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mir einen Augenblick Aufmerksamkeit zu verleihen, und fesselte ihn dann so vollständig, dass er den ganzen Abend nicht mehr meine Seite verliess. Wahrlich, der armselige Triumph war teuer erkauft; er verdammte mich, drei tödtlich langweilige Stunden mit anscheinender Lebhaftigkeit dem Geschwätz des einfältigsten Sterblichen zuzuhören. Eine Anstrengung, von der ich müde und von innerm Zwiespalte erschöpft endlich nach Haus eilte.

Das notwendige Geschäft, das Lord Friedrich aus der Gesellschaft gerufen, war eine Spielpartie, in welcher er zweitausend Pfund verloren hatte. Miss Arnold sprach mit dem zärtlichsten Mitleid von ihm und gebrauchte ihren Einfluss über meine Schwäche so wohl, dass sie mich endlich beredete: die Verzweiflung, sein Gesuch bei meinem Vater gänzlich fehlschlagen zu sehen, habe ihn zu dieser Torheit gebracht. In gewissem Sinne hatte sie recht. Geld musste er sich verschaffen; wie es ihm durch Eroberung meiner Mitgift nicht gelungen war, versuchte er es mit den Kartenallein diese Entdeckung zu machen, war ich viel zu sehr in Selbstbetruge befangen. Es schmeichelte meiner Eitelkeit, eines Mannes leidenschaft also aufgeregt zu haben, und mein Zorn über seine Vernachlässigung war, wie ich ihn den folgenden Abend bei Mistriss Clermont fand, beinahe verraucht.

Die Zimmer waren so voll, dass ich mich gleich beim Eintritt von Miss Arnold getrennt sah und erst nach einigen Minuten sie, im ernsten Gespräch mit Lord Friedrich begriffen, wiederfand. Befremdet trat ich ihnen näher und hörte ihn sagen: "Da würde ich eine sehr einfältige Figur machen." – "Die Sache ist unmöglich, antwortete Miss Arnold, er hat auf der Welt keinen Verwandten, als ..." hier erblickte sie mich, schwieg und errötete. Doch ich hatte keine Zeit, Bemerkungen zu machen, denn Lord Friedrich ergriff meine Hand und äusserte seinen Unmut über seine von meinem Vater erlittene Fehlschlagung in einem Ton, dem "mein Selbstgefühl", welches ich gegen Herrn Maitland als Richtschnur meines Betragens aufgestellt, kalte Verachtung hätte entgegensetzen sollen. Doch Lady Marie, die ihren Bruder bewachte, näherte sich schnell, um ihn zu einem Zeitvertreib abzurufen, den er durch Kartenkünste Lady Auguste zu verschaffen, versprochen hatte; das war genug, mich über meine weibliche Würde zu verblenden, ich setzte mein Gespräch mit Lord Friedrich fort, liess mich auf einen nebenanstehenden Stuhl nieder, er nahm seinen Platz neben mir und schlug seiner Schwester ab, sie an Lady Augustens Spieltisch zu begleiten. In der Unterhaltung, welche nun folgte, wurden die zurückgesendeten Einladungskarten nicht vergessen. Er scherzte über meine Weigerung und drang darauf, die eigentliche Ursache derselben zu wissen; aus Verlegenheit sagte ich ihm, dass ich Anstand nähme, mich in die Gesellschaft einer Dame zu drängen, der ich nicht vorgestellt sei. Bei diesen Worten sprang er auf, um mir Lady St. Edmond, welche sich auch in der Gesellschaft befand und, wie er sagte, seit langer Zeit mich kennen zu lernen wünsche, zuzuführen. Sogleich kehrte er mit einer Dame zurück, deren glänzende Erscheinung und liebenswürdige Gestalt, wenn sie gleich über die Jugendjahre hinaus war, den angenehmsten Eindruck machte. Ihre gemütvolle Höflichkeit, ihr ungezwungnes Betragen, ihre Schmeichelreden bezauberten mich, ich blieb den ganzen Abend ihre Gefährtin und nahm das Versprechen ihres Besuchs auf den folgenden Morgen mit der grössten Freudigkeit an.

Sie erfüllte dieses Versprechen und war im vertraulichen Geschwätz am Camin noch hinreissender, wie im Geräusch des Salons, obgleich ihre Reize beim Tageslicht weniger vorteilhaft erschienen. Im Verlauf des Gesprächs warf sie mir auf die schmeichelhafteste Weise meine Weigerung vor, ihren Ballwie sie sich ausdrücktedurch meine Gegenwart glänzender zu machen. Ich war redlich gesonnen bei meinem Entschluss, nicht dabei zu erscheinen, zu beharren, allein Miss Arnold wusste meine Gründe bald zu entkräften, bald, indem sie meine Nachgiebigkeit gegen Miss Mortimers Wunsch als kindische Folgsamkeit darstellte, meine Eitelkeit zu reizen, so dass ich das Anerbieten der Lady St. Edmond, uns nochmals Karten zu senden, nicht abzulehnen den Mut hatte.

Kaum hatte sie mich mit den einnehmendsten Liebkosungen verlassen, so trat Miss Mortimer ein und musste den ersten stürmischen Erguss der Freude über meine neue Bekanntschaft vernehmen. Sie tat es mit bedächtiger Ruhe und der gleichgültigen Bemerkung: "sie habe gehört, dass Lady St. Edmond sehr liebenswürdig sei." Noch mehr durch ihre Fassung, die ich für Abneigung gegen meinen neuen Götzen hielt, erhitzt, häufte ich Lobsprüche auf Lobsprüche und fügte den Wunsch, mit so einer Freundin meine Tage zu verleben, hinzu. Miss Mortimer erinnerte mich an die notwendigkeit, neue Verbindungen nur allmählich zu knüpfen. – Ich nannte das Kalterzigkeit. – Sie deutete darauf, dass Lady St. Edmonds Ruf von der Art sei, diese Behutsamkeit einem jungen Mädchen sehr nötig zu machen. – Nun war mein Stolz empört; ich wollte mich den Regeln allgemeiner Klugheit nicht unterwerfen; übermütig erklärte ich alles, was die Welt über meine neue Freundin urteilen möchte, für Verleumdung, und einer solchen Verleumdung Gehör zu geben, für die elendste Schwäche. Mit Engelmilde setzte mir darauf Miss Mortimer den Unterschied auseinander, der darin läge, ein altes FreundesVerhältniss wegen Beschuldigungen des öffentlichen Rufes aufzulösen, oder neue solche Verhältnisse mit einer person von beflecktem Rufe zu knüpfen. Das Erstere könnte Ehre und Menschlichkeit in manchen Fällen verbieten, das Andere sei gewagt und für eine person meines Alters und Geschlechtes völlig zu verwerfen. Diese Ansicht war so einleuchtend, dass ich mit all meinem Uebermut nicht sogleich eine Widerlegung