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von der Seite liess, und ihn mit Einladungen bestürmte, sein Haus als das seinige anzusehen. Je länger er Gabrielen sah, je deutlicher ward es ihm, dass diese Frau von allen, die er bis jetzt gekannt hatte, sich himmelweit unterschied, und so konnte es ihm nie einfallen, auf gewöhnlichem Wege sie zu gewinnen. Auch dachte er nie daran, planlos lebte er in ihrer Nähe fort, strebte auf jede Weise, sich dort zu erhalten, und sann nie darüber nach, warum er ihr nach und nach seine liebsten Gewohnheiten und Neigungen opferte, warum sie mit mächtiger Allgewalt ihn zu beherrschen beginne; es war ihm, als müsse alles diess so und nicht anders sein.

Gabrielen konnte es indessen nicht entgehen, wie zart und schonend der übrigens in allem so rücksichtslos handelnde Jüngling es vermied, die Lächerlichkeiten eines Mannes zu bemerken, der alt genug war, um sein Vater sein zu können. Sie sah, wie oft er gegen die Spottlust der übrigen jungen Leute ihn in Schutz nahm, und ihre holdeste Freundlichkeit lohnte ihm ein Betragen, welches sie für den untrüglichsten Beweis reiner Herzensgüte nahm. Der frühern jugendlichen Unbesonnenheit, mit welcher er in der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft es gewagt hatte, sie zu beleidigen, wurde nicht mehr gedacht; oder wenn es geschah, so schämte Gabriele sich des Ernstes, mit dem sie eine kindische, nichts bedeutende Ungezogenheit gerügt hatte. So gewöhnte jeder Tag sie immer mehr an die Gegenwart Hippolits, den sie zuletzt oft im Scherz ihren Edelknaben nannte.

Adelbert hingegen verlebte diese Zeit in stetem Schwanken zwischen Himmel und Hölle, bald in der wollustatmenden Nähe der Markise alles ausser ihr vergessend, bald niedergeschmettert von Reue und Selbstverachtung, wenn ein sorgender blick aus Gabrielens Augen, wie ein Strahl aus der schuldlosen, seligen Heimat ihn traf. Herminia hatte, als er, von Marion geführt, ihr Zimmer betrat, mit unwiderstehlichem Zauber den ganzen vollen Freudenkranz ihrer Beider Jugend neubelebt, in Himmelsfarben glühend, ihm zu zeigen gewusst. Ohne die frühere Schuld, welche diesen Kranz zerriss, wegleugnen zu wollen, aber auch ohne Reue darüber in Worten auszudrücken, hatte sie vor dem Beleidigten sich nicht gebeugt. Aber, während sie vorgab, ihm Lebewohl auf ewig zu sagen, musste er wähnen, in ein von Liebe, Reue, Schmerz zerrissenes Gemüt zu blicken, das in kalter Selbstverleugnung sich verloren gab, und nur bedacht schien, sich und seine Qualen ihm zu entziehen. Entschlossen, die Treubrüchige mit kalter wortarmer Vergebung verachtend niederzuschmettern, war er gekommen, nur wenige Minuten vergingen, und er lag zu ihren Füssen, sie entschuldigend, gegen ihre eignen Anklagen sie in Schutz nehmend, die jetzt erst laut zu werden begannen. Diese ihre erste Zusammenkunft endete von seiner Seite mit dem feierlichen Versprechen, noch am nehmlichen Abend wiederzukehren, um dann gefasster, mit Bewusstsein den Augenblick ewiger Trennung zu feiern und so in Zukunft sein Bild liebend vergebend und mild in ihrer Erinnerung leben zu lassen.

Zur unglücklichsten Stunde hielt Adelbert sein Wort. Der vereinte Zauber früherer Unschuld und jetziger blendend strahlender Schönheit, in Reue, in Verzweiflung, in aller Glut der hingebendsten Liebe, riss ihn hin, er vergass alles, auch die Augusten geschworne Treue. Ihr bescheidnes Bild trat weit zurück in den verborgensten Winkel seines Herzens, schmerzlich fühlte er es dort, ohne es sich selbst zu bekennen.

In bitterer Selbstverachtung gab er von nun an jede Hoffnung der möglichen Rückkehr zum Bessern auf. Er wollte nur Betäubung und fand sie; er sah und hörte nur Herminien, wie sie einzig in seiner Liebe leben und atmen zu können schwur, ihre Versicherungen, ihn nie ganz vergessen zu haben, ihr Geloben künftiger ewiger Treue, er glaubte Alles und Nichts. Im Wahnsinn äussern Sinnenrausches, gefoltert von inneren Vorwürfen in jeder Minute helleren Selbstbewusstseins, mied er aufs geflissentlichste alles, was ihn zu diesem bringen konnte, vor allen Gabrielen.

Herminia hatte bei Adelberts Wiedersehen wirklich eine Regung jener Gefühle empfunden, die einst ihre Jugend beglückten. Sie sah ihn zum edlen stolzen mann herangereift, sogar die Narbe über der Stirn, welche früher ihr so entsetzlich dünkte, erhob jetzt sein Gesicht, weit davon entfernt, es zu entstellen, zu dem eines Helden. Seine Erschütterung bei ihrem Anblick verriet ihr die Gewalt, welche sie noch immer über ihn üben konnte, und Gabrielens unverhohlne Teilnahme an seinem anscheinend plötzlichen Uebelbefinden liessen sie sogleich in dieser eine, wahrscheinlich beglückte Nebenbuhlerin ahnen. Gabrielens von allen gefeierter Name erregte schon ihre Eifersucht ehe sie selbst sie noch sah, jetzt da Hippolit ihr um jener willen untreu zu werden drohte, ward sie ihr ganz unerträglich. sechs in den gefährlichsten Umgebungen verlebte Jahre hatten Herminien sehr tief herabgezogen; Wechsel und Intrigue waren in dieser Zeit ihrem leidenschaftlichen Wesen zum Bedürfniss geworden, und unbekannt mit jeder bessern Regung, beurteilte sie alle und somit auch Gabrielen nach sich. Sie glaubte daher, sich nicht besser an dieser rächen zu können, als indem sie Adelberten von ihr abzuwenden und wieder in die alten Fesseln zu ziehen suchte. Zugleich hoffte sie dadurch Hippolits Eifersucht rege zu machen, und so auch ihn wieder zu gewinnen, den sie, ohne ihn zu lieben, dennoch nicht freigeben wollte, besonders nicht an Gabrielen. Alles dieses vereint bestimmte sie zuerst zu jener mühevollen Vorstellung, mit der sie Adelberten umgarnte, aber es ging ihr bald mit dieser Rolle, wie jeder guten Schauspielerin mit der ihrigen, sie gewann sie lieb, so dass