erheben. Ehe wir heute scheiden, Ellen, muss ich endlich erfahren, ob es meinem Leben nie verliehen sein soll, Pflicht und Glückseligkeit zu verbinden. Sie wissen, Ellen, wie lange – Sie begreifen aber nicht, wie zärtlich ich Sie geliebt habe. Der Mann wird Herr seiner Gefühle, aber diese herrschaft kostet ihm dennoch sein Glück. Wenn ich Sie nun so innig liebte, wie Irrtum Sie entstellte, wie Gleichgültigkeit und Uebermut mich von Ihnen zurückwies, was muss ich jetzt empfinden, da Sie alles in sich vereinen, was den Mann im weib entzücken muss! Mich jetzt von Ihnen trennen – jetzt, Ellen, da hier jeder Gegenstand Sie mir zurückruft! – O Ellen, dazu verurteilen Sie mich nicht! Kann meine Liebe dich gewinnen, kann meine Beständigkeit dir Zutrauen geben, kann dein unschuldiges Herz sich mit dem Glück befriedigen, das ich dir hier biete, kann eines greisen Vaters Segen – Der starke Mann wollte vor der Geliebten nicht in Tränen ausbrechen, darum schwieg er mit zitternden Lippen. – Ich fand aber jetzt Kraft, wahr zu sein, und Worte, es zu äussern; "Heinrich", sprach ich, "sagen Sie mir, was Sie wünschen! deuten Sie mir an, was Sie glücklich macht! ich darf es Ihnen versprechen." – Das sprach ich, glaube' ich, wenigstens verstand er mich recht. Er verstand, dass ich nicht mehr das töricht herzlose geschöpf war, das der Beifall eines Gecken über die Verdienste eines edlen Mannes verblendete, nicht das gedankenlose Wesen, dessen Wünsche und Bestrebungen sich um die flüchtigsten Täuschungen des Augenblicks drängten. Er erkannte das kindlich dankbare Herz, das vom Schicksal erzogen, ertragen, lieben und geniessen gelernt hatte. Ellen war nun würdig, an seiner Hand in ein bessres Dasein zu pilgern, war fähig, die Blumen des Weges zu pflücken, dessen Stürme zu bestehen.
Ich bin nun schon manches Jahr ein glückliches Weib; und nie seit dieser Zeit habe ich Schloss Eredine verlassen, noch es zu verlassen gewünscht. Graham ist noch immer gewissermassen mein Liebhaber, und wenn mir gleich von Ellen Percys Mutwillen immer noch ein kleiner Anstrich blieb, gestehe ich doch mit stolzklopfendem Herzen, dass er mir teurer ist, wie je, und ich stolzer, wie je, auf den Mann blikke, den Alle verehren, und der mich als die geliebte Mutter seiner Kinder begrüsst.
Noch immer leben wir unter den Augen unsers ehrwürdigen Vaters, noch immer teilt unsre Charlotte seine Liebe und unser Glück Wir sehen Wechsel in diesem seligen Leben voraus, allein wir kennen ein noch seligeres – und diesem gehen wir mit der Zuversicht entgegen, wie wir im Schimmer der Abendröte, der Sonne nachblickend, freudig denken: bis morgen! – und ihres schöneren Aufgehens gewiss sind.
Fussnoten
1 Aus Youngs Nachtgedanken. 2 Der Gaelische Ausdruck heisst: Du lieber Hund. 3 Noch vor wenigen Jahren wurden die Begräbnissfeierlichkeiten in den Hochlanden mit Tänzen beschlossen. 4 Ellen Percy hatte für Juliens Lage eine Ansicht, die wir, unsrer Ansicht der Ehe gemäss, nicht teilen können. Sie hielt Julie für Glendowers gesetzliche Gattin und das Kind für seinen rechtmässigen Erben, wie späterhin die gesetz dasselbe auch zu sein erklärten. 5 Schottische Redensart.