-Aufputz und LuxusSpielwerke befanden, die das Bedürfniss des Künstlers erfindet, um die Uebersättigung des Reichen zu neuer Besitzes-Begier zu reizen. Jedes Mitglied der Modewelt ward von der Begierde sein Geld und seine Zeit zu vergeuden, oder doch seine Neugierde zu weiden, dahin geführt. Lord Friedrich, seiner schönen Cousine beständiger Begleiter, war uns zur Seite, so wie er überhaupt, seit mein Vater seine Bewerbung zurückgewiesen, mir seine Aufmerksamkeit noch viel eifriger bezeugte wie vorher. Miss Arnold glaubte es aus dem Grund zu erklären, dass er seine Beflissenheit gegen mich, nun sie gar keine Absicht mehr haben könnte, auch gar nicht mehr zu verbergen brauche, indem unser verhältnis beiderseitig eine unschädliche Koketterie bleiben müsste. Diese Erklärung beruhigte mich nicht, weil sie aber meiner Eitelkeit freies Feld bot, liess ich sie als hinreichend gelten. Es waren schon eine Menge kostbarer Spielwerke verkauft, während das Gesicht mancher gegenwärtigen Dame, durch Begehrlichkeit, Neid, Fehlschlagung, mehr oder weniger entstellt, mich fast so sehr als der Anblick der glänzenden Gerätschaften beschäftigte. Endlich fiel mir der missgünstige Ausdruck einer betagten, hagern Frau, die ihre Augen auf eine runde, blühende Gestalt richtete, welche ein eben erstandnes sehr schönes Porzellangefäss wohlgefällig betrachtete, so lebhaft auf, dass ich meinen Bleistift hervorzog, um sie als Karrikatur zu entwerfen. Noch war ich damit beschäftigt, als ein allgemeiner Ausruf der Bewunderung meine Blicke auf ein Toilettenkästchen von Schildpatte mit goldnen Verzierungen zog, das eben zum Verkauf ausgeboten wurde. Dieses Kästchen war ein Meisterstück an Vollendung der Arbeit, an Reichtum und Zierlichkeit der Verzierungen. In einem Moment ward ich vom Zuschauer bei dieser Scene der Torheit, eine handelnde person, ich fand in der Versicherung des Ausrufers: dass die funfzig Pfund für die es angeschlagen sei, nicht ein Drittel seines Wertes betrügen, eine Rechtfertigung meiner unwiderstehlichen Lust es zu besitzen, und tat ein Gebot. Die Besitzeslust welche mich ergriffen, wirkte auch auf Andere, man steigerte den Preis bis zu siebenzig Pfund. Nun stockte der Wetteifer einen Augenblick; dieser schien mir günstig, ich bot noch einmalallein ich hatte mich geirrt; jetzt trat eine ältliche, widrige Dame mit mir in Wettstreit, mit spottender, fast geringschätzender Kälte trieb sie mich hinauf, bis für hundert und funfzig Pfund sie mir das Spielwerk überliess. – Ich hielt meinen neuen Besitz in den Händen, ich genoss die Glückwünsche, die neidischen Blicke, die bewundernden Ausrufungen der Umstehenden, als mir die notwendigkeit, meinen Kauf zu bezahlen aufs Herz fiel. Den Versteigerungs-Gesetzen gemäss, musste dieses baar geschehen, und ich hatte aufs höchste zwanzig Guineen in meinem Beutel. Mit einer Verlegenheit, die alles was ich bisher in dieser Art erfuhr, übertraf, wendete ich mich, kaum hörbar an Lady St. Edmond mit der Bitte um ein Darlehn, das ich gewiss war ihr gleich nach meiner Nachhausekunft erstatten zu können. Ich meinte sicher noch einen grossen teil meines Monatgeldes in meinem Schreibtisch zu haben; reichte dieses nicht hin, so rechnete ich auf einen Vorschuss von meinem Vater, und war auch überzeugt bei Miss Arnold Unterstützung zu finden, denn vor kurzer Zeit sah ich, dass sie Gold in Händen hatte, und teilte auch meine letzte monatliche Rente mit ihr. Lady St. Edmond hörte meine Bitte mit der grössten gefälligkeit, bezeigte mir aber das innigste Bedauern, auch nicht einen Schilling in ihrem Beutel zu haben, da sie gar nicht einzukaufen gesonnen gewesen sei. Zugleich rief sie Lord Friedrich herbei, um mir den nötigen Vorschuss zu machen. So leichtsinnig ich war, so sehr Irrtum und Torheit mich umfing, schauderte ich doch vor dem Gedanken Lord Friedrichs Schuldnerin zu werden. Ich weigerte mich darüber mit ihm einzugehen und blickte umher, um mich an eine andre Bekannte zu wenden. Ein reiches junges Frauenzimmer, die ich oft sah, schien mir die geschickteste, mich aus meiner Verlegenheit zu reissen; ich stellte sie ihr vor, sie wies mich aber mit der Versicherung zurück, dass ihr nur eine Guinee, sie in Versteigerungen zu verwenden, zu Gebot stehe. – Aber Sie boten ja auch auf das Kästchen, rief ich verwundert. – "O das tat ich zum Zeitvertreib. Was sollte ich mit diesem kostbaren Dinge machen? Das kaufen nur Leute, die alle Taschen voll Geld haben." – Lady St. Edmond verlachte mich ohne Schonung über meine Ziererei gegen Lord Friedrichs Anerbieten; die notwendigkeit zu bezahlen drang sich mir auf, und ehe ich mir es versah war Lord Friedrichs Gold in meinen Händen. – Doch stellte er mir es auf so eine bescheidne, anständige Art zu, die es bewies, dass ein Modeheld bei gelegenheit dennoch höflich zu sein im stand ist. Sobald ich seine Banknote angenommen, fragte ich ihn scherzend: welche Sicherheit er von mir für die Rückzahlung verlange? Er fasste meine Hand und zog mir tändelnd einen Ring von wenigem Wert mit den Worten vom Finger: "Das ist mein Pfand. Glauben Sie aber nicht, dass ich es für ein paar armseelige Guineen zurückzugeben