aber wieder haben könnten? fragte Julie mit schalkhaftem Lächeln. Unmöglich! rief ich, nie würde ich Lord Friedrich darum bitten. – Wenn ich sie aber gar nicht fortgeschickt hätte, teure Ellen, sondern in der überzeugung, dass so ein abgeschmacktes Beginnen Sie gereuen müsse, Ihnen das Päckchen abnahm, um es – sie nahm es aus ihrem Arbeitskästchen – hier zu verwahren? –
Ich war wie vernichtet. Ein achtjähriger Umgang mit Miss Arnold hatte mich noch nicht verleitet, meine gewohnte Wahrhaftigkeit, – die eigentlich nur furchtloser Trotz war, meine Handlungen nicht zu verbergen – abgelegt zu haben. Der Schritt, den Miss Julie getan hatte, schien meine innre Freiheit unleidlich zu verletzen, ich erstarrte vor der Demütigung, die mir fremde Schuld zuziehen könnte. Julie bemerkte die Unruhe meiner Gedanken, obschon deren Gegenstand ihr fremd sein mochte; mit der einnehmendsten Schmeichelei stellte sie mir vor, wie sie nur um meinetwillen gehandelt habe, wie sie gern allen Tadel auf sich nehmen wolle, um mir ein meinen Ansprüchen so angemessenes, so unschuldiges Vergnügen zu verschaffen – allein jetzt ward der zutrauenvolle, dankbar glänzende blick, mit dem Miss Mortimer für das Hinwegsenden der Einladungskarten meine Hand drückte, mein Schutzgeist, ich konnte ihr Lob meiner Wahrhaftigkeit, das sie mir noch vor so kurzem gegeben, nicht zu Schanden machen und gewann noch einmal den Sieg über mich, die Karten mit eigner Hand dem Bedienten zum Forttragen zu übergeben.
Nun war mein Herz wirklich leicht, wirklich stolz. Ich vergab Miss Mortimer meine Fehlschlagung, dem Maskenball beizuwohnen; mein Abend, obschon einsamer, wie gewöhnlich, weil ich mich noch als Kranke behandeln musste, verfloss in der heitersten Laune, und mein Schlaf ward von freundlichen Träumen umgaukelt. Mich wandelte wohl im Verlauf des tages die Lust an, Miss Mortimer meinen zweiten, da er nicht durch Trotz herbeigeführt ward, viel reinern Triumph über eine Maskeradesehnsucht mitzuteilen; allein ich konnte es nicht tun, ohne meine Freundin, die nur um meinetwillen sich dem Tadel ausgesetzt hatte, bloszustellen, und gebot mir Schweigen.
Schon während meines Streites mit Miss Arnold hatte mir der Gedanke an Herrn Maitlands Meinung über diesen Maskenball vorgeschwebt und vielleicht, mir unbewusst, meinen Entschluss befördert. Jetzt wünschte ich, dass er kommen möchte, und befahl dem Bedienten, von allen Besuchen ihm allein Zutritt zu gestatten, – ich machte mir selbst glauben, nur weil mein Krankenanzug und meine Blässe seinem stoischen Mut ohnehin gleichgültig sein müssten, ingeheim wünschte ich aber seinen Beifall für meine Selbstverleugnung zu ärnten. Doch erwartete ich ihn diesen Abend vergeblich; erst den folgenden stellte er sich ein, und kaum hatte er Platz genommen, so rühmte ihm Miss Mortimer mit der zartesten Vorliebe der Freundschaft meine Entsagung. Ich blickte verstohlen ihn an. – Sobald er, wovon die Rede sei, vernommen, verbreitete sich ein Freudeschimmer über sein Gesicht: "Mir däucht, sagte er, dafür sind wir Miss Percy keinen Dank schuldig, sie hat gewiss mehr Freude empfunden, Ihrer Bitte zu willfahren, als zwanzig Maskenbälle ihr gegeben hätten." – Nicht eben das! rief ich, mir würde eine Maskerade die grösste Freude von der Welt machen. – Sie wollen also durchaus einiges Verdienst bei diesem Opfer haben? fragte Herr Maitland mit leichtem Scherz, setzte sich mit anmutiger Vertraulichkeit neben mich auf den Sopha und erörterte mit einem Witz, der stets an die Empfindung anstreifte, den Wert meiner Entsagung. Im Verlauf des Gesprächs gebrauchte ich auch den Ausdruck von "geziemendem Stolz." Er fragte mich darauf, was ich unter dieser schönen Redensart verstehe. Nachdem ich vergeblich versucht hatte sie zu erklären, sagte ich mutwillig: geziemender Stolz sei das Gefühl, welches mich abgeneigt mache, je als eine geduldige Magd mich vor der Herrschsucht des Mannes zu beugen; ein Gefühl, welches mir stets den Mut eines unabhängigen Geistes erhalten solle, ohne welchen das Dasein mir nichts wert sei. – "Fern sei es von mir, Ihnen diesen zu rauben", sprach Herr Maitland, anfangs mit Lächeln, das aber, noch während er redete, einer ernsten Teilnahme Platz machte. "Allein, welchen Wert könnte nicht dann dieses Dasein gewinnen, wenn Miss Percy die reichen Gaben, mit denen die natur sie überschüttete, und die doch nur ein Darlehn sind, aufs beste anzuwenden bedacht wäre? Was würde sie dann erst sein? – Alles, was Ihre wärmsten Freunde von Ihnen wünschen könnten. Sie würden vielleicht dann nicht mehr die Bewunderung aller Gecken begehren, sie vielleicht erlangen; allein die innigste Hingabe derer, die weiter blicken, als auf ein schönes Gesicht, – die wär' Ihren gewiss." Die Wärme, mit der Herr Maitland sprach, war seiner Gewohnheit so entgegen, sein blick, ohnehin so durchdringend, strahlte mit so ausserordentlichem Glanz, dass sich mein Auge vor ihm senkte, und glühende Röte meine Wange umzog. Gewiss nur diesem mann konnte es gelingen, meinen Uebermut zu beugen; allein ich war so befremdet über meine Unterwürfigkeit, dass die Widerrede mir versagte, und der unerwartete Eintritt meines Vaters mir als eine wahre Erleichterung erschien.
Sein Gesicht kündigte mir an, dass ein besondrer Gegenstand ihn mehr lebhaft als wohltätig beschäftige. Er schritt rasch ein paarmal im Zimmer hin und her, stellte sich dann vor das Camin und rief mir zu: "Endlich werde ich des Ueberlaufs um Ihretwillen müde, Miss Percy." – Um meinetwillen, lieber Vater? was will man von