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der so Ihre Teilnahme zu gewinnen wusste!" Mit einer leichten Wendung kehrte er sich nach diesen wie im Fluge gesprochnen Worten gegen Adelberten, der sich eben etwas erhohlte, um ihn die Treppe hinunter zu führen. Moritz folgte Beiden, immerfort seine Wunderessenzen anpreisend. Die Markise hatte es indessen für gut befunden, den leichten Schreck bald zu überwinden, und als Gabriele am arme der Gräfin zu ihr zurückkehrte, fand sie zwar sie noch immer in der Lage einer Kranken, aber voll Lust und Leben, voll Witz und Laune.

Ein in Paris auf das höchste gebildeter Instinkt lehrte sie, jedesmal den Ton der Unterhaltung der Neigung derer anzupassen, welche sie gewinnen wollte, und eigentlich wollte sie das gewöhnlich ohne Unterschied bei allen. Daher war sie witzig, trübe, oder auch gefühlvoll, wie es die Umstände erforderten, oft alles dieses in e i n e r Stunde. Was sie sprach, war selten bedeutend, aber es gewann in ihrem mund einen eignen Reitz; bei der höchsten Frivolität verstand sie entweder mit der Naivetät eines Kindes den Schein der unbefangensten Unschuld beizubehalten, oder auch mit glücklicher Keckheit bis an die äusserste Grenze weiblicher Zarteit zu treten, ohne dennoch diese je zu verletzen und so gefiel sie Allen, weil sie Allen Alles zu sein wusste.

Indessen misslang es ihr diesesmal dennoch Gabrielen an sich zu ziehen, obgleich sie sehr wünschte, durch sie etwas näheres von Adelberts gegenwärtiger Lage zu erfahren. Sie hatte ihn auf den ersten blick eben so wohl wiedererkannt als er sie, aber aus mancherlei Gründen wünschte sie, die frühere Bekanntschaft mit ihm zu verschweigen und suchte daher, nur ganz von weitem, Gabrielen zu einem Gespräch über ihn zu bewegen. Doch diese blieb einsilbig, sichtbar befangen, bis endlich Herr von Aarheim und Hippolit mit der Nachricht von Adelberts besserem Befinden anlangten. Ihr blick erheiterte sich jetzt, sie vermochte es nicht, Hippoliten den Tanz zu versagen, den dieser, von Moritzen unterstützt, als Botenlohn für die günstige Nachricht von ihr erbat. Triumfirend führte er sie in den Saal und alles strömte dem schönen Paare nach, um es walzen zu sehen.

Mit unverstellter Verwunderung sah die Markise sich allmählich von allen verlassen, ausser von einigen fräulein, die, durch traurige Erfahrungen gewitzigt, den Tanzsaal gern mieden. Zu diesen gesellten sich noch ein paar alte Damen, welche die gute gelegenheit sich nicht entgehen lassen wollten, jedes einzelne Stück des Ameublements im Kabinette recht ungestört zu betrachten und nach den Preisen sich zu erkundigen. Von Männern war nur Moritz von Aarheim dageblieben. Dieser unterhielt die Gesellschaft sehr lang und breit von Adelberts glücklicher Ehe, von Gabrielens innigem verhältnis zu dessen Gemahlin und zur Frau von Willnangen, und wie gewöhnlich hörte niemand auf ihn, sogar die Markise nicht, obgleich sie diess Gespräch selbst veranlasst hatte.

Tausend Sorgen beschäftigten diese; ihr so künstlich ersonnenes Krankenkostüm begann, sie in die peinlichste Verlegenheit zu setzen, sie hätte in diesem Augenblick gern alles darum gegeben, es wieder los zu sein, um die Vorgänge im Ballsaal mit eignen Augen beobachten zu können, aber sie sah doch keine Möglichkeit, es abzuändern, ohne sich lächerlich zu machen. Auch das Zusammentreffen mit Adelberten, den sie nie wieder zu sehen gehofft hatte, beunruhigte sie; Allen, sogar der Gräfin Rosenberg, hatte sie den Glauben wenigstens gelassen, dass sie eine geborne Französin aus einem grossen haus sei, die Entdekkung des Gegenteils, das konnte sie sich nicht verhehlen, musste ihr das Ansehen einer Abenteurerin geben; vor allem aber fürchtete sie das Bekanntwerden ihrer früheren Verbindung mit Adelberten. Diesen schnell wieder zu gewinnen, das schien ihr der sicherste Weg um allen möglichen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, und seine äussre Erscheinung konnte sie diesem Plan nur geneigter machen, besonders in diesem Augenblick, da sie Hippolits Benehmen gegen Gabrielen als für sich höchst beleidigend empfand. Zu ihrem grossen Verdrusse blieb ihr volle Musse allen diesen Betrachtungen nachzuhängen; denn auch die alten Damen hatten sich, nach richtig aufgenommenem Verzeichnisse der im Kabinette entaltenen Kostbarkeiten, den Spielzimmern zugewendet, Moritz aber war dem Ballsaal zugeeilt, um seinen teil an dem Triumfe seiner Gemahlin sich zu holen. Nur die verlassnen fräulein waren da geblieben, und die Markise fühlte sich auf eine kränkende Weise mit ihnen auf gleichen Fuss gestellt. Hippolit, der sonst ausser ihrem Kreise keine gesellige Freude anerkennen wollte, liess sich nicht wieder blicken, vermutlich huldigte er, wie alle andere, in diesem Augenblick nur jener Gabriele, die ihr immer verhasster ward.

Endlich vermochte es die Markise nicht länger, der peinigenden Ungewissheit zu widerstehen. Bei der Unmöglichkeit, gekleidet wie sie war, bis in den Ballsaal zu gehen, schickte sie die fräulein auf Kundschaft dortin aus, aber die armen Kinder kamen nach kurzer Zeit mit dem betrübten geständnis zurück, nichts gesehen zu haben. Es war ihnen unmöglich gewesen, den dichten Kreis von Zuschauern zu durchdringen, in dessen Mitte, wie sie gehört hatten, Gabriele mit dem Grafen Hippolit eben die Gavotte tanzte. Niemand hatte auf ihre Bitten, durchgelassen zu werden, geachtet, denn alle waren zu eifrig mit dem Schauspiele beschäftigt, welches, wie überlaute, bis in das Kabinett dringende Beifallszeichen jetzt verkündeten, so eben beendet ward.

allmählich kamen jetzt auch mehrere Herren und Damen herbei; alle schilderten den eben gehabten Genuss in den lebhaftesten Farben, und bedauerten zwiefach die unselige Krankheit, welche die Markise um den schönsten einzigsten Anblick in der Welt gebracht habe. Da riss dieser endlich der letzte