schwache Geduldsfaden, besonders als noch immer weder Gabriele noch Hippolit sich blicken liessen. Die Migräne kehrte plötzlich wieder, und ward bald so unleidlich, dass die Gesellschaft verabschiedet und die tür des Kabinetts wieder verschlossen werden musste. Innerlich hoffte die Markise, dass ihr Ungetreuer, durch diese Maassregeln beunruhigt, in banger Besorgniss herbeieilen würde. Sie blieb sogar noch in der einmal gewählten Attitüde, so lästig ihr diese auch zu werden begann, aber umsonst, der Erwartete kam nicht.
Längst schon hatte dieser sich in seine wohnung zurückgezogen, während die Markise noch immer auf ihn harrte. Dort sass er in wortlosem Sinnen verloren, und horchte in die Nacht hinaus auf das ferne Rollen einzelner Wagen, wie es allmählich in den erstorbenen Strassen verhallte. "Morgen, Morgen! Wir werden ja sehen," sprach er endlich leise vor sich hin, und befahl dann seinem Kammerdiener, ihn früh zu wecken, denn ihm war, als stünde ihm in dem morgenden schon anbrechenden Tage etwas höchst Wichtiges bevor.
Die Nacht verging ihm zwischen Schlaf und Wachen, immer noch schwebte Gabrielens Gestalt, jede ihrer anmutigen Bewegungen, jedes ihrer noch anmutigeren Worte ihm vor. In fast nie gefühlter Wonne war er an ihrer Seite durch den Saal geschwebt, mit ungeheuchelter Bewunderung hatte er in der Gavotte jede malerische Wendung ihrer eleganten Gestalt, den Ausdruck des schönen Gesichts, das Spiel der zierlichsten Füsschen unverwendeten Blickes verfolgt, und da sie späterhin alles Tanzen verweigerte, hatte er, bis sie die Gesellschaft verliess, den Platz hinter ihrem stuhl behauptet. Dort lauschte er auf jedes ihrer Worte, und ihr Geist entzückte ihn nicht minder als ihre Schönheit. Leicht und unbefangen, gleich entfernt von Uebermut und Ziererei, sah er sie die Lobsprüche annehmen und ablehnen, mit denen man von allen Seiten sie überströmte. Er fand sogar keine Spur von dem sentimentalen steifen Tugendbilde, das seiner Fantasie vorgeschwebt, keine von der Maske, die er abzuziehen sich bereitet hatte. "Sie ist ganz Leben, ganz natur, Geist und Wahrheit," flüsterte er noch im Lauf des Abends der Gräfin zu, die ihrerseits auch anfing auf ihre Nichte stolz zu werden, mit grossem Selbstbehagen ihn um seine Meinung von ihr fragte und ihm erzählte, wie Gabriele von Kindheit an unter ihrer Aufsicht, in ihrem haus erzogen worden sei.
"Dass sie jenen glückseligen Adelbert liebt?" sprach Hippolit weiter, "nun Honny soit qui mal y pense! Wer kann es ihr verargen, der die in Eselshaut gebundne Enzyklopädie aller Künste und Wissenschaften sieht, welche der Himmel, er selbst mag es verantworten warum? ihr zum Gemahl erkohr. Mir ist sie durch diese Liebe nur um so verehrlicher und herrlicher. Ein Weib ohne Liebe ist ein Weib ohne Seele. Sogar die Hässliche wird leidlich wenn sie liebt, die Schöne wird dadurch zum Engel verklärt. Und dass diese Gabriele es unter ihrer Würde hält ihre Liebe zu verheimlichen, gefällt mir nun gar über die massen, sie heuchelt doch wenigstens nicht wie alle ihres Geschlechts, die etwas zu verschweigen haben was der Mühe verlohnt. Die Gräfin war ähnlicher Aeusserungen ihres jungen Schützlings zu gewohnt, um sich ernstlich darüber zu erzürnen; Ermahnungen aber achtete er nicht, sondern entging ihnen gewöhnlich und auch diesesmal durch schnelle Flucht. Wir werden ja sehen, ob es sich mit dem lahmen Helden nicht aufnehmen lässt! dachte er dabei in seinem Herzen. Alle alte Schmerzen regten sich indessen von neuem in Adelberts Brust; Hass, Liebe, Verachtung im furchtbarsten Kampf. Vergebens strebte er das verführerische Bild der Markise aus seiner Fantasie zu verbannen, vergebens rief er zu Augusten wie zu einer Heiligen, Herminia schwebte die ganze Nacht hindurch in all ihrer blendenden Schönheits-Pracht vor seinen aufgeregten Sinnen. So hatte er nie sie gesehen, nie geahnet, dass sie so über allen Ausdruck entzückend ihm erscheinen könne. Er bemühte sich, ihres Leichtsinns, ihrer Treulosigkeit, der unverantwortlichen Art mit der sie ihn verstiess, zu gedenken, er glaubte sie zu hassen, er wähnte sie zu verachten, und doch sah er noch immer die lockende Gestalt, gelagert unter Rosen, von Liebesgöttern umschwärmt. Er gedachte der Möglichkeit sie wieder zu sehen, und eine unbeschreibliche Angst bemächtigte sich seiner bei dem Gedanken. sehnsucht zog ihn zu ihr, Erinnerung in einem blutig zerrissnen Herzen hielt ihn zurück. Dieser Zustand erreichte eine so peinliche Höhe, dass er endlich, um ihm zu entgehen, den Entschluss fasste zu fliehen, ohne jeden andern Verlust weiter zu achten, der aus dieser Flucht im Laufe der Geschäfte, welche ihn hergeführt hatten, für ihn entstehen konnte.
Herzlich froh endlich, der peinigenden Ungewiss
heit entgangen zu sein, beschloss er nur die schickliche Stunde abzuwarten, um Gabrielen Lebewohl zu sagen, und dann zu eilen, um in Augustens Armen gegen sich selbst Schutz zu finden; doch graute ihm innerlich mit diesem Entschluss in der Seele allein und müssig zu bleiben. Er rief mit Tages Anbruch deshalb seinen Bedienten, gab ihm mehrere auf die nahe Abreise Bezug habende Aufträge, fing selbst an, Papiere zu ordnen und einzupacken, um nur in erzwungner Tätigkeit sein Gefühl nicht zur Sprache kommen zu lassen, als plötzlich, er begriff selbst nicht recht wie, eine der gestrigen Amorinen, in Gestalt eines artigen kleinen Mädchens von etwa zehn Jahren, ihm ein rosenduftendes Zettelchen in die Hand schob, bei dessen Anblick ihm beinahe, wie gestern beim Anblick der Schreiberin desselben, die Sinne vergingen. Das Briefchen war