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um eine hungrige Einquartierung zu speisen. Charlottens Amme erzählte mir zahllose Züge aus Heinrichs Kindheit, die blinde Strickerin rühmte mit Salbung, wie er sie die Wiese entlang zu dem Tanzplatz geführtnur Robert Goraich, Cecile's unglücklicher Liebhaber, war der einzige, dessen Freude sich nicht in fröhlichem Taumel verkündigte. Bei einer einsamen Wanderung, wie ich sie so gern in der Nähe des Hauses machte, setzte ich mich einst auf einen meiner Lieblingsplätze, einen Felsen, der über dem See hing, und träumte von einem fantastischen Freundschaftsbund, der noch einst zwischen Charlotte, Maitland, Heinrich und mir bestehen könnte; da sah ich den armen Robert daherkommen, dem Heinrichs alter Klepper so vertraulich wie ein Hund folgte. Er blieb mir gegenüber stehen, sah mir mit ernster Freundlichkeit ins Gesicht und sagte leise: "Sie sagen, Ihr wäret ihm bestimmt; so möge Gott Euer Antlitz erfreuen! nehmt ihn in Frieden!" – Robert war nicht der Erste in Glen Eredine, der mir diese Zukunft prophezeite. Aber heute traf mich diese Rede so tief, dass ich, besonders gegen diesen armen Mann, mein Gefühl unter einem Scherz zu verbergen suchte. "Wohl gut, lieber Robert"; rief ich, "aber um des Anstandes willen kann ich mich doch nicht so schnell dazu entschliessen." – "O doch! entschliesset Euch schnell, denn der Mensch weiss nicht, was morgen geschieht!" sagte er ernst und legte seine Hand bittend auf meinen Arm. "Wie würde es ihm sein, wenn er Euch müsste die Wiese entlang und durch den Wald hin gehen sehen, eines andern Mannes Sohn auf dem Arm!" – Dabei zeigte er auf den Weg hin zu Cecile's Hütte. Dann fuhr er, sich ganz vergessend, in seiner Landessprache fort: "Da würde ihm alles gleichgültig werden, seine schöne goldne Uhr und die Parks und die Städte von Eredine. – Alles wäre ihm nichts mehr gegen die blosse Luft, die ihm von ihr herüber weht." – "Doch, Robert", unterbrach ich sein jammervolles Selbstgespräch, "würdet Ihrs denn leiden mögen, wenn eine sächsische Lady auf dem schloss hauste?" – "Wenn es also beschlossen wäre, wie könnte man da murren? Und es könnte ja sehr gut sein. Vergesst Ihr nur, dass Ihr eine Stiefmutter seid, wir wollen gewiss nicht daran denken."

Wie ich nach haus kam, sagte man mir, dass Cecile im schloss gewesen, um Arznei für ihren sterbenskranken Gatten zu erbitten. Sobald sie hörte, welche frohe Veranlassung den Schlossbewohnern Arbeit gäbe, hatte sie sich entalten, Miss Graham zu sprechen, um ihre Freude durch ihr trauriges Anliegen nicht zu trüben, und war unverrichteter Sache wieder fortgegangen. Sobald aber Charlotte von ihrem Besuche hörte, willigte sie in meinen Vorschlag, ihr am Abend, was sie bedürfen könnte, selbst zu überbringen.

Cecile empfing uns an der Haustür und führte uns unter tausend Glückwünschen in ihr Prunkzimmerdenn in Glen Eredine konnte es dafür gelten. Es hatte Fenster und Sessel und einen Tisch, ein Wandbret mit buntgemalten Steinkrügen und Tellern, auf denen fromme und lose Sprüchelchen zu lesen waren; wir verlangten aber Jemmy in seiner Krankenstube zu sehen, worin uns sein gutes Weib nach den höflichsten Entschuldigungen willfahrte. Dieses bescheidnere Gemach war von dem vorigen durch eine Breterwand getrennt, das Bett stand in einer Art von Verschlag, der übrige Raum hatte das Dach zur Decke, ein Loch in diesem zum Rauchfang und ein Fenster von vier kleinen Scheiben, um es zu erhellen. Der Feuerplatz in der Mitte des Gemachs unter der Oeffnung des Daches war allein gepflastert, der Zimmerboden selbst bestand aus gestampfter Erde. Auf ihm lag Torf, Küchengerät und Wasserzober umher. Cecile's ältester Knabe, ein vierjähriger, mit Tartane und Helmmütze bekleideter Caledonier, wenn es je einen gab, sass neben einem jungen Hammel, mit dem er friedlich einen Haferkuchen teilte, der jüngste, viel sorgloser bekleidet, stritt sich mit dem Hahn um die Reste eines Mehlbreis in einem schwarzen eisernen Topf. Cecile riss sie beide vom Boden auf und befahl ihnen, die feinen Frauen zu grüssen, und schalt sie aus, dass sie sitzen blieben, wenn die "edlen im land sie besuchten." Diesen Grundsatz lehrte sie durch Beispiel, denn nichts konnte sie bewegen, sich in unsrer Gegenwart zu setzen. Miss Graham fragte den blassen, stillen Kranken freundlich, wie es ihm ginge. – "O Sie sind gut, also zu fragen", antwortete Cecile statt seiner; "er kann nicht besser werden, und kaum schlechter, als er schon ist." – Die Fassung, mit welcher diese Frau in des Kranken Gegenwart über seinen hoffnungslosen Zustand sprach, empörte mich. Ich zitterte vor dem Eindruck, den diese Herzlosigkeit auf den armen Kranken machen müsste. Dieser sagte aber mit heitrer stimme: "Das Uebel will seine Zeit haben; aber wir dürfen hoffen, dass es nicht mehr lange dauern kann." – Dieser fromme Mut nötigte mich, den tröstenden Zuspruch, zu dem ich mich gerüstet hatte, in Beifall zu verändern. "Ja ich hoffe, ich bin bereit zu scheiden", antwortete Jemmy; "zuweilen habe ich mich wohl davor gefürchtet, zu andern zeiten bin ich aber auch recht gefasst." – Jetzt überströmten seiner Gattin Augen. "Wahrlich, Lady", rief sie, "er braucht sich