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London hatte kaufen lassen. Nun ward recht ernstlich gelernt, und Charlotte lohnte meinen Unterricht mit der beharrlichsten Mühe, mich in Besitz der gaelischen Sprache zu setzen. Es glückte mir so sehr, dass ich den Beifall aller Schlossbewohner ärntete, und die Landleute mich bald eben so freundlich begrüssten, als gehörte ich in ihr Tal. Am mehrsten freute sich aber der alte Laird meiner sprachkundigen Fortschritte; besonders wenn ich gaelische Liederchen sang, rief er entzückt: "sie singt fast so gut, wie meine liebe selige Mutter. ""Möge es weiss um ihre Seele her sein!""5 "Nur sollte sie statt des ungeschickten grossen Dinges (der Harfe), die leichte, weiblich niedliche Clarsaeh (eine Art Mandoline) im Arm halten, aber die verdammten Hannoveraner haben sie, wie sie Glen Eredine plünderten, verbrannt!" –

Die Musik, so lieb sie mir war, nahm aber doch jetzt einen ganz andern Platz in der Anwendung meiner Zeit ein, als ehemals, wo sie die einzige Beschäftigung war, die mir Putz und Gesellschaft ersetzte. Es hatte sich jetzt in meiner Seele die überzeugung entwickelt, dass jeder Moment unsers Lebens in Arbeit und Lust, ein vernünftiges, wohltätiges oder frommes Andenken zurücklassen müsse. Bald nahm ich wahr, dass diese Ansicht, welche ich anfangs mit etwas Aengstlichkeit befolgte, keine heitere Benutzung der Lebenszeit störte; denn Heiterkeit entsprosste nur auf dem Wege der Pflicht, und diese führte mich Hand in Hand mit dem Glück derer, die neben mir schritten. Ich begriff immer mehr, dass die Blüten des geistigen Lebens jedem Genuss entspriessen, der unsrer Menschennatur zugeteilt ist, wenn wir ihn als geistige Wesen, nicht nur mit der rohern Hälfte unsrer Kräfte geniessen. Kaum kann es je einen glücklichern, vielleicht keinen fröhlichern Kreis gegeben haben, als der das Caminfeuer von Eredine umgab.

Ich hatte manche Woche in diesem glücklichen Kreis verlebt, als Charlotte eines tages atemlos vor Entzücken zu mir hereinstürzte und mir zurief: "Er kommt, teure Ellen, er kommt! Er will alles aufgeben, seine Gewohnheiten, seine Plane, er gibt ihnen ihren Tand zurück und kehrt zu seinen Vätern heimheim zu uns allen!" – "Wer? Heinrich? Heinrich kommt zurück? Wenn?" – "Jetzt, bald, in einer Woche. Ach, wenn diese Woche vorüber wäre!" – Sie konnte nicht an einem Orte bleiben, die Freude trieb sie fort, und ich eilte ihr nach zu ihrem Vater. Der Greis schloss uns beide in seine arme: "Gott lasse mich", rief er, "nur noch diese Woche überleben, und dann, dann ...!" – Er zögerte, halb beschämt über seine Rührung. "Ich sorge zuweilen", fing er wieder an, als spräche er nun von etwas anderm, "ich sorge, meine Augen sind angegriffen, ich will sie in der Luft stärken." – Und damit ging er auf den Weg nach Edinburg aus, als könne er schon heute hoffen, seinem Sohn zu begegnen, und von heute an kehrte er unzählige Mal auf diesen Weg zurück. Zunächst bemühte er sich nun jeden Ruhepunct seiner Reise zu berechnen, er glaubte die Stunde seiner Ankunft bestimmen zu können, und machte eine endlose Menge Zubereitungen zu seinem Empfang. Hatte er sich dann recht müde gewirtschaftet, so setzte er sich auf seinen grossen eichnen Armsessel, kreuzte die arme, sann nach, und ein seliges Lächeln spielte über sein Gesicht. "Er hat doch von jeher die Südleute nicht gehasst", rief er einst im Selbstgespräch aus, "obschon in ihm selbst kein südländischer Blutstropfen war. Hat er den krauspfotigen Hund seiner Mutter doch auch immer gern gehabt, und ich selbst mochte doch die Sachsen nicht leiden." – Ich war im Begriff, an meinem Stickrahmen laut aufzulachen, als mir eine Ahnung über die Bedeutung seines Ideengangs einfiel, die mich mit Beschämung zurückhielt.

Heinrichs Ankunft konnte mir in keiner Rücksicht gleichgültig sein. Seit ich erfahren hatte, dass ich ihm, nicht Kennet, die Rückzahlung der meinem verewigten Vater gehörigen Summe schuldig war, hatte ich ein Gefühl persönlicher Dankbarkeit gegen den Mann, in dem ich den Mittelpunct der Liebe und achtung dieses ganzen Tales kennen lernen sollte. Aber seit Cecilens prophetischer Wink von dem Glück, was meiner in Glen Eredine warten könnte, so schön in Erfüllung gegangen war, dass ich mich auf das unerwartetste als Tochter eines Hauses aufgenommen sah, dessen Name mir vor einem Jahre noch ganz fremd warseitdem machte Heinrichs Name einen tiefen Eindruck auf mich. Ich mochte mir ihn nicht erklären und rechtfertigte ihn doch mit meinem traurigen Schicksal. Arm und freundlos, wie ich war, konnte ich das Wohl meiner Zukunft einzig durch Gottes mir unbekannte Fügung erwarten. Da nun Liebe, Glück durch Liebe, ein Bündniss aus Liebe dieser versagt schien, war es mein ängstlicher Wunsch, einem Mann vertraut zu werden, gegen den achtung und Gehorsam jede zärtlichere Neigung meines Herzens ersetzte. Lieben sollte dieses Herz nie. Nachdem es Maitlands Neigung verscherzt hatte, waren Ergebenheit und Pflicht die fortan ihm geziemenden Schranken.

Schüchtern, aber von Herzen, teilte ich die allgemeine Freude und half bei der allgemeinen Tätigkeit, die Heinrichs Ankunft im schloss verbreitete. Jede Hausmagd wollte sein Zimmer putzen, die Spinnerinnen besangen bei dem Schnurren ihrer Spindeln in selbst erfundnen Liedern seine Rückkehr. Die Knechte schossen Rehböcke, Rotwild und Auerhähne genug,