1821_Schopenhauer_090_97.txt

nicht versiegelt, es war nur zusammengedreht, genau wie jene Zettelchen, die Herminia sonst ihm heimlich zuzustecken pflegte, als den Liebenden noch der ganze Tag, den sie im haus ihrer älteren mit einander verlebten, zu kurz war für alles was sie sich zu sagen hatten. Gedankenlos öffnete er das duftende Papier ohne bestimmt zu wissen was er tat. Hier der Inhalt desselben.

"Ich will nicht Vergebung, ich will nicht Mitleid, ich will nicht einmal andeuten dass ich zu beiden wohl berechtigt wäre. Ich verbanne mich auf ewig aus meinem vaterland, die nächste Stunde trifft mich nicht mehr hier. Der verhasste Anblick der armen Herminia soll nicht mehr den Abscheu des Mannes erregen dergenug ich reise. Doch einmal, einmal noch möchte ich zum Abschiede die Hand ergreifen, die einst bestimmt war, mich durch das Leben zu geleiten! einmal noch, ehe ich auf immer gehe! Ich weiss es, dieser Wunsch wird mir nicht gewährt werden, aber ich spreche ihn aus, ich fürchte nicht den Schmerz einer Verweigerung, denn ich fürchte keine Schmerzen mehr. Marion würde ungesehen, unbemerkt den Weg zu mir zu leiten wissen, ich wage es nicht noch eine Sylbe hinzuzufügen. Bitten klingt ja wie Hoffnung, Herminia hat seit gestern keine mehr."

Unschlüssig starrte Adelbert die lange nicht erblickten, wohlbekannten Schriftzüge an, dann hob er mechanisch den blick zur tür, dort stand Marion mit einem schlauen ächt französischen Kindergesichtchen. Sie machte einen kleinen Knix, schob die nur angelehnte tür auf, und trippelte, den blick rückwärts ihm zugewendet, die Treppe des Seitengebäudes hinab, auf welcher sie zu Adelberts Zimmer gelangt war. Gedankenlos schritt Adelbert ihr nach, über den Hof; auf der Strasse erwachte er zwar wieder und war im Begriffe umzukehren, aber er bildete sich ein, sich der Feigheit einer solchen Flucht vor der Gefahr schämen zu müssen, und dieses Gefühl trieb ihn vorwärts. Hippolit hatte indessen die Stunde sehr ungeduldig erwartet, in welcher er Gabrielens wohnung aufsuchen konnte, um bei Adelberten einen Krankenbesuch abzustatten, und vernahm mit nicht weniger Unmut als Erstaunen, dass der, welchen er, von Aerzten umgeben, im Bette zu finden geglaubt hatte, schon am frühen Morgen ausgegangen sei. Niemand wusste, wohin? Hippolit hatte bei diesem Besuche auf irgend einen günstigen Zufall gerechnet, der ihn bedeutender, als eine blosse zeremonielle Visite, bei Gabrielen Zutritt verschaffen sollte, und verweilte jetzt unschlüssig auf der Treppe, darüber nachsinnend, ob es geratner sei, schon jetzt sich bei ihr melden zu lassen, oder später wiederzukehren, als Moritz, ihm begegnend, seinen Bedenklichkeiten ein Ende machte, indem er ihn erst auf das freundlichste begrüsste und dann sogleich an das Ziel seiner Wünsche führte. Mit unendlichem Bedauern verliess der Baron dort aus Mangel an Zeit Hippolit, nachdem er diesen für den Mittag eingeladen, denn noch am nehmlichen Morgen hatte er der Auktion eines Naturalienkabinetts, einer Vorlesung über die Möglichkeit, den Luftballon zu regieren, und einer Opernprobe beizuwohnen. Schöner noch als im festlichen Schmuck des gestrigen Abends trat Gabriele Hippoliten im zierlich einfachen Morgenkleide entgegen. Ihr helles Auge ruhte mit sichtbarem Wohlgefallen auf ihm, ihr schöner Mund lächelte ihn freundlich an, während sie mit ihrer süssen melodischen stimme für die ihrem Gastfreunde geleistete hülfe ihm nochmals dankte. Er, sonst so vorlaut, aller Frauen Gunst so sicher, stand dabei fast unbehülflich da, und suchte vergeblich nach einer passenden Antwort, er fürchtete, Gabrielen etwas zu erwidern, weil er sie dann nicht mehr hören würde, und fühlte dabei doch mit innerer Angst das Lächerliche seines fortwährenden Schweigens. Endlich suchte er gewaltsam den Zauber zu zerreissen, der seine Zunge fesselte, er strebte wieder in den gewohnten Ton zu gelangen, mit dem er bis jetzt noch immer bei den Frauen Glück gemacht hatte, und ward zuletzt aus blosser Verlegenheit zuerst vorlaut, und endlich beinahe unverschämt. Mit erzwungner Bedeutung brachte er ziemlich ungeschickt einige witzig sein sollende Anspielungen auf den Kranken an, der solcher Teilnahme sich erfreuen könne, sprach dann von der Verpflichtung aller Männer, einem so ausgezeichneten Günstling des Glücks zu dienen, wenn gleich sie eben dieser Auszeichnung wegen ihn alle tödtlich hassen müssten. Das Unziemende solcher verbrauchten Scherzreden, Gabrielen gegenüber, fiel ihm selbst auf und vermehrte seine Verlegenheit; er wollte es mildern, und geriet immer tiefer hinein, bis sie ihn endlich unterbrach, nachdem sie ihm lange genug, zuletzt recht mitleidig ernstaft zugehört hatte.

"Ich könnte mich stellen, als verstünde ich Sie nicht," sprach sie, "oder ich könnte Sie auch verstehen, und dann mit gutem Fug und Recht mich erzürnen, und eigentlich sollte ich dieses auch wohl, aber Ihr ganzes Wesen, vor allem Ihre Jugend lassen mich hoffen, dass Sie mir eben eine Lection hersagten, die Ihr Kopf in der Welt, in der Sie bis jetzt lebten, auswendig lernte, von der aber in Ihrem Herzen keine Sylbe steht. Ich freue mich um so mehr der Aussicht, Sie oft und lange in unserm Kreise zu sehen, dem es vielleicht gelingen wird, Ihnen das Leben und auch die Frauen aus einem andern Gesichtspunkt zu zeigen." Hier schwieg sie, gleichsam eine Antwort erwartend, doch Hippolit, hochrot vor Zorn und Scham, vermochte kein Wörtchen aufzubringen und suchte nur in seinem Aeussern noch das sonst gewohnte dreiste Selbstbewusstsein auszudrücken. "Stehen Sie nicht so wie ein zürnender Heros vor mir," setzte daher nach einer kleinen Pause Gabriele lächelnd