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alle dem hatten sie mit einander gemein, und doch war es unmöglich zu entscheiden, welcher von ihnen die Palme der Schönheit gebühre?

Zu matt für eine fortgesetzte Konversation, bat die Markise eine wie durch Zufall gegenwärtige berühmte Künstlerin, die Gesellschaft für ihre kranke Langweiligkeit durch die Zaubertöne ihrer Harfe zu entschädigen. Die Dame liess sich dazu willig finden, denn eigentlich war sie, nach Pariser Sitte, der die Markise in Deutschland treu blieb, um eine bedeutende Summe von letzterer für den Abend erkauft. Ein griechischer Sessel ward für sie zu den Füssen des Ruhebettes auf die Estrade gestellt, die grosse goldige Harfe strahlte in ihren Armen, und kaum hatte die Virtuosin mit prüfenden Akkorden die saiten berührt, als mehrere wunderschöne, fast idealisch gekleidete Kinder aus dem Nebenzimmer herbeieilten, und sich in malerischen Gruppen zwischen den Rosen- und Orangenbäumchen ordneten. Als grosse Lieblinge der Markise hatten sie in deren Wohnzimmer gespielt und waren von den Tönen der Harfe herbeigelockt worden. So wenigstens suchte ihre Beschützerin das unerwartete erscheinen mit lächelndem Zorne darüber zu entschuldigen, aber es bedurfte keiner Entschuldigung, denn jedermann fühlte sich von dem wirklich feenhaften Anblick hingerissen, den die Estrade in diesem Augenblick gewährte; es war als sähe man die Liebesgöttin von Amorinen umflattert.

Endlich ward Ruhe. Der Zirkel war allmählich grösser geworden; Mehrere, die nicht mit der Gräfin gekommen waren, hatten nach und nach sich vor und in dem Kabinette selbst versammelt, dessen Türen jetzt weit offen standen. Allgemein herrschte die tiefste Stille einer zur Bewunderung bereiten Erwartung; aber kaum hatte die Künstlerin in leisen Akkorden begonnen, als ein wunderliches fortwährendes Klirren sie wieder verstummen machte.

Zürnend blickten alle in die Ecke, aus welcher das störende Geräusch zu kommen schien. Dort stand Adelbert, todtenbleich, den stieren blick auf die Markise geheftet. An allen Gliedern heftig bebend, hielt er sich, anscheinend völlig bewusstlos, an einem Gestelle fest, welches in einer Ecke des Zimmers mit Porzellan beladen stand, sein Zittern teilte sich denen darauf befindlichen Prunkvasen und Tassen mit, alles stiess tönend aneinander, ohne dass Adelbert weder dieses, noch die daraus entstehende Störung gewahr ward. Seine Seele war in seinen Augen, sein Herz klopfte in ängstlichen Schlägen gegen seine Brust, als wollte es sie zersprengen, denn mit dem ersten blick auf die Markise hatte er in ihr Herminien erkannt.

"Adelbert!" rief Gabriele und sprang erschrocken von ihrem Sessel auf, dem Freunde, den sie plötzlich erkrankt glaubte, zu hülfe zu eilen.

Ein allgemeiner Aufruhr entstand, die Damen drängten sich um die Markise her, welche vor Schreck ohnmächtig zu werden drohte, die Herren führten Adelberten in ein Nebenzimmer, der noch immer bewusstlos mit erstorbnen Augen jedermann anstarrte. Alle umstanden ihn unschlüssig, auch Gabriele, die im ersten Schrecken, jede konventionelle Regel vergessend, ihm gefolgt war. Plötzlich erkannte er diese und mit einem erstickten Schrei des Schmerzes ergriff er ihre hände, drückte sie an seine Augen, unter fast konvulsivischem Beben, während einzelne Tropfen kalt und schwer ihm über die Wangen rollten.

"Um Gotteswillen einen Wagen, einen Arzt! der Rittmeister ist sehr krank," rief Gabriele wie ausser sich; "er muss gleich zu haus gebracht werden."

"Liebe Nichte, das ist ja ein entsetzlicher Zufall," sprach die Gräfin, welche als Frau vom haus eben hinzutrat; "doch beruhigen Sie sich, mein Wagen wird angespannt, der Arzt wird gleich hier sein den Herrn von Lichtenfels zu begleiten, und nun bitte ich, folgen Sie mir zu den übrigen Damen, beruhigen Sie sich, bitte ich nochmals, für alles nötige wird gesorgt."

Gabriele war indessen zu aufgeregt um auf alle diese Redensarten zu achten, sie schien im Gegenteil völlig entschlossen, den Rittmeister, der in ihrem haus wohnte, zu begleiten. Die Gräfin stand in peinlicher Verlegenheit und sogar von ihrem Betragen etwas beleidigt, dabei, als plötzlich Moritz, mit dem Geschrei, ma che cosa che cosa? what's te matter? ihr zum Trost erschien, gerade im Momente, als das Bereitsein des Wagens gemeldet ward.

Die Gräfin beeiferte sich Gabrielens Gemahl den Vorgang zu erklären. "Herr von Lichtenfels ist von einem plötzlichen Schwindel ergriffen," sprach sie, "er braucht schnelle hülfe, gewiss werden Sie ihn begleiten, und unsre Gabriele wird sich beruhigen, uns ihre Gesellschaft nicht entziehen, wenn sie ihn unter Ihrer Vorsorge weiss."

"Certainement" erwiderte Moritz, und begann in der Kürze die Reichtümer seiner Hausapoteke anzupreisen, die seltensten arcana, die kostbarsten Wunderessenzen gegen Schlagfluss, Schwindel und bösen schnellen Tod. "Sie stehen ihm alle zu Diensten," rief er, "ich freue mich der gelegenheit ihre Kräfte einmal erproben zu können. Vous resterez, ma chère!" setzte er, gegen Gabrielen gewendet, etwas scharf und schneidend hinzu, da er bemerkte wie sie dennoch Miene machte ihn begleiten zu wollen.

Hippolit hatte bis jetzt ganz ohne alle äussre Teilnahme, den prüfenden blick auf Gabrielen geheftet, dagestanden; doch jetzt, als er sie besonders bei Erwähnung der Hausapoteke, ängstlich noch bleicher werden sah, konnte er einer mitleidigen Regung sich nicht erwehren. Er nahte sich ihr unbemerkt. "Vertrauen Sie mir," flüsterte er ihr zu, "ich begleite ihn auch, und verlasse ihn nur unter der Aufsicht des Arztes. Sobald er meiner Gegenwart nicht mehr bedarf, bringe ich Ihnen Nachricht von ihm; von dem Glücklichen,