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Familie. Vor fünf bis sechs Jahren ward mir die Nachricht ihrer Vermählung mit dem halbverrückten Erben unserer Mannlehngüter mitgeteilt; es ist unmöglich, dass sie es sei."

"Ach Gott! sie wird es wohl sein," rief kläglich Graf Hippolit, der gegenwärtige Verehrer der Markise, "sie wird es sein, die Mondscheinsdame; sie wird zu allgemein gepriesen, als dass wir viel von ihr erwarten könnten!" "Also Ihre Kusine? liebe Rosenberg, nun ich sterbe vor Neugier, wenn ich nicht bald dieses Wunder der Welt zu gesicht bekomme!" fiel halb jähnend die Markise ein.

"Ach, wie gerne täte ich das auch," rief lustig Hippolit, "aber mir sind leider schon in der Welt zu viele dergleichen Wunder vorgekommen, die, entschleiert, eigentlich alle sehr gewöhnlich und natürlich dastanden. Es ist immer das alte Buch mit einem neuen Titel, das nehmliche Rätsel in ein anderes Gewand eingekleidet, was man uns da zu studiren gibt. Bei alle dem bleibt es aber doch ein Studium, dessen man nie überdrüssig wird, besonders wenn uns, wie hier, jede Stunde mit einer neuen ganz unerhörten Kaprize beglückt." Indem er diess hinzusetzte, wollte er die Hand der Markise an seine Lippen drücken, sie entzog sie ihm aber, heftig und unwillig sich sträubend. "Schöne Dame," rief Hippolit in seinem Uebermut, "indem Sie zürnen, beweisen Sie, dass ich Recht habe; die kleine Wut steht Ihnen so allerliebst, dass ich dadurch leicht verleitet werden könnte, Sie alle Tage halb tot zu ärgern. Die Versöhnungen, die doch auch nicht zu verachten sind, hätte ich dann für meine Mühe noch obendrein."

Die Markise begann recht ernstlich sich zu erzürnen, doch nicht auf lange; die Gräfin warf sich zur Vermittlerin auf, und der Friede war bald geschlossen.

Der glänzende Graf Hippolit, entsprossen aus einem der edelsten Geschlechter in Ungarn, schön wie Apoll, kaum zwanzig Jahre alt, und dabei schon unumschränkter Herr grosser Reichtümer, war allerdings eine Eroberung, welche eine Frau, wie die Markise, sich auf alle Weise zu erhalten streben musste. Auch war es ihr seit dem Moment gelungen, da er in Paris, als ein weitläufiger Verwandter der Gräfin ihr vorgestellt ward. Ihre seltene Schönheit, ihr leichter Sinn, vor allem eine gewisse pickante Ungleichheit in ihrem Betragen entzückte ihn, und Gewohnheit, Ueberdruss am Wechsel, hatten bis jetzt ihn fest gehalten.

Als die Damen Paris verliessen, wusste er eben nichts besseres zu tun, als ihnen nach Deutschland zu folgen, und bei dieser gelegenheit späterhin einen Besuch in seinem vaterland und auf seinen Gütern abzustatten. Vor jetzt war er der tägliche Gast in ihrem haus, ihr steter Begleiter ausser demselben, aber die Strenge, mit welcher die Gräfin über die gesetz des Anstandes zu wachen gewohnt war, hatte ihn veranlasst, sich eine von ihnen abgesonderte eigene wohnung zu wählen.

Ungeachtet seiner frivolen Aussenseite, war Hippolit von natur zu allem Grossen und edlen geeignet, aber das Schicksal, welches sein äusseres Leben mit jedem Vorzuge reichlich ausstattete, hatte ihn schon früh im inneren tief verletzt und sein Entwickeln verhindert. Von einer leichtsinnigen Mutter als fünfjähriger Knabe verlassen, von einem durch das Betragen seiner Gattin mit der Welt und dem Leben entzweiten, verbitterten Vater erzogen, war der arme Hippolit um jenes Vertrauen in die Menschen gebracht worden, ohne welches keine Jugendblüte fröhlich gedeiht. Sein ganzes Wesen widerstrebte der strengen klösterlichen Zucht, in welcher er bis in sein funfzehntes Jahr gehalten ward, er fühlte zur Freude sich geboren, aber jede Jugendlust, wie jede sanftere Regung, ward von der Strenge seiner Zuchtmeister niedergedrückt. Er war zu stolz, die hülfe der, in ihm ihren künftigen Herrn schmeichelnden Diener anzunehmen, und seinen Vater zu betrügen, um wenigstens Stundenlang seinem Kerker zu entgehen, aber in ihm wogte ein verzehrendes Feuer, das, weit entfernt sein Herz zu erwärmen, es nur immer enger zusammenzog, während seine Fantasie ihm das Glück künftiger Freiheit in den glühendsten Farben mahlte. Das jedem gutgearteten kind eigene Sehnen nach Liebe sprach zwar auch mächtig in seiner Brust, aber er drückte es, als seiner unwürdig, nieder, denn wen sollte er lieben? Rings um sich sah er nur fühllose Strenge oder erbärmliche Kriecherei. Künftiger Genuss ward ihm die Loosung des Lebens. Worin dieser bestehen sollte, wusste er nicht deutlich sich zu sagen, aber einstweilen gedachte er, die freudenlose Zeit, welche er jetzt verlebte, durch eifriges Bestreben nach Wissen als vorbereitend zu benutzen. Mit dem grössten Eifer verfolgte er daher den gang der ihm von seinem Vater vorgeschriebenen Studien, jede Stunde bereicherte seinen Geist, aber in seinem Gemüt ward es immer ärmer, immer mehr erstorben, bis der Zufall den einzigen Bruder seines Vaters in seine Nähe führte. Hippolit war jetzt funfzehn Jahr alt, und zum erstenmal seit seiner frühesten Kindheit hörte er nun wieder mit milden Worten sich anreden. Da brach die Eisrinde, in welcher sein Herz beinahe erstarrt war. Mit der kindlichsten Liebe, mit der innigsten Treue eines jugendlichen Gemüts hing er sich nun an den Oheim, der wie eine himmlische Erscheinung in die Nacht seines Daseins strahlte und sogar auch die düstere Stimmung seines Vaters milderte, als letzterer plötzlich erkrankte. Ein seit langen Jahren allmählich heranschleichendes Uebel warf den alten Grafen wenig Monate nach der Ankunft seines Bruders auf das Sterbebette. Bleich und bebend kniete Hippolit neben demselben, als der Vater zum