", antwortete der arme Mensch mit einem wehmütigen Lächeln. Nach einigem Stillschweigen, indem er ehrerbietig hinter uns herging, wiederholte er seine Bitte, und noch einmal, und noch einmal, weil er die Abwehr immer vergessen zu haben schien. Nur andre Ursachen setzte er zu seiner Dienstleistung hinzu: "damit die Frau kann ihren Kleinen pflegen", sagte er einmal, "und damit sie nicht in der Nacht zu dreschen braucht – ach, Schlafen tut so gut!" – "Nun, so schlaft Ihr, guter Robert"! entgegnete Charlotte. Er blickte mit irrem Lächeln vor sich hin: "Ich schlafe nicht mehr," rief er leise und geduldig. "O Charlotte", sagte ich und ergriff bittend meiner Freundin Hand, "ich habe Robert und Ihr Tal beurteilt, wie die elende Welt, in der ich aufwuchs. Verzeiht ihr beide! nur ein tugendhaftes Weib kann so eine bescheidne Liebe einflössen." – "So ist's, meine Ellen. Schlaffe Moral und ungeordnete Sinne sind nie der Boden, aus dem eine ernste, dauernde leidenschaft erwächst." – Schweigend und ernst ging sie nun neben mir her.
Endlich erschien der Tag, der so sehnsuchtsvolle Hoffnungen erfüllen sollte. Alle Stunden waren gezählt worden; den Abend, wo Heinrich das erste Nachtlager auf schottischem Boden halten sollte, ging sein greiser Vater mit einer Art Feierlichkeit in sein Schlafzimmer – sein Sohn betrat diesen Boden heute auch; und endlich sprach er, Charlotten und mich beim Schlafengehn umarmend: "morgen um diese Zeit!" – und sein blick suchte den Himmel, als das einzige, was er noch Höheres, wie Heinrich, erkenne. Ausserdem aber war seine Freude seit ihrem ersten Ausbruch still; doch sah man, dass er mit keinem andern Gegenstand beschäftigt war; auch an alles, was er aus der Vergangenheit erwähnte, hing er eine Bemerkung, die ihn betraf: "damals war Heinrich noch ein Kind", oder: "Heinrich hatte eben sein erstes Hochwild geschossen"; und so waren Heinrichs Lebensstufen sein Kalender. Dazwischen drückte er von Zeit zu Zeit Charlottens und meine hände mit glänzend glückwünschendem blick. Bis Aberfoyl ihm entgegen zu reiten, war sein herzlicher Wunsch, er hatte nur einigen Zweifel, ob sich das mit seiner väterlichen Würde vertrage; doch "Heinrich ist ja nie ein verzogner Knabe gewesen", bemerkte er, und sonach entschloss er sich zu dem Ritt.
An dem grossen Tage war die ganze Familie schon beim Morgengrauen munter. Wen ich zuerst erblickte, war Eredine, in voller National-Kleidung, mit jugendlichem Schritt im Hof umherschreitend. "Charlotte, heute gilt's ein derbes Frühstück", rief er, an den Tisch sich setzend, der geschäftigen Tochter zu, "wer zehn Stunden reiten will, darf nicht nüchtern bleiben"; und mit diesen Worten langte er fröhlich zum Glase. Der Laird hatte beschlossen, ohne andre Begleitung mit seinem Hausgesinde allein fortzureiten, allein der alte Sackpfeifer wusste sich auf andre Weise zu entschädigen. Er zog, den "Grahams Aufruf" pfeifend, durch das ganze Tal, aus allen Hütten schlossen sich alle männliche Bewohner ihm an, und mit diesem zahlreichen Zug rückten sie gegen Aberfoyl vor. Die Weiber des ganzen Clans blieben in der Bezeigung ihrer Teilnahme nicht zurück: von früh an kamen die Hausmütter, still und ehrbar brachten sie, was ihr Vorrat an Schinken, Eiern, Geflügel ihnen darbot, "zum freundlichen Gruss" und kehrten ruhig in ihre wohnung zurück. Der Tag schien uns von endloser Länge. Charlotte war stumm und ruhelos; sie wollte nähen – es gelang nicht; sie nahm ein Buch – es war vergebens; sie ging wieder und immer wieder in ihres Bruders Zimmer um sich zu überzeugen, dass dort nichts fehle – aber eigentlich nur, um von dort aus dem Fenster zu schauen, da der äusserste Punct der Aberfoyl-Strasse dort zu sehen war. Endlich fing sie an zu sorgen, ob er auch heute ankommen möge, und zürnte mir fast, wie ich die Möglichkeit des Gegenteils zugeben musste. Gegen den Abend stellte sie sich an das Fenster und blickte, zuweilen ihre Augen trocknend, bewegungslos in die dunkelnde Ferne. Der Abend sank und verkündete eine frostige Nacht. Charlotte zog mich mit sich vor das Schlosstor; alles war still; endlich bellte fern im Tale ein Hund; "ich höre die Pfeife!" rief Charlotte und fasste meinen Arm. Ich horchte; leise schwirrte der Ton, erstarb und tönte wieder, nach und nach ward er bis zur Deutlichkeit stark. Grahams Kriegslied, der Hufschlag der Rosse, der Fusstritt der Menge, die Stimmen der Menschen wurden deutlich. – – Charlotte flog den Weg hinab, kehrte um und rief: "Nein, vor dieser Menge kann ich ihn nicht empfangen!" und eilte zurück in das Haus.
Ich erblickte durch das Dunkel die zwei stattlichen Gestalten der Häuptlinge, die am Tor von ihren Pferden gestiegen waren und sich jetzt zu Fuss dem schloss näherten, und begab mich in das Zimmer, besorgt, dieses erste Wiedersehen zu stören; aber bald eilten die Schritte herbei, ich hörte meinen Namen, die Tür flog auf, und Maitland stand vor mir – – –
Wie ich am Schluss eines glücklichen, von dem Vater und Charlotten in stillem Rausch der Freude, die zum Gebet wird, hingebrachten Abends endlich mit meiner Freundin allein war, machte ich ihr Vorwürfe