, fand ich Mittel, ihrem Gespräch, unter einem geringfügigen Vorwand, sogleich zu entschlüpfen. Die nächstfolgenden Tage vermied ich sehr geschickt, ihr gelegenheit zum Wiederaufnehmen des Gegenstandes zu lassen; allein eine kleine Unpässlichkeit, die mir das Zimmer zu hüten gebot, gab mich bald darauf in ihre Hand.
Ein zufälliger blick in den Spiegel zeigte mir zu meinem unaussprechlichen Schrecken, wie auffallend drei Tage leichten Fiebers mich entstellt hatten. Ich äusserte meine Empfindungen in leichtsinnig verdriesslichem Ton, und, ehe ich mir es versah, zog Rede und Antwort eine Unterredung herbei, in welcher Miss Mortimer mich eben so weise wie gefühlvoll auf die Gefahr aufmerksam machte, zu der mein Leichtsinn mich hinriss. Ich glaubte sie so wie mich mit der Versicherung, dass ich an gar keine Heirat dächte, zu beruhigen. Sie warnte mich darauf mit dem Beispiel so manchen Mädchens, die durch die Sorglosigkeit, mit der sie eines Mannes Bewerbung gestattete, sich endlich gefesselt gefunden hätte. Mit unwürdiger Gemütlosigkeit wagte ichs nun, zu behaupten, es sei ja am Ende auch ganz gleichgültig, ob ich Lord Friedrich heirate oder einen Andern; und da er Geld, ich aber einen Rang brauchte, wäre ja dieser Plan gar nicht so schlimm. Ohne von dem Uebermut, mit dem ich ihrer sanften Weisheit mein gehaltloses Geschwätz entgegensetzte, entrüstet zu werden, stellte sie mir mit zunehmender Wärme, mit einer Innigkeit, die eine selbst mir auffallende Jugendblüte über ihre blassen Wangen verbreitete, die Unhaltbarkeit meiner Lebensansichten für spätere Jahre, ihre Gefahr für die einst nachfolgende Ewigkeit vor. Erschüttert von ihrer Rede und jeder ernsten Rührung abgeneigt, eilte ich der vortrefflichen Freundin unbedingt zu versprechen, nie Lord Friedrich meine Hand zu geben. Sie dankte mir und hätte noch mehr gesagt; allein Miss Julie stürmte eben ins Zimmer herein und brachte mir ein Päckchen, das im Vorzimmer gelegen, und dessen Inhalt sie mich mit Neugier entwickeln sah. Was ist es? – rief sie dringend. – Ein Billet von Lord Friedrich, und zwar Karten zu Lady St. Edwards Maskenball am fünften Mai. – Miss Arnold sprang voll Freude im Zimmer umher: o das ist herrlich! das ist göttlich! und wir sind diesen Tag noch nicht versagt. – Ich blickte verlegen und missmutig auf die Karten, das eben statt gehabte Gespräch dämpfte meine Freude. Miss Mortimer drehte ängstlich ihre Näharbeit in den Händen und fragte mich endlich schüchtern, ob ich die Karten anzunehmen gedächte. – Nun, das versteht sich! rief Miss Julie vorlaut. – Warum sollte ich nicht? fragte ich. – Miss Mortimer, ohne sich je an Miss Arnold zu richten, so ungeziemend diese sich auch in das Gespräch einmischte, suchte nun mit schüchterner Sanfteit und unerschütterlicher Geduld mir begreiflich zu machen, dass die Gattung dieser Lustbarkeit, so wenig wie die Art des Zutritts, den wir dazu erhalten, von vernünftigen Leuten gut geheissen werden könnte. Nachdem ich meine Antworten – denn Gegengründe konnte ich sie nicht nennen – erschöpft, endete ich, wie alle ungezogene Menschen, mit einer Unverschämteit, indem ich sie trotzig fragte: wer ihr das Recht gäbe, mich zu meistern und zu drängen? – Helle Tränen brachen aus ihren Augen. "Ihre Mutter gab es mir, Ellen", rief sie mit vom Schmerz erstickter stimme, "Ihre Mutter, die von unsrer langjährigen, erprobten Freundschaft der heiligen Erfüllung meines ihr gegebenen Versprechens entgegensah. So lange Sie vor meinen Augen leben, Ellen, muss ich Sie vor unwürdigen Torheiten hüten, oder Ihrer Mutter Andenken würde mich wie ein böses Gewissen verfolgen."
Ueberwältigt durch diesen Ernst, drangen auch mir Tränen in die Augen, schnell raffte ich die Einladungskarten zusammen, schloss ein entschuldigendes Wort an Lord Friedrich bei und bat Julien, die mir mit der grössten Bestürzung zusah, ohne den Mut meiner bestimmten Bewegungen zu hindern, dem Bedienten zu klingeln. "geben Sie mir den Brief, sagte sie gleichgültig, ich gehe doch die Treppe hinab und kann ihm den Weg ersparen", nahm mir ihn ab und verliess das Zimmer.
Miss Mortimer, deren Tränen noch flossen, ergriff meine Hand, drückte sie mit ihren beiden und sah mich mit einem blick an, der die Wildheit selbst menschlich gemacht hätte. Ich fühlte mich erleichtert durch die Entsagung, die ich geübt; aber mein elender Stolz erstarrte mich vor dem Gefühl der Liebe, ich hatte die Härte, meine Hand zurückzuziehen und kalt und hochmütig das Zimmer zu verlassen.
Doch, was tue ich? Wird mich denn nicht die Welt verachten, der ich diese Geständnisse mache? Werden meine Leser nicht diese Blätter mit Abscheu von sich werfen? Mögen sie! Ich kann dennoch einem von ihnen ein Beispiel zur Besserung sein – und dann vergesse doch keiner, dass Abscheu vor dem Bösen noch nicht Tugend ist, und gedenke auch, dass ich nur dann ganz verloren gewesen wäre, wenn ich schon eine klare erkenntnis des Bessern gehabt hätte – mein Verstand war wirklich noch in der Dunkelheit des Irrtums befangen.
Die Selbstüberwindung eines so lieblosen Herzens war nicht geeignet, den Geist zu bekräftigen. Sobald ich mich mit Miss Arnold allein befand, ward es ihr unschwer, meine Einbildungskraft mit den lebhaftesten Bildern des Vergnügens, dem ich entsagt hatte, anzufüllen. Sie stachelte meinen Stolz, indem sie meine Nachgiebigkeit gegen Miss Mortimer als die schüchterne Unterwerfung eines Schulkindes schilderte, und brachte mich bald dahin, die Zurücksendung der Einladungskarten aufs bitterste zu bereuen. Wenn wir sie nun