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, wird ihre Juwelen nicht mehr bemerken." Ich war unfein und keck genug, diese gar nicht an mich gerichteten Worte aufzufassen, und rief: Sehr verbunden, Herr Maitland! Eine Schmeichelei von Ihnen ist etwas so Seltnes, wie ein Königin Annens Pence, der, ohne mehr wert zu sein, als ein andrer, einzig ist, weil sie nur Einmal prägen liess. – "Der Pence war nicht zum Umlauf bestimmt, antwortete er trocken, er fiel aber einem Kind in die Hand, das ihn nicht für sich zu behalten verstand." – Das Wort "Kind" musste mich heute, wo ich zum ersten Mal als erwachsenes Mädchen in die grosse Welt zu treten im Begriff war, ganz besonders kränken. Tränen traten mir in die Augen, und mit sehr herabgestimmtem Mut stieg ich mit Miss Arnold und meinem strengen Mahner in den Wagen. Mit dem Ausruf der Bewunderung, der mir beim Eintritt in die gedrängtvollen Säle entgegentönte, kehrte mein Leichtsinn zurück, ich verliess auf das unverbindlichste Herrn Maitlands Arm, um mich von einem meiner gefälligern Bekannten zu einem stuhl führen zu lassen, und vermied, nach Jenem, der finster und nachdenkend neben mir Platz genommen hatte, mich umzusehen. Nach einigen Minuten, in denen mich der Glanz und die Fröhlichkeit des Schauspiels um mich her völlig zerstreut hatten, teilte sich das Gedränge, und ich erblickte Lady Marie, die mit Sylphen-Leichtigkeit die Reihen durchflog. Nie hatte sich ihre zarte Gestalt so vorteilhaft gezeigt, wie in der leichten, weissen, schön drappirten Hülle, die sie umgab; ihr goldnes Haar, schmucklos in Locken und Flechten geordnet, bildete die schönste Kopfform. – Ich ward zweifelhaft, ob meine Juwelen der vorteilhafteste Putz sein, den ich hätte wählen können. Nach beendigtem Tanz schritt die Lady auf einen Stuhl zu, den in demselben Augenblick ein sehr schöner junger Mann mit zierlicher Grobheit einnahm und, nachlässig ihre Rede anhörend, sein schönes Bein betrachtete, seine Finger ein paarmal durch sein, mit anmutiger Nachlässigkeit gelocktes Haar zog und sich dann, in eine bequeme Stellung zurechtgerückt, umhersah. Jetzt fielen seine Augen auf mich; lebhaft sagte er seiner Nachbarin einige Worte, die sie mit einem verächtlichen Aufwerfen des Kopfes beantwortete, er sprang auf, schien in einem augenblicklichen Wortwechsel mit ihr, und sie liess sich dann, halb wider Willen, von ihm auf mich zuführen. Nach einigen sehr kalten Worten von Wiedererkennen sagte sie, mir ihren Begleiter vorstellend: Mein Bruder, Lord Friedrich de Burgh, und wendete uns, ohne Miss Juliens demütige Begrüssung mit einem blick zu beehren, den rücken. Diese kränkende Vernachlässigung war mir ein Ruf, die Beschützerin zu spielen. Ich fasste sogleich Miss Juliens Arm und ging, von Lord Friedrich begleitet, im Saal umher.

Unter seinen modigen Mitgesellen konnte Lord Friedrich noch für kurzweilig und musste für einen der hübschesten angesehen werden. Ich nahm an Lady Mariens Blicken wahr, dass seine Aufmerksamkeit auf mich ihr im höchsten Grade missfiel, und machte mir ein fest daraus, durch die kleinen Künste, die Eitelkeit uns lehrt, ihn neben mir festzuhalten. Nach einiger Zeit forderte er mich zu einem Walzer auf; dieser Tanz ward dazumal noch für eine kaum gebührliche Dreistigkeit gehalten; ich weigerte mich lange, allein ein höhnisch missbilligender blick, den Lady Marie eben auf ihren lebhaft in mich dringenden Bruder warf, betörte mich, und ohne es eigentlich beschlossen zu haben, stand ich mit ihm mitten im saal. Alles wich zurück, ich sah Aller Augen auf mich gerichtet, ein lähmendes Gefühl von Schaam ergoss sich durch meine Sinne, allein es war zu spät; in unseeligem Wirbel flog ich dahin, das oft unfein ausgedrückte Lob der Männer betäubte meine schmerzhafte Verwirrung, ich drang mir selbst die überzeugung auf, der Tanz sei für mich schuldlos, und zwang mich, einen freien blick auf die Umstehenden zu werfen. Da trafen meine Augen auf Herrn Maitland, dessen blick mit Missfallen und unendlicher Wehmut mich betrachtete. O ich sah nie ein Auge, das so stechendes Missfallen auszudrücken im stand war! Ich ward bis zur Ohnmacht von ihm getroffen und eilte, mich durch den Haufen drängend, in den fernsten Winkel des Saals. Ein Kreis von Beileidbezeugendendenn man hielt meine plötzliche Beendigung des Tanzes für eine Unpässlichkeitversammelte sich um mich; Herr Maitland nahte sich gesetzt und fragte: ob ich mich nach Haus zu begeben gesonnen sei? – Aufgebracht über die Störung, mit der er meine Torheit erschreckt, beleidigt über die Gleichgültigkeit, mit welcher er der Umstehenden sorge gar nicht zu teilen würdigte, antwortete ich nachlässig: daran wär' in den nächsten Paar Stunden gar nicht zu denken, und schlenderte an Lord Friedrichs Arm den Saal hinab. Endlich um fünf Uhr, erschöpft von der Anstrengung, fröhlich zu scheinen, indess Heiterkeit fern von mir war, von Lärm und von Torheit übersättigt, verliess ich den Ball. Herr Maitland führte mich bis an den Wagen, wo er ernst und kalt seinen Abschied nahm. Oede in Kopf und Herzen, so müde, dass ich meinem schlaftrunknen Kammermädchen kaum, mich auszukleiden, Zeit liess, ohne einen Gedanken an den Allwaltenden, dem ich von jedem meiner Tage Rechenschaft zu geben bereit sein sollte, eilte ich in mein Bett.

Von da an war mein Leben ein fortwährender Kreislauf von Gesellschaft und Putz. Gedankenlos eilte ich von Kaufläden zu Morgenbesuchen, dann zu Ausstellungen, Versteigerungen, Assemblees, Schauspielen und Bällen