es sich derselben nie. Wir scherzten, wie glückliche Kinder, und im Kreis jugendlicher Nachbarn konnte der reife Mann oft noch wie ein fröhlicher Jüngling erscheinen.
Der Frühling brach an, und nie, seit der Frühling Edens erglühte, konnte diese Jahrszeit zauberischer sein. Seine Farben waren so mild, seine Lüfte so balsamisch, so rein, sein Mondlicht so friedlich! Nie werde ich die köstliche Kühlung vergessen, die eines tages in einem leichten Regenschauer herabtaute und den ruhigen See mit zitternden Lichtpuncten bedeckte. – Ich stand mit Graham – denn mit diesem Namen, den sein Land segnet und die Freunde des Rechts und der Wahrheit verehren, muss ich doch endlich den unlieben Namen Maitland vertauschen; ich stand mit Charlotte und Graham schutzsuchend unter einer Fichte, kein laut ward gehört, als das Rieseln der Tropfen im See und dann und wann der Ruf eines fernen Wasservogels. "Wie oft, wachend und schlafend, habe ich hiervon geträumt"! sagte Graham leise, als wollte er die Stille nicht stören, "und noch jetzt ist mir, was mich umgibt, wie ein Traum. Diese tiefe Ruhe! Jeder Schatten liegt noch auf eben der Bucht, auf eben dem Abhange, wie damals, wenn ich so oft dastand und erstaunte, wie die unermessliche Tiefe des Wassers die grenzenlose Höhe des himmels also abbilden könne. Und nun nach meiner langen Verbannung so vereint zu sein mit allem, was mir am teuersten ist, seine Nähe zu empfinden – –" Ich fühlte mich plötzlich unendlich beklommen. Ich glaubte seit einiger Zeit hoffen zu dürfen, das Schicksal habe meine Erziehung durch Unglück beendigt und wolle sie nun durch friedliches Glück, so weit es Menschen vergönnt ist, vollenden. Dass ich mir nur in Vereinigung mit den Geliebten, die jetzt mich umgaben, Glück denken konnte, leugnete ich mir nicht; aber dieses Glück von Gott zu erbitten, hatte ich mir in jungfräulicher Zucht und kindlicher Ergebung immer versagt. Heinrichs Worte sagten deutlicher, wie je, was mich nicht mehr überraschen konnte; denn das freudenreiche Beisammensein eines ganzen Winters hatte mir bewiesen, was ich jetzt in einem bestimmtern Sinn, mit der Ueberraschung der ersten Liebe vernahm. Unwillkürlich trat ich einen Schritt von Graham zurück, und sein ernst auf mich gehefteter blick konnte mir meine Unbefangenheit nicht wiedergeben.
Den folgenden Tag kam ich von einem gang in das Dorf zurück und wollte eben in das gemeinschaftliche Zimmer treten, als ich durch die angelehnte Tür Grahams stimme in dem festen, bestimmten Ton hörte, wie er ihn nur bei Dingen, die seinem Herzen sehr nahe waren, zu gebrauchen pflegte. "Ist es so", verstand ich jetzt deutlich, "so geh' ich morgen fort, und hier muss sich alles verändern." – Fort? morgen fort? und ohne einen Gedanken an mich? oder dieses "verändern" drückte den vernichtendsten Gedanken aus. Halb entseelt wankte ich auf mein Zimmer zu; Charlotte begegnete mir auf der Treppe – "heil'ger Gott, was ist Ihnen geschehen?" rief sie bei meinem Anblick. Ich eilte neben ihr vorbei und verschloss mich in mein Zimmer. Ich war nicht mehr das ungestüme, seine Wünsche ertrotzende geschöpf, ich wollte aufrichtig, was Gott wolle, ertragen; aber in diesem Augenblick vermochte ich nichts, als mir zu gebieten: "ruhig, armes Herz!" – und nichts zu beschliessen, so lange es das nicht war. Doch Charlotten, die so flehend um Einlass bat, musste ich die Tür öffnen, ich musste zum Tee herabgehen, und wie sie alle so zutraulich mir anrieten, zur Erleichterung des von mir vorgeschützten Kopfschmerzens ins Freie zu gehen, musste ich Graham und Charlotte an das Seeufer begleiten. Heinrich bot mir seinen Arm, ich musste ihn wohl annehmen, aber fern von ihm ging ich und stützte mich nicht. Er fragte so teilnehmend nach meinem Befinden, er sprach so zärtlich, achtungsvoll mit mir, dass meine – Angst mehr, als meine Zurückhaltung – wich, und ich zwar mit Herzklopfen, aber ohne törichte Heftigkeit vernahm, dass Charlotte uns anwies, unsern Weg allein fortzusetzen, weil sie in einer benachbarten Hütte einen Krankenbesuch abzulegen gedenke. Er führte mich auf ein kleines schattiges Tal zu; ich versuchte anfangs mit Lebhaftigkeit zu schwatzen, aber es gelang mir nicht; halb beschämt, dass ich versucht hatte unwahr zu sein, versank ich in ein Stillschweigen, das Graham nicht störte; nur hie und da teilten wir uns eine Bemerkung mit, die gleichgültige Vorgänge betraf. In einem Augenblick, wo ich mich zufällig umsah, fiel mir die Schönheit der Aussicht auf, die uns jetzt am Ausgang des kleinen Tals durch ein paar Felsabhänge den See im Sonnenglanz zeigte. "O, weilen wir hier und blicken zurück!" rief ich, meinen Begleiter aufhaltend. "Ja", antwortete Graham mit einem leichten Lächeln, "weilen wir hier und blicken einen Augenblick rückwärts! vielleicht für lange, lange Zeit zum letzten Mal! Kommen Sie, Miss Percy, lassen Sie mir den lieben Arm! lehnen Sie sich auf mich, wie sonst! lassen Sie mich glücklich sein, so lange ich darf!" – Er schwieg, aber mein Mund war verstummt; ich hätte kein Wort über meine Lippen bringen können. – Graham begann von neuem: "Dieser Abend, diese Stunde vielleicht kann diese reiche, herrliche natur für mich in ewige Trauer kleiden, oder ihre Schönheit über allen Wechsel