ist nun, dass Miss Mortimer meiner Sally zureden möchte, meinem Rate zu folgen und nach ein paar Jahren, in denen sie gewiss vierzig oder funfzig Pfund zusammensparen könnten, mit meinem Segen ihre Ehe anzutreten." – Wie? rief ich, den Schluss ihrer Rede gar nicht anhörend, mit vierzig oder funfzig Pfund ist die Sache abgetan? Die kann ich ihr ja sogleich von meinem Monatsgelde geben, denn gewiss habe ich so viel übrig. – Ellen, was fällt Ihnen ein? rief Miss Arnold, die seit einer Weile ins Zimmer getreten war, Sie wollen doch nicht funfzig Pfund auf einmal hingeben? – Warum nicht? Ich brauche das Geld nicht, und sollte ich, so gibt mir Papa einen Vorschuss. – Anfangs bot ich mein Geld in gutmütiger Ueberraschung an, erst Miss Arnolds Widerspruch liess mich ein Verdienst in meiner Handlung entdecken, und dafür den Lohn in Herrn Maitlands Blicken zu finden, suchte ich ihn nun auf. – Aber sein Auge schenkte meiner Freigebigkeit keinen Beifall, die nicht aus grundsätzen entsprang, die kein Opfer auflegte, keine Entsagung gebot. Mit ruhigem Mitleid blickte er mich an, als wolle er sagen: Du armes geschöpf, selbst dein Gutes hat keinen moralischen Halt! – Frau Wells grübelte nicht über die Quelle meiner Grossmut, sie dankte mit inniger Rührung, nahm sie aber nicht an, weil Sally und Robert ihres Eheglücks sichrer wären, wenn sie ein paar Jahr gearbeitet und gespart hätten, um es zu erlangen, und weil die Gewohnheit von Geduld und Fleiss ihnen mehr frommen würde, wie mein Gold. – Der belohnende blick, den ich in Maitlands Auge gesucht hatte, bestrahlte jetzt Frau Wells; er verhiess ihr Segen für diese Denkart, allein drei Jahre, meinte er, sei eine zu lange Prüfung; sie solle die Liebenden ein Jahr lang nach ihrem Ziele hinarbeiten lassen, und was an dessen Schluss noch an der nötigen Summe fehle, lege er dann hinzu. Frau Wells dankte innig, aber ohne Erniedrigung; ich könnte, sagte sie darauf sich zu mir wendend, Sally am wirksamsten bei ihrer Absicht unterstützen: das junge Mädchen arbeite gut, es fehle ihr nur an neuen Mustern und Kunden unter vornehmen Leuten; wenn ich mich aber herablassen wollte, sie für mich arbeiten zu lassen, so würden bald die elegantesten Damen ihr zu tun geben. – So wie ich der wackern Frau Meinung verstand, geriet ich in die peinlichste Verlegenheit. Wie konnte ich mich entschliessen, ein Kleid anzulegen, das nicht die erste Modeschneiderin der Hauptstadt gemacht hatte? – Aber Frau Wells bat so schüchtern, so ernst! Wie sollt ich's ihr abschlagen? Miss Arnold liess mir Zeit, mich zu sammeln, denn noch ehe die wackre Frau ganz ausgesprochen, rief sie: "Behüte uns Gott, ehrliche Frau, Miss Percy soll doch kein Ding anziehen, wie Ihre Tochter sie zusammenflickt? Ehe die ein Muster fände, zöge es ja alles Lumpengesindel durch die hände!" – Ich wollte nicht zudringlich sein, nahm Frau Wells hocherrötend das Wort; ich meinte, wenn Miss Percy die Güte hätte, Sally anzuweisen. – O liebe Frau Wells, sagte ich besänftigend, dessen wäre ich nicht fähig, ich verstehe nichts davon; aber ich will Sally empfehlen, überall wo ich Arbeit für sie hoffen kann. Liebe Miss Mortimer, Sie geben ihr zuerst welche! – Das kann sie, sagte Herr Maitland trocken, sie kann den Zauber eines modigen Rockschnittes entbehren.
Mistriss Mortimer erfuhr späterhin, dass Herr Maitland in den nächsten Tagen die Summe, welche Sally bei ihrer Hochzeit ausgezahlt werden sollte, gerichtlich niedergelegt hatte. Das junge Mädchen liess sich von meiner ehrwürdigen Freundin zur freudigen Nachgiebigkeit in der Mutter Rat bewegen, und das Glück dieser Menschen war gesichert. – Ich vergass schnell meine wertlose Grossmut; sie glich dem unstäten Schimmer des wogenden Meeres, indess Miss Mortimers und Maitlands Menschenliebe belebend, tätig, allverbreitet, wie der Sonnenstrahl, wirkte.
Sobald meine Unpässlichkeit vorüber war, begann ich meinen Kreislauf von Lustbarkeiten von neuem. Mein erster Ausgang war ein Konzert und Souper, das Lady G. einem kleinen Freundeskreis von vier und funfzig Personen gab. Gleich bei meinem Eintritt erblickte ich Lord Friedrich, der neben seiner Schwester, Lady Auguste und Lord Glendowr stand. Lady Marie machte ihn mit spöttischem Gelächter meine Anwesenheit bemerken; er wendete den Kopf nicht einmal zu mir; ich durchblickte Lady Mariens Absicht und setzte alle kleine Mittel der Gefallkunst in Tätigkeit, um ihr Lord Friedrich zu entreissen – doch alles umsonst, bis die Frau vom haus mich zu einer Bravour-Arie aufforderte, zu der ich mich meiner Fähigkeit bewusst war; nach ihren ersten Tönen, welche die Gesellschaft in die tiefste Stille gezaubert hatten, nahte sich Lord Friedrich der Lady G., die bewundernd neben mir stand. – Mein Herz schlug hörbar über meinen Triumph, meine stimme schien von der Begeisterung getragen – da hörte ich, wie er sich bei der Wirtin, nötiger Geschäfte wegen, entschuldigte, und sah, wie er aus der Gesellschaft verschwand. Meine Fassung reichte kaum aus, die Arie zu beenden; unter dem Geräusche des Beifalls gewann ich Zeit, meine Lage zu übersehen, und da ich, wie alle eitle Weiber, lieber Anmassung abwehrte, als Vernachlässigung ertrug, beschloss ich meine Empfindlichkeit zu verbergen. Bald war mein Plan entworfen; durch eine geschickte Wendung bewog ich Lord Glendowr, Lady Maria's erklärten Bewunderer,