hinzu, "nehmen Sie lieber meine Aeusserungen, wenn sie Ihnen auch nicht ganz gefallen sollten, so auf, wie ich die Ihrigen, das heisst, mit Duldung."
Gleich nach diesem suchte sie dem Gespräch eine leichtere, gleichgültigere Wendung zu geben, aber es misslang ihr. Hippolit war zu sehr aus dem Gleichgewicht gekommen, um es sogleich wieder zu finden, und ergriff deshalb den ersten schicklichen Augenblick, um seinen Besuch zu beenden.
Von Gabrielen entfernt, fühlte er mit tiefer Beschämung, dass er wie ein ausgescholtener Schulbube vor ihr dagestanden, vor ihr, die ohne den geringsten Versuch, ihm seine vorgefasste Meinung von dem verhältnis zwischen ihr und Adelbert zu benehmen, dennoch, wie völlig gerechtfertigt, stolz und klar sich erhob, und zugleich eine Art herrschaft über ihn übte, zu welcher er sich nicht bewusst war, sie berechtigt zu haben.
Aergerlich und mit dem festen Vorsatze, kalt und unbefangen aufzutreten, stellte er zur Zeit der Mittagstafel zum zweitenmale sich in Gabrielens Zimmer ein, aber er konnte sich die Mühe sparen, denn sie begrüsste ihn nur mit einer leichten Verbeugung, und setzte dann sehr lebhaft ihr Gespräch mit einem Fremden fort, der eben aus Rom kam und Ottokarn dort gesehen hatte. Moritz hingegen, der seit gestern eine ganz eigene Zärtlichkeit für Hippoliten gefasst zu haben schien, bemächtigte sich sogleich seiner, um ihm eine Sammlung von Missgeburten zu zeigen, welche er am nehmlichen Morgen in der Auktion gekauft hatte. So ward im einzelnen Gespräch beinahe eine Stunde von der nur aus acht oder neun Personen bestehenden Gesellschaft hingebracht. Gabriele blickte oft auf die Uhr, man erwartete sichtbar noch jemanden. Blas und verstört trat endlich Adelbert herein, beantwortete sehr in der Kürze alle fragen nach seinem Befinden, schob einige unverständliche Entschuldigungen seines späten Erscheinens dazwischen, und versicherte dann wieder, nur der Blumenduft, einzig der Blumenduft im Kabinett der Markise habe ihm gestern den Zufall zugezogen, von dem er sich jetzt völlig hergestellt fühle.
Hippolit fand an der Tafel neben dem Herrn des Hauses seinen Platz, Gabrielen und Adelberten gegenüber. Letzterer blieb sichtbar verstimmt und Gabriele betrachtete ihn mit augenscheinlicher Besorgniss. Dann aber wendete sie sogleich alle ihre Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu. Jeden und jedes wusste sie an seinen Platz zu stellen, hatte Allen einzeln etwas angenehmes zu sagen oder zu erzeigen; und das auf so natürliche Weise, als müsste es so und nicht anders sein. Sie war die Seele der Unterhaltung ohne damit prunken zu wollen, im Gegenteil, es war, als ob der Abglanz ihrer Anmut sich auf die verbreitete, welche sie umgaben. Wer ihr nahte, gewann an Liebenswürdigkeit, an Geist, Witz, Verstand, denn sie wusste jeden lichten Funken hervorzulocken, und seit sie in der grossen Welt lebte, war, ausser Hippoliten, vielleicht noch nie jemand anders, als höchst zufrieden mit sich selbst, von ihr geschieden.
Adelbert versank inzwischen in immer trüberes Nachsinnen, aus welchem er, sichtbar sich zusammennehmend, auffuhr, wenn man ihn anredete. Moritz hingegen war seelenvergnügt und eine Albernheit jagte die andere aus seinem mund. Vergebens strebte diessmal Gabriele, das Gespräch abzuändern, Hippolit sah, wie sie alle Kraft ihres Geistes anwendete, um die Schwäche des Mannes, dem sie angehörte, zu verdecken, und die Nachtseite des Geschicks der schönen anmutigen Frau trat plötzlich in all' ihrem hoffnungslosen Dunkel vor seine Seele. "So," dachte er, "so muss das holde Wesen unablässig arbeiten, sich anstrengen, sich quälen lebenslänglich, und warum? Um der Welt zu verbergen, was sie leidet! Um fremden Augen das Unwürdige der Fesseln zu entziehen, die sie zu Boden drücken, und welche nur der Tod lösen kann!
Von unsäglichem Mitleide hingerissen, bemühte er sich von nun an, ihr zu helfen, und gewandt wie er war, gelang es ihm wirklich, den Faden der Unterhaltung behend zu ergreifen, ein Gespräch aufzubringen, welches unter seiner Leitung interessant genug ward, um selbst Moritzen zum Zuhören zu bewegen. Gabrielens dankbare Zufriedenheit, die er in ihren Augen las, lohnte ihn überreich, besonders da Moritz ihn einlud, morgen und an jedem Tage, so oft es ihm bequem sei, wiederzukehren; eine erlaubnis, welche er sich vornahm, recht oft zu benutzen. Mehrere Tage vergingen, während denen Adelbert und Hippolit die Rollen getauscht zu haben schienen. Ersterer war nur selten, und nie in Gabrielens Nähe zu finden, wenn er vermuten konnte, mit ihr allein zu sein. Er verliess mit dem frühesten das Haus, und kehrte nur selten, und spät wieder heim, während Hippolit dort fast jede Stunde des Tages verlebte, und die Markise nie anders, als umringt von fremden Zeugen, im geselligen Kreise sah. Er hatte sein verhältnis zu ihr nie bindend gefühlt und auch sie konnte, nach der stillschweigenden Uebereinkunft der Welt, in der sie zu leben gewohnt war, sich hierüber keine Illusion machen. Jetzt war das Band, welches ihn ihr verknüpfte, nicht gelöst, es war zergangen vor Gabrielens Erscheinung, wie Sommerwölkchen vor der Sonne in Nichts sich auflösen, und er achtete übrigens die Markise zu wenig, um ferner nach ihr, noch den Verbindungen zu fragen, die sie jetzt zu schliessen für gut finden mochte.
Nicht listig absichtlich, sondern vom ehrlichen Wunsche geleitet, Gabrielens Geschick zu erleichtern, hatte Hippolit sich in kurzer Zeit ihrem schwachen Gemahl so lieb und wert zu machen gewusst, dass dieser ihn ungern