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, meinen Irrtum über Heinrich und Maitland vorsätzlich genährt und mich dadurch zu Geständnissen verleitet zu haben, die mich jetzt in ihre Hand gäben. Wohl erkannte ich das Glück an, von diesem verehrten Mann im Schoose seiner Familie, als dem Liebling seiner Geliebtesten, wiedergefunden zu werden, nachdem er mich einst im Wirbel der Torheit zurückliess. Ich war deshalb weit entfernt, mir mädchenhafte Ziererei zu erlauben; aber ich suchte meiner Freundin zu beweisen, dass sie mein Vertrauen durch die falsche Rolle, die sie dem vorgeblichen Maissand aufgetragen hatte, gemissbraucht zu haben schien. Anfangs lachte die in ihr Glück verlorne Charlotte, bald legte sie mir aber die Gründe, durch die sie ihr Betragen gerechtfertigt hielt, vor Augen. "Nach dem, was ich von Ihnen wusste", sagte sie, "konnte ich nicht hoffen, dass sie sich würden von meinem Bruder Ihr Geld zurückzahlen lassen; sobald ich Sie aber gesehen und liebgewonnen hatte, begriff ich meines Bruders Schicksal und verstand seine Teilnahme an Ihnen. Auch dass Sie Maitlands Schwester nie Ihr Vertrauen würden geschenkt haben, wurde mir klar; und Sie zu mir zu ziehen und an mich zu fesseln, war doch mein Wunsches war mein Wunsch, Sie unter meines Vaters Augen zu bringen, und es ist alles gelungen, wie ich gewollt habe, und nun werde ich für meinen Bruder keinen Schritt weiter tun." – Es war so viel Edelmut in den Bewegungsgründen ihrer Handlungsweise, es war eine so kühne Offenheit in diesem Bekenntniss lang fortgesetzter Heimlichkeit, dass mein Unwille verstummte; mein natürlicher Abscheu vor Hinterlist und Larve hielt mich aber von einer gänzlichen Versöhnung zurück. Ich sprach von der Unvorsichtigkeit einer Intrigue, die einzig durch den Umstand gesichert war, dass Maitlands Name nicht im schloss genannt wurde. "O nein!" rief Charlotte; "dieser gemeine Krämername ist im schloss kaum bekannt. Mein südländer Oheim machte es den Graham zur Bedingung, ihn zu tragenund wahrlich! Eredine konnte den Namen seines Schwagers nicht verachten; aber nie ward Heinrich so genannt, mein Vater überschrieb nie seine Briefe mit ihmund Gott sei Dank! er hat ihn nicht in sein Vaterland zurückgebracht, er ist Heinrich Graham, wie seine Mutter ihn geboren. Nicht, Ellen, als wenn ich den Handelsstand verachtetedavor bewahrt mich mein Bruder, der zwanzig Jahr ihn durch seine Betriebsamkeit ehrtejeder Erwerb verdient achtung, aber mir däucht, ein Edelmann sollte ihn denen überlassen, die Geld bedürfen, um sich Auszeichnung zu verschaffen." – Nun musste ich lächeln über die hochgeborne Schottin, die dem handelführenden Südländer Hohn sprach und eines handelführenden Südländers Tochter aus dem Abgrund der Armut gerettet hatte, um sie in die Heimat der Grahams zu verpflanzen. Und während meines Lächelns und Nachdenkens hatte sich der Schlaf auf Charlottens Augen gesenkt.

Ich stand früh auf, und es war mir lieb, dass Charlotte noch früher an ihre Geschäfte gegangen war. Mein Gemüt war sehr bewegt. Meine alte Schwachheit war aber nicht gänzlich unterjocht, denn, mit den ernstesten Betrachtungen im Kopf, mit überwältigenden Gefühlen im Herzen, blickte ich mehr wie einmal in den Spiegel und war mir bewusst, dass Ellen Percy in der schmucklosen Hauskleidung Maitlands Augen nicht minder gefallen dürfe, wie Ellen in der ersten Jugendblüte und im Flitterstaate des Luxus und der Mode. Wie ich in das Zimmer trat, war die Familie schon beim Frühstück versammelt. Maitland führte mich an einen Stuhl und setzte sich mit den Worten: "ich muss zwischen meinen beiden Schwestern sitzen," zwischen mir und Charlotte. Die Güte seines Betragens färbte meine Wangen bei der Erinnerung, wie unverzeihlich ich ihn bei unsrer ehemaligen Trennung behandelt, mit hoher Schaamröte; aber er behandelte mich so achtungsvoll, der Kreis dieser Menschen war so einfach und liebend, dass ich in ihrer Freundschaft das Pfand meiner Veredlung las und mich bald so unbefangen in Maitlands Gegenwart bewegte, als hätte er mir nichts zu verzeihen. Der Tag verfloss, ohne dass ein bittres Andenken ihn verdunkelte; dieser und mancher andre nach ihm. Fortschreitende arbeiten war ihr Beruf, vereintes Lesen und gespräche ihre Erholung, vollendete arbeiten ihre Feste. Eredine brachte trotz seines hohen Alters, wie ein wahrer Nordlandsheld, mit seinem edlen Sohn die Vormittage auf der Jagd hin. Charlotte und ich hatten genug zu tun, um nach unsrer Hausarbeit in allen Familien von Glen Eredine unsern Beruf als Kinderlehrerinnen, Ratgeberinnen und Krankenpflegerinnen zu erfüllen. Welche zahl- und endlose Familiengeschichten musste ich anhören! Da war keine Hütte im Tal, deren Ahnherrn und gegenwärtiger Mitglieder Schicksal mir nicht mit den geringsten Umständen anvertraut, und in vielen Fällen noch ein prophetischer blick in ihre Zukunft vergönnt wurde. Unsre Abende waren entzückend. Wenn der alte Vater sich aus seinem beeisten Plaid gewickelt, Maitland die Windspiele in ihre Hütte geschmeichelt hatte, und wir alle um das Caminfeuer sassender rüstige Jäger wind nun der feine Gesellschafter der dankbaren Schwestern, er las, erzählte, liess sich abstreiten, belehrte, und der verehrte Alte hörte zu oder nickte bei dem Glück seiner Kinder mit seligem Lächeln ein und wachte unter ihrem lebendigen Geschwätz mit noch seligerm wieder auf. Wie oft, in dieser glücklichen Zeit, war ich erstaunt, Maitland je für kalt und förmlich gehalten zu haben! Sein ernster und nach Wirksamkeit strebender Geist fühlte sich freilich bei zweckmässiger Zeitanwendung am wohlsten, aber in einem geläuterten Herzen, wie das seine, wird die Freude zum Gottesdienst, und also versagt